Essay

Steckt die Seele im Kielschwein?

Ist eine Bootseele Esoterik-Quatsch? Das YACHT-online-Forum diskutiert wie auch Wilfried Erdmann und Jochen Schümann. Thies Matzen schreibt aus Tasmanien.

Carsten Kemmling am 07.01.2009

Die Suche nach der Seele ist so alt wie die Menschheit. 1908 hat sie ein britischer Experimentator gefunden und das Gewicht mit 21 Gramm bestimmt. Im Dezember bot ein Londoner seine Seele bei Ebay zum Verkauf an. Startgebot: 28.000 Euro. Ein schlüssiger Beweis für ihre Existenz ist eher schwierig.

Entsprechend gespalten ist die Seglerschaft bei der Frage nach einer Bootsseele. Aber die Diskussion im Forum zeigt, dass die These über das gewisse Eigenleben einer Yacht eine große Anhängerschaft findet.

Der Gedankenaustausch bringt die weiche Seite des harten Salzbuckels hervor. Die Recherche für den Essay offenbart, dass sich viele Eigner sehr persönlich mit ihrem Schiff auseinandersetzen, es streicheln, sich verabschieden. Das alles wird mit der „Seele“ verbunden.

Thies Matzen schickt aus Tasmanien „ein paar Ideen aus dem Hüftgelenk“ zu dem Thema. Der Autor und Skipper der berühmten „Wanderer III“ von Eric und Susan Hiscock bereitet sich mit seiner Frau Kiki in Stanley auf einen Törn nach Südgeorgien vor.

„Ich weiß, sie sind nicht zu vergleichen: Boote und Violinen. Denn die ältesten Boote segeln nicht so gut, wie die ältesten Violinen klingen.

Man sagt, dass der außergewöhnliche Klang hölzerner italienischer Violinen zusammenhängt mit einem durch Schwingungen bedingten Wandel der zellularen Struktur des Holzes. Oder besser: Je mehr du sie spielst, desto schöner klingen sie. Polituren und Wachse spielen zudem eine Rolle.

Von Violinen aus Glasfiber habe ich noch nie gehört, von Gitarren aus durchsichtigem Akryl schon eher. Auch die klingen, nur anders, und für andere Ohren. Vielleicht findet der Klang einer Violine bis in die Seele und der einer Kunststoffgitarre bis ins Gehör. Aber hat die Violine selbst deshalb eine Seele?

Auch Boote haben einen Klang — ein leichter Plastikkahn klingt anders als ein altes Holzboot —, nur existieren sie nicht, damit sie klingen. Normalerweise will man mit ihnen übers Meer, und zwar sicher. Manchmal so schnell, manchmal so angenehm wie möglich.

Mit Bootsklang, sollte man meinen, hat das eigentlich wenig zu tun, aber auf der Suche nach der Seele eines Bootes stolpert man eher früher als später auch über dessen Klang.

Zugegeben, ich spanne hier einen weiten Bogen:
Der Mensch ist schwächer, angreifbarer, verwundbarer auf dem Meer, Angst und Furcht sind dort eher als anderswo psychologische Faktoren. Denen kann er technologische Ausstattung entgegensetzen, Kommunikationsmittel, aber die Tatsache bleibt: In schwerem Wetter zehrt ein stilleres, behäbigeres Boot leichter an den Nerven als ein leichter, scharf einsetzender Rumpf. So ein Boot sorgt für dich.

In schlechtem Wetter schließt es die Welt dort draußen einfach aus. Es klingt in ihm beruhigend, man wiegt sich in Sicherheit, man fühlt sich wohl in ihm.

Um ein Boot, das sich derart um einen kümmert, kümmert man sich, man pflegt es. Und diese Pflege ist es, die nach und nach die Seele eines Bootes poliert und fühlbar macht. Dadurch besitzen alte Boote häufig etwas, das einen in sie hineinzieht. Um so alt zu werden, wurden sie gepflegt und konnten all ihr Erleben sammeln.

In ‚Wanderer III' ist das in wohl extremer Weise spürbar. Auch vollkommen unbedarfte Nichtsegler lesen in ihr die gesammelte Zeit, das Menschliche, das Maßvolle, nennen wir es Seele.

Die gesammelte, akkumulierte Pflege, Sorge und Zeit, die ein Boot empfängt, verschafft ihm eine Seele. Ob Plastik- oder Holzkahn, es geht um Liebe und Pflege. Die wiederum hängt ab vom Wohlbefinden, das wiederum, um den Bogen zu schließen, stark vom Klang.

Die Frage ist, ob die Idee bzw. das Konzept der Seele eines Bootes noch Resonanz findet beim modernen Menschen.“

Ein schöner Beitrag zu dem Thema ist Forum-User „Zugvogel“ gelungen:

„Es mag sicher schon 10 Jahre her sein, da erstand ein guter Freund einen alten ca. 40 Jahre alten LA Kreuzer. Die Überführungsfahrt von der Weser in die Ostsee hat Eingang in die Annalen unserer persönlichen Segelhistorie gefunden.

Der erste Kontakt meinerseits mit diesem Boot war unter sachlichen Gesichtspunkten so desaströs, wie er nur sein konnte. Am Steg begrüßte uns ein Kahn so räudig, wie es schlimmer kaum denkbar war.
Spak und Schimmel in der ganzen Kajüte, Lack, den man in Streifen vom ausgeblichenen und ergrauten Holz ziehen konnte, ein museumsreifer Diesel, in den man oben das Öl reinfüllte und das unten wieder rauskleckerte und sich in der Bilge mit dem Wasser vermengte, das durch die undichte Stopfbuchse tröpfelte.

Ausgelutschte Segel, ein schlackerndes Rigg, eine Elektrik, die eigentlich nur Feuerwerk erwarten ließ und und und ...

Trotzdem ... So wie sie da lag und uns so ansah ... Der erste Eindruck war unter emotionalen Gesichtspunkten: Vertrauen ... ein gutes Schiff, das zu sagen schien: ‚Holt mich weg hier ... segelt ihr, den Rest krieg ich schon klar.'

Nach einigen notdürftigen, improvisierten Reparaturen ging es los. Die Story des Törns ist eine eigene Geschichte. Nur so viel: Madame schleppte sich immer mit letzter Kraft in den jeweiligen Hafen. Erst wenn wir sicher fest waren, fiel wieder irgendwas auseinander, das wir dann wieder fixten, und am nächsten Tag ging’s weiter.

Endlich zu Hause angekommen, war es so, als ob sie einen tiefen Seufzer tat. Mittlerweile ist sie natürlich rausgeputzt und top in Schuss, sie dankt es uns mit Zuverlässigkeit und stoischem Gleichmut, auch wenn es noch so weht und kachelt … Und dieses Schiff soll keine Seele haben?

Arm sind die, die es nicht sehen, zu bedauern die, die dies nicht fühlen. Wer die Welt nur rational begreift, dem fehlt was, auch wenn er es selbst vielleicht nicht merkt.

Dass es unter sachlichen Gesichtspunkten Humbug ist, ist mir natürlich klar, und dass ein Wassereinbruch oder ein Defekt des Motors o. Ä. nicht mit Handauflegen zu kurieren ist. Oder es nicht daran liegt, wenn’s mal scheiße segelt, dass der Eimer grad ’nen schlechten Tag hat, weiß ich auch ...

Trotzdem: Wie langweilig die Welt, nur unter sachlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Ich kenne manch ein Schiff mit Seele ... Und wenn es esoterischer Blödsinn ist? ... Egal, macht Spaß, dran zu glauben.“

Carsten Kemmling am 07.01.2009

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