Wetter-Routing
Sonne finden trotz Siebenschläfer

Siebenschläfertag. Kein gutes Omen für das Urlaubswetter im Norden. Wetterexperte Meeno Schrader erklärt, wie Segler deshalb planen sollten

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 27.06.2012

Hallberg-Rassy/P. Szamy Ideale Segelbedingungen in den Schären. Ein auf das Wetter abgestimmtes Routing erhöht die Chance auf Sonnentage

„Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, ist es sieben Wochen lang bestellt“ – so lautet eine Bauernregel. Oder: „Wenn die Siebenschläfer Regen kochen, dann regnet's ganze sieben Wochen.“ Wenn diese Volksweisheiten stimmen, bleibt das Wetter jetzt sieben Wochen lang so wie heute. Was für Norddeutschland und Dänemark bedeuten würde: unbeständig, böig und kühl.

Doch selbst wenn diese Prognose eintreten sollte, bedeutet sie nicht zwangsläufig einen ungemütlichen Urlaub. Wer seine Reiseroute clever und kurzfristig nach den Wettervorhersagen plant, kann sich die Sonne ersegeln. Wie das geht, erklärt YACHT-Wetterexperte Meeno Schrader von Wetterwelt. Er berichtet von seinem Sommertörn 2011, der für ihn, im Gegensatz zu vielen anderen Seglern, nicht ins Wasser fiel.

Jagd auf den Sommer

Wetterwelt Wetterexperte Meeno Schrader

Ob Wochenend-Trip oder mehrwöchiger Urlaubstörn, in der Regel löst niemand die Leinen, ohne zuvor ein Ziel festgelegt zu haben. Insbesondere für längere Segelreisen beginnt die Planung der einzelnen Etappen häufig lange im Voraus. Das ist schön und gut und macht auch Spaß. Damit ist es allerdings rasch vorbei, wenn das Wetter nicht mitspielt.

Warum also nicht einfach den Spieß umdrehen und das jeweils nächste Ziel erst kurzfristig festlegen? Auf diese Weise kann man sich nicht selten ermüdende Kreuzschläge, lange anhaltendes Schauerwetter oder auch Starkwind ersparen. Man segelt all dem einfach davon. Das funktioniert! Die Zauberformel heißt meteorologische Navigation.

Voraussetzung: Die Crew sollte offen sein für jedes Ziel. Und sie muss jederzeit an aktuelle und vor allem zuverlässige Wetterdaten herankommen.

In unserem Fall war beides gegeben. Die Familie zeigte sich erfreulich flexibel, selbst der Teil der Crew, der erst später zustieg. Und mit unserem hauseigenen Wetterrouting-Programm auf dem Notebook, der Software Grib-View 2, fühlten wir uns gut gerüstet. Aktuelle Datensätze mit allen für Fahrtensegler relevanten Wind- und Wetterinformationen empfingen wir täglich per E-Mail oder luden sie uns via Internet direkt von unserem Wetterwelt-Server hinunter.

Doch konkret: Eigentlich wollten wir Richtung schwedische Westschären, möglichst über Anholt, und später weiter nach Südnorwegen. Die Auswertung der Wettermodelle für die ersten 15 Tage unseres Törns machte uns jedoch einen Strich durch die Rechnung. Der Törn gen Norden würde voll in die Hose gehen. Zu kalt. Zu regnerisch. Zu windig. Anders der Osten. Der stand stärker unter Hochdruckeinfluss, es gab Aussicht auf viel mehr Sonne, zwei bis drei Grad mehr Wärme und deutlich weniger Regen.

Also disponierten wir um: Ost statt Nordwest, Bornholm statt Anholt. Von dort vielleicht sogar weiter nach Polen.

Damit war die neue Generalrichtung ausgegeben. Doch eine weitere Aufgabe galt es zu lösen. Wir segelten zunächst nur zu zweit, erst nach einer Woche sollte die andere Hälfte der Familie dazustoßen. Und das möglichst in einem per Bahn gut zu erreichenden Hafen. Stralsund kam uns in den Sinn. Darauf festlegen mochten wir uns sicherheitshalber allerdings nicht. „Wir sagen zwei Tage vorher Bescheid, wo es hingeht“, so die Vereinbarung beim Ablegen. Auch das erwies sich als sinnvoll.

Von da an blieben wir dem guten Wetter auf der Spur. Das bedeutete zuallererst Startverschiebung: Daraußen vor der Kieler Förde war es diesig und nahezu windstill. Erst am nächsten Tag sollte es mit 4 bis 5 Beaufort wehen, dann allerdings aus Ost. Also blieben wir lieber in Strande ausgangs der Kieler Förde, badeten und spielten in der Abendwärme Beachvolleyball.

YACHT/N. Campe Die geplante Route, die tatsächlich gesegelte im Vergleich

Früh am nächsten Morgen dann setzten wir Kurs Nordnordost nach Bagenkop an der Südspitze Langelands. Der Ostwind versperrte uns den direkten Weg entlang der mecklenburgischen Küste. Hinüber nach Dänemark hingegen war der Windeinfallswinkel perfekt, es versprach, eine schöne, schnelle Reise zu werden.

Zudem sollte die Sonne in Dänemark in den folgenden Tagen länger durchhalten als weiter östlich. Bagenkop hatten wir bereits nach vier Stunden querab. Der Wind wehte mit 18 Knoten zwar recht frisch, doch das Boot segelte so herrlich flott und überdies trocken, dass wir gar nicht ans Anlegen denken mochten.

Mit einem Affenzahn ging es weiter. Der bei Ostwindlagen aufkommende nordsetzende Strom im Großen Belt schob zusätzlich, zwischenzeitig ging es mit 10 Knoten über Grund nordwärts. Um 17 Uhr lagen wir schließlich im Hafen des winzigen Eilands Omø südöstlich von Seeland.

Ein grundsätzlich neuer Übernahmeort der Restcrew zeichnete sich ab, Kopenhagen bot sich an. Stellte sich nur noch die Frage, ob rechts oder links um Seeland herum. Der Ausblick auf die folgenden fünf Tage brachte Klarheit: Der Wind würde am nächsten Tag auf Nord bis Nordwest drehen, später abflauen. Das würde bedeuten: langwieriges Kreuzen mit Strom gegenan sowie Regen entlang der Nordküste Seelands. Das wollten wir auf keinen Fall. Dann lieber mit dem Nordwestwind unter Spi durchs Smålands-Fahrwasser nach Osten gehen.

Gesagt, getan. Am nächsten Tag wehte der Nordwest zunächst schwach, später stärker. Mit 6 bis 7 Knoten Fahrt rauschte das Boot unter Spi gen Osten. Der Himmel war blau. Die Sonne brannte. Segelwetter vom Feinsten. Erst abends im Storstrøm schlief die Brise ein, und der Motor musste aushelfen. Zwischendurch ein Bad im spiegelglatten Wasser – herrlich!

Tag drei versprach am Vormittag den Durchzug einer Warmfront mit Regen, dabei Ost, später Südostwind. Ideal, um einen langen Schlag bis Kopenhagen zu machen. Allerdings war die Distanz doch etwas zu groß, also Zwischenstopp in Rødvig.

Auch das eine im Nachhinein gute Entscheidung. Denn die Prognose für Kopenhagen gefiel uns inzwischen gar nicht mehr:  Es sollte Regen geben. Und im Øresund drohte Süd, später Südostwind. Der würde uns von Kopenhagen rückkehrend direkt auf die Nase wehen. Das würde nicht nur viel Zeit kosten, sondern auch einen zusätzlichen Stopp im hässlichen Trelleborg erfordern.

Kurz und gut, einmal mehr entschieden wir um, strichen Kopenhagen, ließen den Regen durchziehen und verholten uns am Nachmittag mit wieder Sonne und Südostwind nach Klintholm. Von dort – so unser neuer Plan – sollte es bei sehr sonnigem Südost mit halbem Wind direkt nach Ystad gehen. Die Zuganbindung dorthin ist ebenfalls gut, der Bahnhof nah am Hafen.

Es kam, wie es kommen sollte: Blauer Himmel und mäßige 4 Beaufort luden zum Segeln ein. Die Luft war zwar kühl, die Sicht dafür hervorragend. Mit 70 bis 80 Grad scheinbarem Windeinfall ließen wir den Kreidefelsen im Heckwasser zurück und marschierten wie auf Schienen nach Ystad. Geplante Ankunft 18 Uhr, der Zug mit der Familie sollte um 19 Uhr einlaufen. Um 17.50 Uhr machten wir in Schweden fest.

Das nächste Etappenziel war klar: Gudhjem an der Ostküste Bornholms. Doch wann starten? Ein Stadtbummel durch das hübsche Ystad stand noch auf dem Wunschzettel. Das Wetter gab die Antwort: Wir hatten Zeit. Der Wind drehte vormittags allmählich auf West und sollte von 16 auf 20 Knoten zulegen. Also Auslaufen erst um 12 Uhr. Draußen auf See erwartete uns außer dem achterlichen Wind erneut strahlender  Sonnenschein. Der Spi ging hoch, und kaum eine Viertelstunde später blies es noch ein bisschen mehr. Die Yacht geriet auf den Kämmen der einen Meter hohen Wellen fast ins Surfen.

Westwindlagen versprechen auf der Ostsee selten stabiles Wetter, umso besser waren wir auf der Ostseite Bornholms aufgehoben. Schwere Wolken regnen sich meist auf der Westseite der Insel ab, im Lee lösen sich viele von ihnen auf. So auch in unserem Fall. Am nächsten Tag leckten noch ein paar dunkle Wolken über die großen Hügel ohne Durchhaltekraft, die Sonne behielt die Oberhand.

Aufkommender Ostwind machte dann aber unsere Polen-Pläne zunichte. Ein paar Tage später würde dieser wieder auf West drehen. Zeit also, die Rückreise anzutreten. Bei Ost 5 ging es von Nexø in einem durch bis Greifswald. Der Wind legte im Greifswalder Bodden zwar zu, und auch Regen kam auf. Dennoch, dank des achterlichen Winds und einem Reff im Groß, blieb der Spaß am Segeln erhalten. Dann allerdings erwischte das Wetter auch uns: zwei Tage Zwangspause in Greifswald!

Aber wir blieben unserer Strategie treu. Hiddensee erreichten wir bei Sonnenschein und 23 Grad Lufttemperatur nach einer kurzen – und auf der gesamten Reise einzigen – Kreuz durch den Strelasund.

Dann erneut eine Grundsatzentscheidung: Eigentlich wollten wir entlang der mecklenburgischen Küste zurück nach Westen. Dabei aber würden wir in Starkregen geraten, so die Vorhersage. Dann doch lieber einmal mehr das Schlechtwetter umfahren. Bei Südost 3 bis 4 und wieder unter Spinnaker steuerten wir den Grønsund an. Unterwegs kein Tropfen Regen, stattdessen ein Wechsel zwischen Sonne und Wolken.

Auch den Rest der Reise blieb uns das Wetterglück weitgehend erhalten. Nur am allerletzten Tag des Törns, als wir die dänische Inselwelt verließen und Kurs auf die Kieler Förde nahmen, wurden wir so richtig nass. Das erste Mal im ganzen Urlaub!

Das Resümee fällt positiv aus

Von 17 Tagen hatten wir nur fünf Tage mit Regen, an drei Tagen war es meist bewölkt. An neun Tagen aber schien die Sonne. Und gesegelt sind wir bei überwiegend moderaten Bedingungen mit raumem oder halbem Wind.


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Themen: Meeno SchraderSiebenschläfersonneUrlaubwetterprognoseWetter-Routing

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