Küstenklatsch

Spritzwasser muss her

Carsten Kemmling will beim nächsten America's Cup Mast brechen sehen

Carsten Kemmling am 31.10.2003

Carsten Kemmling

Ein America's-Cup-Match-Race kann ziemlich langweilig sein. Dann nämlich, wenn der Wind konstant aus einer Richtung weht. Die Spannung ist auf das Vorstartduell beschränkt und auf die erste Begegnung der beiden Yachten, den so genannten First cross. Danach ist das Rennen entschieden. Der Verfolger dackelt bis zu zwei Stunden lang chancenlos hinterher.

Es sei denn, der Wind ändert sich. So wie in Auckland. Der Hauraki-Golf gilt als eines der schwierigsten Reviere der Welt. Die Windänderungen waren von den Cup-Teams selbst durch große Investitionen in die Vorhersagetechnik nie hundertprozentig ausrechenbar. So kam es zu spektakulären Überholmanövern. Und selbst in einem scheinbar deutlichen Rennen konnte man bis zur Ziellinie nicht sicher sein, ob nicht noch eine Windschweinerei den Verfolger nach vorn brachte.

Aber das wechselhafte Wetter in Auckland hatte eine Kehrseite: Viele Rennen fielen aus, weil zu viel oder zu wenig Wind herrschte. Und das mögen insbesondere Fernsehsender überhaupt nicht. Jeder ausgefallene Produktionstag kostete sie in Neuseeland 100.000 Dollar. Deshalb sucht das America's-Cup-Management jetzt nach einem Revier mit konstantem Wind. Am 26. November fällt die Entscheidung. Vier Städte sind noch im Topf (Neapel, Marseille, Valencia und Lissabon).

Als Favoriten gelten Valencia und Lissabon — gerade weil sie mit konstanter berechenbarer Thermik bis zu 20 Knoten aufwarten können. Bye-bye Spannung, hello Tristesse. Taktisch sind Rennen bei konstanter Seebrise reizlos und eintönig. Einbahnstraßen-Segeln.

Der Franzose Bertrand Pacé, ehemaliger Taktiker beim Team New Zealand, wies schon darauf hin: "Für einen Segler bietet das Revier vor Lissabon nichts von Interesse." Er favorisiert Marseille: "Dort gibt es drei verschiedene Windsysteme."

Pacés Meinung ist natürlich national gefärbt. Aber die Entscheidung ist für das AC-Management nicht einfach. Der Cup soll der beste und größte aller Zeiten werden. Dafür benötigt man das Fernsehen, um Geld von den Sponsoren zu bekommen. Ob die Segler Spaß daran haben, ist Nebensache. Taktisch spannende Rennen sind Nebensache, die Bilder müssen stimmen.

Recht haben sie. Es geht um die einmalige Chance, mit dem America's Cup eine breite Öffentlichkeit in den Bann zu schlagen. Das schafft man nicht durch die Erklärung taktischer Finessen. Selbst Seglern ist schwer beizubringen, warum eine Yacht mit einem Winddreher den entscheidenden Big point gemacht hat.

Segeln im bewegten Bild funktioniert nur bei Wind und Welle. Die vergleichsweise lahmen Volvo-60-Schüsseln konnten beim Round-the-World-Race nur durch die Aufnahmen im Southern Ocean begeistern. Dort sieht jedes Schiff spektakulär aus.

Und einige erinnern sich vielleicht noch an den America's Cup vor dem australischen Fremantle, als sich die Zwölfer mehr unter als über Wasser durch Wellen und Wind wühlten. So muss es sein. Und so ähnlich könnte es in Valencia oder Lissabon werden, wo die Thermik bis zu 20 Knoten erreicht. Spritzwasser muss her. Masten müssen brechen. Männer müssen kämpfen.

Dafür verzichte ich gern auf spektakuläre Überholmanöver, freue mich aber umso mehr auf die dramatischen fünf Minuten vor dem Start. Die Riesen bei Starkwind kreiseln zu sehen ist ein unvergleichlicher Genuss. Er wird für die Langeweile auf dem Kurs entschädigen. Wenn die Rennen wie geplant deutlich kürzer werden, ist auch die Wartezeit bis zum nächsten Start nicht so lang.

Hoffentlich entscheiden die hohen Herren von Alinghi in diesem Sinne. Allerdings - jeder Regattasegler kennt das Phänomen: Wenn die Regatta stattfindet, erwischt man immer ein Wetter, das es zu der jeweiligen Zeit noch nie gab. So auch bei meiner ersten Laser-Europameisterschaft 1986 auf dem gepriesenen Windrevier vor Lissabon. Es herrschte eine Woche Flaute, Roland Gäbler gewann.

Carsten Kemmling am 31.10.2003

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