Bootsbau

Steht Dehler vor dem Aus?

Hintergründe zum Insolvenzantrag von Deutschlands drittgrößter Werft - Wie es dazu kam, welche Chancen Dehler hat, welche Auswirkungen auf Etap drohen

Jochen Rieker am 18.12.2008

Gute Boote, aber wenig Fortune: Dehler ist trotz Erfolgsmodellen wie der gut verkauften 44 hoch überschuldet

Es ist ein dramatisches Jahresende für die Bootsbauer in Freienohl und für ihren Chef Wilan van den Berg. Knapp vier Jahre nach der Übernahme durch den Holländer steht die Werft vor dem Aus – und das, obwohl Produkte, Qualität und Image so gut sind wie lange nicht.

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als schaffe Dehler die Wende zum Besseren. Noch Ende Oktober hatte das Land Nordrhein-Westfalen eine Bürgschaft bewilligt, die Gewährung allerdings an Auflagen geknüpft. Diese waren aber nicht mehr zu erfüllen. Deshalb konnten die Hausbanken, die im Falle einer Landesbürgschaft die Finanzierung von 4 Millionen Euro zugesagt hatten, auch keine weiteren Kredite mehr gewähren.

Die Situation hat fast tragische Züge. Genügend guter Wille, die Werft und mit ihr 180 Jobs zu retten, war auf allen Seiten vorhanden. Erfolgreiche Modelle ebenfalls. Dazu ein Baustandard deutlich oberhalb des Durchschnitts im Serienbootsbau. Doch die Bemühungen um eine Anschlussfinanzierung dauerten länger als gedacht. Und dann kam, zu allem Übel, auch noch die weltweite Rezession hinzu.

Weil die Mitarbeiter, die seit Oktober keinen regulären Lohn mehr erhalten hatten, unruhig wurden, spitzte sich die Situation weiter zu. Von "Ausverkauf" war die Rede, von Kapitalflucht. Der Betriebsrat suchte sein Heil in der Flucht und machte die Schieflage öffentlich. Pressemeldungen zufolge solle der Insolvenzantrag sogar von den Arbeitnehmervertretern gestellt worden sein.

Das freilich ist, wie so manches in den vergangenen Tagen, nicht richtig oder wurde unvollständig wieder gegeben. Tatsache ist, dass Geschäftsführer und Mitgesellschafter Wilan van den Berg Anfang der Woche Insolvenz beantragt hat. Zu diesem Zeitpunkt lag dem Gericht kein weiterer Antrag vor.

Wollte zuviel: Wilan van den Berg übernahm Dehler 2005, Etap 2008.

Van den Berg räumte gegenüber der YACHT das Scheitern seiner Sanierungsbemühungen offen ein. Er habe Fehler gemacht, "gar keine Frage", sagte er heute in der ersten Stellungnahme zu den Vorgängen. "Ich habe zu viel gewollt. Wir sind zu schnell gewachsen. Und ich habe die Komplexität in der Fertigung unterschätzt." Der 46-jährige Marketing-Experte ist von der Insolvenz persönlich ebenso betroffen wie Mitarbeiter, Investoren und Zulieferer, die seit Monaten auf Geld warten. Er hat mehrere Bürgschaften abgegeben, die ihn hoch verschulden. Noch im Oktober sicherte er auf diesem Weg eine Vorfinanzierung der Hausbank in Höhe von 200.000 Euro ab, um einen Teil der ausstehenden Löhne bezahlen zu können - immer in der Hoffnung, dass er das Schiff mittels der Landesbürgschaft schon wieder flott bekomme. Vergebens.

So gehen auch die Anschuldigungen von einem Teil der Belegschaft ins Leere, dass van den Berg Formen und Markenrechte ins Ausland habe verkaufen wollen. Zwar gab es Überlegungen, einen Teil der Vorfertigung nach Polen zu verlagern, um so die Produktionskosten zu senken. Mehrere Gespräche mit Delphia Yachts dazu verliefen dem Vernehmen nach aussichtsreich. Doch war dies Teil eines letzten Rettungsplans, kein Versuch, illegal Tafelsilber zu verhökern.

Sinn hätte die Zusammenarbeit mit Delphia ohenhin nur gemacht, wenn das Land dem Vorhaben zugestimmt hätte. Denn nur mit der Landesbürgschaft hätte es überhaupt eine Zukunft für Dehler gegeben.

"Ich liebe diese Werft", sagte van den Berg im YACHT-Interview. "Dehler ist eine fantastische Marke. Wahrscheinlich bin ich naiv, weil ich bis heute an eine Zukunft glaube. Und sicher habe ich Fehler gemacht. Aber das Letzte, wirklich das Allerletzte, was ich im Sinn gehabt habe, wäre ein Ausverkauf gewesen. Ich wollte Dehler erhalten."

Ob das im Insolvenzverfahren noch gelingen kann, bleibt einstweilen offen. Die Weft hat offenbar Aufträge, die eine Auslastung bis ins Frühjahr 2009 gesichert hätte. Vor allem die beiden neuen Modelle, Dehler 34 und Dehler 44, waren gefragt. Doch nach der Absage der hanseboot und anderer internationaler Messen dürfte der Verkauf ins Stocken geraten sein. Und ob die Marke vom 17. Januar an auf der boot Düsseldorf präsent sein wird, erscheint zumindest derzeit zweifelhaft.

Ähnliches gilt auch für Etap. Van den Berg hatte die Formen und Markenrechte der belgischen Qualitätswerft, die eine gute Ergänzung gewesen wäre, im Januar 2008 erst übernommen. Doch in den vergangenen Monaten blieb im Überlebenskampf um Dehler keine Zeit und erst Recht kein Geld, um die dringend notwendige Neupositionierung und Entwicklung voranzutreiben.

Gelingt es nicht in wenigen Wochen, Investoren für Etap und Dehler zu finden, könnte es das Ende von zwei hoch respektierten Marken im internationalen Bootsbau sein.

Jochen Rieker am 18.12.2008

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