Ostsee

Umwelt-Skandal an der Schlei

Das Klärwerk der Stadt Schleswig kontaminierte das Gewässer jahrelang mit Plastikmüll. Über die Ursache streiten Kommune und eine Privatfirma

Andreas Fritsch am 12.03.2018
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YACHT/A.Fritsch

An Stränden und Schilfgürteln in der Schlei verschmutzen derzeit Millionen kleinste Kunststoffteile Strände, Schilfgürtel und Wasser. Nach Untersuchungen der Behörden, die von Anwohnern alarmiert wurden, ist der Verursacher gefunden: Es ist das Klärwerk Schleswig. Dessen Leiter Wolfgang Schoofs erklärte, die Verunreinigung entstand im Rahmen der Verarbeitung von angelieferten Lebensmittelresten der Firma ReFood, die abgelaufene Lebensmittel von Supermärkten und der Gastronomie einsammelt und an Betreiber von Biogasanlagen und Klärwerken verkauft. Dort sollen diese in den Anlagen zur Gasnutzung verarbeitet werden.

Wie sich nun herausstellte, trennt ReFood aber nicht immer die Lebensmittel von den Verpackungen, sondern schreddert diese einfach mitsamt des Inhalts und verkauft dieses "Rohmaterial" an Firmen weiter. Dies sei "branchenüblich", erklärte ReFood-Sprecher Marcel Dedrichs gegenüber dem NDR. Das kontaminierte Material werde an Abnehmer weitergegeben, und dieser müsse sich um eine Trennung kümmern. So sei es auch im Liefervertrag mit den Schleswiger Klärwerk vereinbart gewesen. Mittlerweile untersucht das Landeskriminalamt den Fall.

Klärwerk-Chef Wolfgang Schoofs sagt, es sei ausgemacht gewesen, das ReFood das Plastik entfernt. Die Firma soll sich bereit erklärt haben, den Vertragstext öffentlich zu machen, die Klärwerke haben dem aber nicht zugestimmt – und ohne ihre Zustimmung sei eine Veröffentlichung nicht möglich, ergaben Recherchen des NDR. Die eigentlich relevante Frage scheint doch aber: Wieso dürfen das biologische Material und die Verpackungen überhaupt so zusammengemixt werden, dass es nur noch schwer zu trennen ist? Dies scheint angesichts der großen Bemühungen von Umweltverbänden, Kreislaufwirtschaft und engagierten Bürgern um umweltgerechtes Wirtschaften ein geradezu hanebüchener Anachronismus. 

Klärwerk-Direktor Schoofs zeigt sich zudem überrascht, dass die Plastikpartikel nicht durch die vier Klärstufen der Anlage ausgesiebt wurden. Doch genau das ist der Fall, und nun ist die Schlei, etwa in der Kleinen Breite, mit Millionen Kleinst-Kunststoffpartikeln verseucht, die immer weiter durch Wetter- und mechanische Einflüsse zerstört werden. Sie sind so klein, dass ein Verschlucken beim Baden durch Menschen nicht ausgeschlossen werden kann; auch Tiere und Fische können das Plastik aufnehmen. So würde das giftige Material, das zudem Umweltgifte physikalisch wie ein Magnet anzieht und anreichert, in die Nahrungskette gelangen.

Derzeit laufen Bemühungen an, Strände und Ufersäume zu säubern. Die Zeit drängt: Beginnt die Brutzeit für Vögel, darf in den vielen Naturschutzgebieten entlang der Schlei nicht mehr gearbeitet werden. So will es das Naturschutzgesetz.

Das Schlimmste an dem ganzen Vorgang ist, dass eine Lehrerin schon Anfang 2016 den Behörden vermehrte Plastikfunde meldete. Doch offenbar verlief die Meldung im Sande, bis nun im Januar 2018 erneute Anzeigen eine Untersuchung ins Rollen brachte, die jetzt die Kläranlage als Verursacher ausmachte. Das bedeutet, die Schlei wird seit über zwei Jahren von den eigenen Behörden verschmutzt. 

Das Klärwerk hat die Verarbeitung des kontaminierten ReFood-Materials nun eingestellt, die Anlage mit zusätzlichen, feineren Sieben versehen, die das Plastik nun absondern sollen. Offenbar ist es derzeit immer noch in der Anlage zu finden.

Die YACHT befasst sich in der Ausgabe 7/2018 ausführlich mit dem Thema Mikroplastik und den Folgen in den Gewässern weltweit und auch den ersten Erfolgen im Kampf gegen die Plastikmüll-Berge. Das Heft erscheint am 21. März am Kiosk. Wenn Sie die Ausgabe auf keinen Fall verpassen möchten, können Sie das Heft hier vorbestellen.

Andreas Fritsch am 12.03.2018

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