Zum Tode von Siegfried Rauch

"Unter der Sonne sind wir alle gleich"

Am Sonntag starb der Schauspieler Siegfried Rauch. Der populäre Traumschiffkapitän war ein leidenschaftlicher Segler, bis ins hohe Alter

Uwe Janßen am 13.03.2018
Rauch
ZDF

Seit 1958 stand Siegfried Rauch auf der Bühne und am Set, und es gibt hierzulande wohl kaum jemanden, der sein markantes Gesicht nicht kennt. Unter vielen Namen trat der drahtige Mann mit den meerblauen Augen in Kino und Fernsehen vor sein Millionenpublikum: als "Traumschiff"-Kapitän Jakob Paulsen, als Hauptmann Oskar Steiger (im siebenfach Oscar-prämierten Film "Patton – Rebell in Uniform"), als Old Shatterhand, als Rennfahrer Erich Stahler an der Seite von Steve McQueen im Motorsport-Epos "Le Mans", als "Bergdoktor" Roman Melchinger. Siegfried Rauch war einer der populärsten Schauspieler Deutschlands. Am vorigen Sonntag ist er im Alter von 85 Jahren an Herzversagen gestorben.

Nur wenigen war seine Lei­den­schaft fürs Segeln bekannt. Das größte Boot des Traumschiffkapitäns war zwar "weiß wie die 'Deutschland'", wie er der YACHT sagte, aber doch ein paar Nummern kleiner, eine Etap 21. Bis zuletzt segelte er O-Jolle und war immer noch auf Regatten aktiv. Sein Heimatrevier war der Staffelsee in Bayern, keine acht Quadratkilometer groß, er liegt rund 60 Kilometer südlich von München.

Zur Erinnerung an Rauch lesen Sie hier das Gespräch über seine große Passion, das Segeln, das er 2015 mit YACHT-Autor Holger Peterson führte.

Rauch

Mit Ehefrau und Segelpartnerin Karin auf seiner Jolle am Staffelsee

YACHT: Herr Rauch, wie ist Ihre Begeisterung fürs Segeln entstanden?
Rauch: Aufgewachsen bin ich am Ammersee. Mein Vater war dort schon um das Jahr 1912 Jollensegler. Später hat er sogar Regatten mit Manfred Curry ausgetragen. So kam ich als kleiner Junge mit Regattaseglern in Kontakt. Das prägt. 

Sie meinen den Olympiasegler, Konstrukteur und Erfinder der Curryklemme? 
Genau. Obwohl er US-Bürger war, lebte er damals in Riederau am Westufer des Ammersees. Manfred hatte ein Hausboot – ich stand staunend davor. Der Gedanke, dass man auf dem Wasser wohnen kann, versprach ein abenteuerliches Leben. Aus Sicht eines Kindes ist jeder See ein riesengroßes Gewässer, es fehlt das Vorstellungsvermögen, was hinter dem Ufer ist. Übrigens: Trotz der Kriegs- und Nachkriegsjahre blieb auch Curry den bayerischen Seen treu. Er starb 1953 in meinem Geburtsort Landsberg am Lech.

Wie zog es Sie auf eigene Planken?
Mein Vater brachte mir früh alle Kniffe bei. Er hatte Jollen mit 15 bis 20 Quadratmeter Segelfläche. Dabei bewunderte ich auf dem Ammersee auch den Ausflugsdampfer und fragte mich, wie es ein Mensch ganz allein schafft, so ein großes und schweres Schiff zu steuern. Ich wollte unbedingt "Kapitän" werden, nicht Lokomotivführer, wie viele meiner Freunde. Die schwarzen Dampfrösser haben gestunken; aber ein Schiff, so groß und weiß, das war mein Jugendtraum …

… aber Sie sind zunächst in Bayern geblieben und erst später als Schauspieler zur See gefahren.
Wasser und Berge in wunderbarer Landschaft – damit ist man doch schon gesegnet. Anfang der sechziger Jahre habe ich ein Bauernhaus in Untersöchering bei Weilheim gekauft und restauriert. Mit meiner Frau Karin bin ich seither viel auf dem Staffelsee ge­segelt. Das Ufer ist nicht weit entfernt.

Damals gab es vermutlich noch nicht viele Boote auf dem See.
Es müssten ganze sechs gewesen sein – es waren schon zu wenige für eine vernünftige Regatta. Ich suchte nach einem Ufergrundstück für einen Segelverein und fand Gleichgesinnte, die den Papierkram für die Gründung bewältigten. So wurde 1964 der Segelclub Staffelsee e. V. in Uffing "geboren". Ich bin immer noch Mitglied und setze dort mein Boot ein. Bei unserem Verein sind Gastsegler übrigens jederzeit willkommen, da gibt es auch Bojen.

Welche Bootsklasse dominiert am See?
Es werden bis auf wenige Ausnahmen Zweimannjollen gesegelt. Verbrennungsmotoren und Antifouling sind nicht zugelassen.

Welches Patent hat der "Traumschiff"-Kapitän?
Der A-Schein ist mein einziges Patent geblieben. Ich gebe nicht viel darauf. Schnelles Segeln lernt man nicht nur durch Lehrstunden oder Prüfungen, sondern durch Gefühl: Man muss mit geschlossenen Augen steuern können – den Wind im Gesicht fühlen, den Zug auf den Schoten deuten, die Krängung im Bauch aufnehmen, den Druck auf der Pinne ertasten –, dann wird man eins mit seinem Boot und dem Wasser.

Auf welchen Booten haben Sie dieses Gefühl am meisten genossen?
Finn-Regatten haben mir sehr gefallen. Ich hatte aber auch eine Korsar- und eine FD-Jolle. Doch schon in den siebziger Jahren habe ich zusätzlich eine hölzerne O-Jolle von einem Professor aus Berlin gekauft. Konstruiert für die Olympischen Spiele von 1936, ist das Boot kein Gleiter, aber auch nicht langsam. Der Schwertkasten sollte erneuert werden, aber sonst ist die Jolle gut erhalten. Leider bin ich in diesem Jahr noch nicht zum Segeln gekommen – zu viele Termine.

Sie sind sehr aktiv mit über 80. Wie halten Sie sich so fit?
Wer aufhört zu rudern, treibt zurück. Ich hacke unser Feuerholz oft selbst, gehe Bergwandern und komme hoffentlich bald wieder mehr zum Segeln.

Am liebsten sportlich, wie es scheint.
Der ganze Verein ist sportlich orientiert. Er hat ungefähr 50 Boote, er richtet Regatten aus oder nimmt anderswo an Wettbewerben teil. Zum Anlass des 50-jährigen Bestehens des Clubs hat er im letzten Jahr die Internatio­nale Deutsche Meisterschaft in der Schwertzugvogel-Klasse ausgetragen. Und ich selbst war auch schon beim Segeln auf dem Steinhuder Meer. Da traf ich auf Ullrich Libor, bekannter Alster-Pirat und Vize-Weltmeister der Drachensegler. Wenn ich Leute wie ihn nenne, dann um zu schildern, wie sehr ich mich der Jollenszene verbunden fühle – seit mehr als 70 Jahren.

Wie gehen andere Segler mit Ihrer Bekanntheit um – gibt es Berührungsängste?
Hier bin ich für alle (wechselt vom Hochdeutschen ins Bayerische) "der Rauch-Siggi". Lobhudeleien interessieren mich nicht – erst recht nicht an Bord. Natürlich habe ich mich gefreut, wenn bis zu zehn Millionen Menschen eine "Traumschiff"-Folge gesehen haben, aber unter der Sonne sind wir alle gleich. Mein Beruf ist es, die Rollen so gut wie möglich zu spielen. Das ist aber kein Grund, auf ein Podest zu steigen. Die meisten unserer Zunft sehen das so. Mein Freund Steve McQueen beispielsweise …

… der Taufpate Ihres ersten Sohnes …
… ist sein Leben lang ein bescheidener Mensch geblieben und hat sich trotz seines Ruhms nicht geändert.

Wie haben Sie sich auf die Rolle als "Kapitän Jakob Paulsen" auf dem "Traumschiff" vorbereitet?
Die Navigation auf hoher See ist ja nicht besonders schwer, wenn per Computer der Kurs auf Hunderte von Seemeilen vorgegeben ist, insofern ist da keine große Rolle als Seebär zu spielen. Es ging vielmehr um den Spagat zwischen realitätsnaher nautischer Führung und der Einbindung in die Filmgeschichte. Mit dem echten damaligen Kapitän der "Deutschland", Andreas Jungblut aus Hamburg-Övelgönne, hatte ich einen begnadeten Mentor. Er ist ein hervorragender Passagierschiffskapitän, der souverän seine Kommandos gibt – zugleich ist er ein Gentleman und guter Unterhalter. Vielleicht hat ihn deswegen Heidi Horten abgeworben. Er hat jetzt die Verantwortung auf ihrer 98 Meter langen Megayacht "Carinthia VII". Jungblut und ich haben wohl zufällig gerade zu der Zeit auf der "Deutschland" abgemustert, als es am schönsten war.

Haben Sie das Schiff einmal selbst steuern dürfen?
Jungblut hat mir ein Anlegemanöver erlaubt, und ich hätte es wohl auch geschafft, aber wenn man bei der Masse auch nur einen halben Knoten zu schnell ist, gibt es Beulen. Da bin ich doch lieber mit seinem Bruder Thomas bei einer Regatta auf dem Wasser.

Welcher Segelfilm hat Ihnen besonders gefallen?
Natürlich habe ich Robert Redford in "All is lost" gesehen. Über die Handlung mag man geteilter Meinung sein, aber seine schauspielerische Leistung ist erstklassig. Der Spannungsbogen bleibt erhalten, obwohl er nur einen Satz spricht. Vielleicht wird heutzu­tage häufig zu viel kommentiert – Szenen werden mit schnellen Dialogen gefüllt.

Hatten Sie nie das Verlangen, mit einer Kielyacht auf große Fahrt zu gehen?
Dafür fehlte die Zeit. Ich bin ja zugleich ein Familienmensch und liebe die Heimat. Viele "ausgelastete" Schauspieler mit Hochsee­yachten sind mir nicht bekannt. Günther Schramm oder Sigmar Solbach sind wohl die Ausnahmen. Natürlich habe ich die Pioniere der Fahrtensegler bewundert. Rollo Gebhard kam aus der Nähe vom Tegernsee. Ich habe einen seiner Vorträge besucht und seine Art des Reisens bewundert, besonders die Anfänge mit der Hansa-Jolle ins Rote Meer und mit dem kaum sechs Meter kleinen Kimmkieler über den Atlantik.

Bei all den vielen Traum-Destinationen, die Sie von Bord der "Deutschland" gesehen haben – hat es Sie da nicht gereizt, zum Beispiel im seglerischen Sehnsuchtsziel Südsee auf Törn zu gehen?
Dreharbeiten bedeuten Konzentration und Arbeit. Mein Reisehunger wurde dabei automatisch gestillt. Vielleicht ein kurzer Auszug: achtmal Australien, siebenmal Neuseeland, viermal Samoa. Erlebt habe ich auch einen Tsunami, ein Erdbeben und, an Bord der "Deutschland", einen Hurrikan. Es ist vielleicht dieses Leben mit so vielen Reisezielen und dem Erleben der Naturgewalten, was mich demütig macht und mich auf dem Staffelsee glücklich segeln lässt, ohne je etwas vermisst zu haben. Auch nicht Bora Bora, selbst wenn es dort noch so schön war. Ich spüre eine unendliche Liebe zu Bergen, Seen und Meeren gleichermaßen. Wir Menschen sind vergleichsweise kleine Wichtigtuer. Die Akzente setzt die Natur, das spürt man schon bei einem kräftigen Gewitter, besonders über dem See oder vor den Gipfeln.

Haben Sie als Naturliebhaber auch etwas für Städte übrig?
Für München und Hamburg! Die Hansestadt hat ein besonderes Flair und ist immer noch das "Tor zur Welt". Wussten Sie, dass es dort den größten Alpenverein nördlich von Bayern gibt? Viele Jollensegler aus Hamburg kommen im Urlaub auf die bayerischen Seen und kombinieren das mit Bergtouren.

Und doch hatten Sie einmal eine Yacht mit vier Kojen.
Genau. Eine Etap 21, verhältnismäßig geräumig und unsinkbar. Wie ich höre, ist mit solch einem Boot eine Familie mit Kind sogar um die Welt gesegelt? Respekt! (Anm. d. Red.: die Familie Habeck aus Lünen, nachzulesen in "Mal seh’n, wie weit wir kommen", Delius Klasing Verlag.)

Wie weit sind Sie damit gekommen?
Bis nach Kanada (lacht)! Nein, tatsächlich war ich damit auch nur auf dem Staffelsee. Aber er hat sieben Inseln und die Alpen­kulisse im Hintergrund. Da gibt es Ankerplätze mit allumfassender Stille ohne Sicht auf die Zivilisation – eben genau wie in Kanada. Nachts in der Koje, bei geöffneten Luken mit dem Blick zu den Sternen, da vermisse ich gar nichts mehr. Ich finde, der Staffelsee ist Bayerns schönstes Segelrevier, Gastsegler dürften sich bei uns wohlfühlen. Der See ist weitgehend tief, bis auf einen flachen Bereich mit 90 Zentimeter Wassertiefe. Deshalb hatte meine kleine Kielyacht auch nur 60 Zentimeter Tiefgang.

Warum haben Sie die Etap 21 wieder verkauft?
Sie hatte drei Fehler: Sie war zu jung, hatte einen trägen Ballastkiel, und sie war nicht aus Holz. Die gutmütige alte O-Jolle passt zu mir und meinem Revier.

Uwe Janßen am 13.03.2018

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