1000 Meilen Race

Wie macht man eine Charteryacht schnell?

Der Start des Rennens rückt näher, noch knapp zwei Wochen. Auf was muss man eigentlich achten, wenn man einer stinknormalen Charteryacht Beine machen will?

Andreas Fritsch am 28.09.2018
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Yacht / Andreas Fritsch

Man kann sich den Stress ja auch selber machen: Zum Beispiel, indem man eine Charteryacht am Ende der langen Saison am Samstagnachmittag übernimmt und dann am Sonntag um 16 Uhr zu einer 1000-Meilen-Langstrecke startet. Knapp 24 Stunden, um ein von der Saison gezeichnetes Boot komplett auf Herz und Nieren zu checken – und dann auch noch regattafit, sprich schnell, zu machen. Eigentlich Irrsinn, oder?

Fand die YACHT-Lesercrew für das Rennen auch und entschloss sich daher schon früh, das Boot zwei Tage eher zu chartern, um Übernahme, Einkauf, Fine-Tuning etc. in Ruhe zu erledigen und auch noch ein, zwei Testschläge vor Biograd zu absolvieren. Denn zu tun ist mehr als genug. Dauert ein normaler Charter-Check-in bei uns etwa eine Stunde, setzen wir da diesmal einen halben Tag an. Schließlich ist es nacher auf hoher See nichts mit Reparaturen – auch wenn der Veranstalter ein Team nach Lefkas entsendet, das mögliche Probleme dann beim Stoppover behebt.

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Schließlich gibt es Defekte, die womöglich zum Rennabbruch führen können. Besonders die Segel muss man sich kritisch anschauen. Kleine Risse oder aufgehende Nähte können rasch zum Problem werden, falls man in einen kräftigen Herbst- oder Gewittersturm gerät. Liekleinen-Klemmen sind oft defekt, Tell-Tales vom Winde verweht. Alle Bavaria 45 starten mit den Standard-Rollsegeln, also den gleich stumpfen Waffen, könnte man sagen. Wir beten nur, dass unsere noch einigermaßen gut sind und nicht schon die gefürchtete Beutel-Form mancher Chartertücher haben.

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Das Trysegel anschlagen gehört auch zur Vorbereitung

Marode Schoten, ausgerissene Liekleinen, halbtote Batterien, defekte Positionslampen, kaputte Display-Beleuchtungen, verhakte Loggen, streikende Windanzeiger – die Liste der Dinge, die auf See richtig ärgerlich werden können, ist lang. Und dann sind da natürlich noch die vielen Überlegungen, die man vor der Strecke abwägen muss: Was und wie umstauen? Das ist nur begrenzt möglich, Anker und Kette müssen montiert bleiben, Sprayhood und Bimini dürfen zusammengeklappt, aber nicht abgebaut werden. Überhaupt: Alle Ausrüstung des Bootes muss an Bord bleiben – für Offshore-Regatta-Segler wahrscheinlich ein Alptraum.

Aber man kann verstehen, dass die Pitter-Leute keine Lust haben, nach dem Rennen auf jedem Schiff halb ausgeräumte Schapps vorzufinden und sich das in Autos "umgelagerte" Ausrüstungsmaterial wieder zusammenzusuchen, während die Crews bierselig ihr überstandenes Abenteuer feiern. Aber immerhin gibt es ein paar Freiheiten: Schoten dürfen getauscht und Barberholer montiert werden, die Wassertanks darf man leeren, wenn man sich denn nicht waschen möchte. Die Gangway und das Dingi dürfen im Ausgangshafen bleiben. Wer mag, kann das Unterwasserschiff schrubben. 

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Die meiste Arbeit ist mit dem Startschuss beendet – dann müssen wir "nur" noch segeln

Beim Thema Gewicht ist natürlich die Frage, wie viel Aufwand man betreiben möchte. Umstauen nach Wenden bei Am-Wind-Kursen? Wirklich immer, auch nachts, auf der Kante sitzen? Die eigene Ausrüstung auch? Fragen über Fragen, die geklärt sein sollten.

Und natürlich gibt es noch die vielen kleinen Details, die erledigt werden müssen: Wachpläne im Schiff aushängen, Schapps beschriften, was dort gestaut ist, Not-Rollen aushängen, Trimm-Bändsel in die Segel kleben, Holepunkte markieren und dafür natürlich zuvor Trimmschläge machen. Schwergängiges mit WD40 oder anderen Gleitmitteln flottmachen. Startnummern anbringen, den Papierkram erledigen, Ausklarieren, im Regattabüro melden, Steuermannsbesprechung – und, und, und.

Kritisch wird es zum Beispiel beim Thema Mast: Keiner an Bord fühlt sich so recht kompetent, um einzuschätzen, wie gut der getrimmt ist. Wer schon einmal ein Mehrsalings-Rigg mit Intermediates selbst gesetzt und eingestellt hat, weiß, wie viel Arbeit das ist – und wie schwer abzuschätzen, ob es gut gelungen ist. Aber immerhin: Genau dafür haben wir nun drei Tage Zeit. Und wir sind uns ziemlich sicher: Langweilig werden die nicht werden.

Andreas Fritsch am 28.09.2018

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