Mastbruch

Untersuchungsbericht fördert Haarsträubendes zutage

Der Onderzoeksraad voor Veiligheid, eine Art BSU der Niederlande, hat sich die Umstände des Unglücks mit drei Toten näher angeschaut – und wird sehr deutlich

Alexander Worms am 27.07.2017
Mastbruch
picture alliance/dpa/Catrinus Van Der Veen

Am 21. August 2016 bricht auf dem Plattbodenschiff "Amicitia" bei der Einfahrt in den Hafen von Harlingen der Hauptmast etwa 13,50 Meter über dem Deck. Der herabfallende Mastteil mit Gaffel und Großsegel erschlägt drei deutsche Gäste, die auf dem Vordeck damit beschäftigt sind, das Vorsegel aufzutuchen.

Wie auch in Deutschland üblich, nimmt sich eine spezielle Stelle der Sache an, der Onderzoeksraad, wenn es sich um ein schweres Schadensereignis handelt. Dabei wird vor allem auf strukturelle Probleme in der Organisation geachtet, um derartige Unglücke in Zukunft möglichst zu vermeiden. Ebenfalls wie in Deutschland, ist das Prozedere gesetzlich geregelt. Alle betroffenen Parteien bis zum Infrastruktur- und Wirtschaftsministerium werden untersucht, befragt und mit den Ergebnissen konfrontiert. Der 121 Seiten starke Bericht legt nahe, dass sehr sorgfältig gearbeitet wurde.

Technische wie organisatorische Versäumnisse

Mastbruch

Das Material ist so morsch, dass ein Messer leicht eingestochen werden kann

Doch was fördert der Bericht nun ans Licht? Zunächst gibt es laut den Verantwortlichen zwei Dimensionen: die direkte technische Ursache sowie ein Organisationsversagen auf mehreren Ebenen, die zum Unglück führten. Wie sich bereits seinerzeit durch Recherchen der YACHT zeigte, konnte der Mast hinter der Mastmanschette durchfeuchten. Durch lange, vertikale Risse an der Außenseite – bei Holzmasten völlig normal –  konnte Feuchtigkeit ins Innere des Mastes gelangen. Durch hinter der Manschette durchgeführte Reparaturen (Ausleisten) und Abdichten konnte die eindringende Feuchtigkeit jedoch nicht mehr, wie sonst üblich, entweichen. Es bildete sich Staunässe, die letztlich zur Verrottung von etwa 75 Prozent des Mastquerschnittes hinter dem Schutzblech führte. Der Druck der Gaffel gegen den Mast reichte dann aus, um die Katastrophe auszulösen. So weit die technischen Ursachen.

Grafik Einwasserung

Deutlich zu sehen: Wasser dringt ein und kann hinter der Manschette nicht wieder abfließen

Sorglose Behörden

Spannender jedoch, auch aus Sicht der zukünftigen Gäste, ist die Frage, wie der Mast unbemerkt so schnell verrotten konnte, dass das binnen des eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollintervalls von 2,5 Jahren niemandem auffiel. Dazu der Ablauf der Überprüfung: Das Ministerium überträgt die Aufsicht über die Einhaltung der einschlägigen Gesetze dem ILT, der "Inspektion für Lebensumgebung und Transport". Die wiederum gibt die Überprüfung weiter an Klassifizierungsgesellschaften, die durch eine Akkreditierungsstelle ernannt werden. Diese wird ihrerseits vom Ministerium ernannt. Die Klassifizierungsstelle führt dann die Abnahmen an Bord durch und soll vom ILT dabei durch Stichprobenkontrollen überwacht werden. Letztere fanden wegen Personalmangels nie statt. 

Weiterhin haben die Klassifizierungsgesellschaften die Prüfintervalle für Masten auf inoffizielles Geheiß eines Mitarbeiters des ILT eigenmächtig auf sechs Jahre verlängert. So wähnte sich der Eigner der "Amicitia" in Sicherheit, galt sein Zertifikat doch noch. Übrigens war das Zertifikat für die Takelage ausgelaufen und bei einer Überprüfung wegen Mängeln nicht verlängert worden. Eine Konsequenz für den Eigner, etwa die Stilllegung des Schiffs, ergab sich daraus jedoch nicht. So fordert der Bericht, Klassifizierer, ILT und Ministerium auf, ihrer Verantwortung künftig in größerem Maße als bislang nachzukommen und alle geltenden Zertifikate schnellstmöglich zu überprüfen.

Ahnungslose Eigner

Den Schiffsführern, Eignern und den mit der Pflege der Schiffen Beauftragten attestiert der Bericht mitunter Ahnungslosigkeit bei der Durchführung von Reparaturen und Wartungsarbeiten. Auf der "Amicitia" hat ein pensionierter Zimmermann – ein Freund des Eigners, der nie zuvor an Masten von Traditionsseglern gearbeitet hatte – Reparaturen durch Einkleben von Spunden im Bereich des späteren Bruchs durchgeführt. Dass der Mast dort im Inneren verrottet gewesen könnte, ist dem Mann nicht aufgefallen. Der Eigner hat den Schaden und die Arbeiten nicht mal in Augenschein genommen. Weiterhin ergab eine Befragung unter den Eignern der Schiffe der Flotte, dass oft kommerzieller Druck zu selbst durchgeführten und nicht immer fachgerechten Reparaturen führt.

Zwar seien die Skipper maritim gut ausgebildet, hätten jedoch oft wenig Ahnung von der Technik der so speziellen Dinge wie etwa Pflege und Reparatur von Holzmasten. Wartungspläne, aus denen eine überlegte, geplante und fachgerechte Pflege der Schiffe hervorgeht, hat keiner der befragten Skipper. Auch das kritisiert der Bericht und empfiehlt der BBZ, der Branchenorganisation der Charterschiffe, eine Wissendatenbank aufzubauen, aus der weniger versierte Mitglieder Informationen zu Pflege und Reparatur der Schiffe beziehen können. Ebenso sollen verbindliche Branchennormen formuliert werden, an denen sich Eigner und Gäste gleichermaßen orientieren können. Auch bei der Erstellung der Wartungspläne könne die BBZ die Mitglieder unterstützen, so der Bericht.

Mastbruch

Offenbar Pfusch an der Mast-Manschette: wohl unfachmännisch eingesetzter Spund (helle Fläche)

Nagel auf den Kopf

„Wer die Flotte kennt", sagt ein Insider gegenüber Yacht online, „weiß dass es so ist. Finanziell unter Druck, oft Quereinsteiger, in den fetten Jahren gewachsen mit mehreren Schiffen und jetzt ums Überleben kämpfend. Hinzu kommen die Zertifizierungen, die von vielen als lästig angesehen werden. Und weil man die Zertifizierer selbst bezahlt und die im Wettbewerb stehen, schauen die dann auch mal nicht so genau hin – mit womöglich einem tragischen Ergebnis wie in diesem Fall."

Es bleibt zu hoffen, dass die Lehren aus dem Unglück schnell gezogen werden. Im Zweifel werden durch strenge Kontrollen einige Seelenverkäufer aussortiert, was den Markt verkleinern und somit die Margen für die ordentlich arbeitenden Skipper, und davon gibt es genug, wieder auf ein sinnvolles Niveau heben würde. Dann können Gäste wieder mit einem guten Gefühl auf die Traditionssegler. 

Der Untersuchungsbericht ist auch auf Deutsch ist im Internet einsehbar.

Alexander Worms am 27.07.2017

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