Ostsee

Wenn der Delphin mit dem Schiff spielt

Stundenlang hält sich ein seltener Tümmler in der Ostsee am Schiff von Skipper Fritz Plewe auf. Wissenschaftler Boris Culik erklärt das Phänomen

Menso Heyl am 14.12.2019
Delfinsichtung
Fritz Plewe

Der große Tümmler an der Najad im Augustenborgfjord

Die YACHT berichtet in ihrer kommenden Ausgabe über die erstaunliche Annäherung eines Delphins an eine Yacht in der Ostsee. Professor Boris Culik vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel erklärt die Hintergründe. 

Herr Professor Culik, ist das Auftauchen von Delphinen in der Ostsee tatsächlich eine neue Entwicklung? Was sind die Ursachen?

Culik: Tatsächlich gibt und gab es immer wieder verschiedene Meeressäugerarten, die in die Ostsee gelangt sind. Auch für Delphine trifft das zu. Die dänische Website hvaler.dk listet aktuelle Sichtungen auf. Am intensivsten ist die Dänische Beltsee betroffen. Doch auch prominente Gäste wie der Finnwal in der Kieler Förde, die großen Tümmler Selfi und Delphi, der große Tümmler Freddy und der diesjährige Delphin Schwentini sind Beispiele dafür in den letzten Jahren.

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Stundenlang bleibt der Delphin in der Nähe

Handelt es sich um Einzelfälle oder um Anzeichen für eine grundlegende Veränderung der Meeresfauna?

Bislang sind dies Einzelfälle: Alle genannten großen Tümmler waren Männchen, damit kann sich keine eigenständige Population begründen.

Bei früheren Medienberichten und auch bei dem uns vorliegenden Video- und Fotomaterial entsteht der Eindruck, dass die Delphine die Nähe von Menschen bzw. Booten suchen. Ist dieser Eindruck richtig?

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In vier Wochen kam der Delphin zweimal ans Schiff

Tatsächlich sind Delphine dafür seit der Antike bekannt. Sie spielen mit den Bugwellen der Schiffe und scheinen den Kontakt zu suchen. Vermutlich sind sie einfach sehr neugierig. In einer wissenschaftlichen Studie von Terrie Williams wurde gezeigt, dass das Surfen in der Bugwelle für Delphine so ist wie Busfahren für uns: mühelos.

In dem uns geschilderten und dokumentierten Fall im Augustenborg-Fjord kommt der Delphin immer wieder ans Boot heran, taucht drunter durch, legt sich auf die Seite und schaut nach oben zum Skipper. Ist das "Spieltrieb"? Oder was sonst erklärt dieses Verhalten?

Ja, so würde ich das auch sehen, Spieltrieb und der Wunsch, dieses unbekannte Etwas zu begreifen. Die genannten großen Tümmler waren alle vermutlich Jungtiere und hatten eine Menge zu lernen.

Ist es gefährlich, zu so einem Tursiops truncatus ins Wasser zu steigen?

Die Tiere haben ein ähnliches Gewicht wie ein Pferd, und ein Schlag mit der Schwanzflosse kann schlimme Folgen haben. Mit Schweinswalen spielen sie häufig so, dass diese am Ende tot sind. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass bislang Menschen angegriffen wurden, vermutlich, weil diese keinen Jagdinstinkt auslösen. Bestes Beispiel dafür ist die Neuseeländerin, die beim Schwimmen von einer Gruppe Orcas begleitet wurde, ohne auf die Tiere zu reagieren. Dazu gibt es ein eindrucksvolles Drohnen-Video. Auf jeden Fall sollte man die Tiere nicht berühren – leichter gesagt als getan, wenn sie neugierig immer näher kommen –, um die Übertragung von Keimen zu vermeiden.


Ist die Veränderung der Meeresfauna in der Ostsee vor dem Hintergrund des Klimawandels eine gute Nachricht oder eine traurige?


Der Klimawandel ist vielleicht in dem Zusammenhang weniger wichtig als die Erholung der Delphinpopulation in der Nordsee, einer der Gründe, der für das vermehrte Auftreten in der Ostsee genannt wird. Und hier gibt es ja auch interessante Fisch-Beute wie Sprotten, Heringe und Makrelen, auch Dorsche, die zu gewissen Zeiten, zum Beispiel beim Laichen, in großen Anzahlen auftreten und für reichlich Futter sorgen.


Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?

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Delphin-Sichter Fritz Plewe

Das hängt davon ab, wie sich die Fischbestände in der Ostsee erholen, wovon ich allerdings ausgehe. Es hängt aber auch mit anderen, negativen Einflüssen zusammen, wie zum Beispiel der Nutzung von Schießgebieten unter Wasser und der Sprengung alter Munition.


Wie sollen sich Segler verhalten, die so ungewöhnliche Tiere sichten oder wie im vorliegenden Fall sozusagen in ihre Gesellschaft kommen?


Bei den Kieler Delphinen war es so, dass Anhalten und Maschine aus dafür sorgte, dass die Tiere das Interesse am Boot verloren. Ich würde also sagen: Kurs beibehalten und wenn der Delphin abdreht, vielleicht nochmals den Kontakt durch einen Kurswechsel suchen. Auf keinen Fall näher als 50 Meter ranfahren, die Wale müssen selber rankommen – wollen.

Mehr zum Thema lesen Sie in YACHT 1/2020!

Menso Heyl am 14.12.2019

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