Jan Hamester

»So oft hab ich noch nie Sch... geschrien!«

Sturm, Bruch, Chaos an Bord – der Hamburger über den mühsamen Auftakt seiner geplanten Solo-nonstop-Weltumsegelung

Jochen Rieker am 09.12.2016
Jan Hamester erreicht die Kanaren
J. Hamester

Jan Hamester erreicht die Kanaren

Jan Hamester erreicht die Kanaren

Lanzarote querab: Jan Hamester erreicht die Kanaren

Es läuft nicht so recht, jedenfalls nicht wie geplant. Ein Sturmtief im Nordatlantik zwang Jan Hamester zu einem aufreibenden Zickzack-Kurs nach Süden. Erst am Nikolausmorgen erreichte er die Höhe von Lanzarote. Auch aus der wöchentlichen Kolumne ist bisher nichts geworden. Deshalb berichtet an dieser Stelle seine Freundin Mirjam Bouwmans, die per Satellitentelefon mit ihm in Verbindung steht, wie es dem Einhandsegler bisher erging:

Das Wort "eigentlich" zieht sich wie gewohnt durch die Geschichte, wenn Jan Hamester erzählt oder von ihm erzählt wird. Denn eigentlich sollte ja eine wöchentliche Berichterstattung stattfinden, die bisher aber aus verschiedenen Gründen nicht stattfinden konnte.

Wenn ich als Kontaktperson vom heimischen Schreibtisch aus nun an seiner Stelle einen Rückblick wagen soll, ist der zwar vielleicht etwas farbloser, aber durchaus vollständig an Erlebnissen. Denn wenn etwas funktioniert, dann sind das Anrufe über Satellit auf mein Telefon. Jans Kommunikationsbedürfnis ist nach knapp 2.000 Seemeilen immer noch da – eine etwas unglückliche Neigung, wenn man noch etwa 24.000 Seemeilen alleine vor dem Bug hat.

So höre ich aus erster Hand, dass Delphine ihn wiederholt vor der spanischen Küste begleiten, er heute einer Schildkröte in die Augen geschaut hat, aber auch, dass er "noch nie so oft im Leben ‘Scheiße!‘ geschrien" hat. Die weniger euphorische Phase hat was mit dem Wetter und den Auswirkungen an Bord zu tun.

Vor der nördlichen Küste Portugals war die Welt noch in Ordnung. Eine Woche später, westlich der Straße von Gibraltar, heißt es Augen zu und durch. Während Jan und die "Roaring Forty" versuchen, einem laut Wetterwelt "unschönen" Tief zu entkommen und auf Backbordbug nach SSO in Richtung marokkanischer Küste zu segeln, zieht das Tief weiter südlich als gedacht nach Gibraltar.

Jan am 3. Dezember über YellowBrick-Mail: "TWS jetzt 31kn, aber 20 Grad Lift. Werde noch nicht wenden, zumal das bedeutet, dass ich über 200 l Wasser & Dieseltanks umstauen muss. Es kracht hier schon wieder gewaltig…"

Jan Hamester erreicht die Kanaren

Angestrengt: Hamester nach dem Passieren des Sturms 

Etwas später schreibt er: "Hab UTC 1030 doch gewendet. Jetzt zumindest Zielkurs. Wind wieder 30, unangenehme See. Wir krachen durch die See…" Leider wird es noch unangenehmer, weil auch noch ein extrem hoher Wellengang dazu kommt. 

3. Dezember, 18 Uhr: "Es hört nicht auf. Es wird nicht besser. In den letzten Squalls 45 und 32kn. Nie weiß man, was in der nächsten Front steckt. Drinnen ist es wie in einer schlecht gefahrenen U-Bahn. Man kann sich quasi nicht halten. Wann hört das auf ? So will ich nicht um die Welt segeln. Das kann's nicht sein." 

Am 4. Dezember immer noch harte Bedingungen: "Zur Zeit 35kn. Wetter sieht weiter NICHT nach Besserung aus. Würde nur SEHR ungern so nah an die Küste gehen. Übrigens, jetzt hab ich die 7m Welle. Wann geht der Wind auf West?"

Ein Tag vor Nikolaus ist das Tief endlich durch und Jan nach 72 Stunden Achterbahnfahrt wieder unter angenehmen Bedingungen unterwegs. Entspannung ist aber trotzdem nicht angesagt, denn die Fahrt hat ihre Spuren hinterlassen.

Alle Gegenstände, die nicht richtig verkeilt waren, flogen wie Geschosse durch die Gegend, Tage später wundert sich Jan noch, an welchen Plätzen er die Dinge wiederfindet. So vermisst er mindestens einen
ganzen Tag lang alle drei Lesebrillen. Einer der Gründe übrigens, warum er diesen Beitrag wieder nicht
schreiben konnte.

Jan folgt der Empfehlung von Wetterwelt, die Kanaren an Steuerbord zu lassen, da zwischen Fuerteventura und der marokkanischen Küste mehr Wind vorhergesagt wird. Mit der Aussicht auf ein Telefonnetz bekommt die Ostküste von Lanzarote sowieso ungeheure Anziehungskraft.

Außer zum Telefonieren und Posten auf Facebook nutzt er die ruhige See für Bordreparaturen. Es gibt Probleme mit dem Autopiloten, der falsche Daten liefert, und der Generator-Prototyp muss wieder angebaut werden. Solange der Hydrogenerator läuft, haben die Batterien durchgehend 13.1 Volt Spannung und muss der Motor nicht einmal zum Nachladen laufen.

Die Kanarischen Inseln liegen jetzt im Kielwasser der "Roaring Forty" und es geht weiter zum nächsten Etappenziel, den Kapverden. Vielleicht kann Jan auf der Strecke die im Strum verlorenen Meilen nachholen, vielleicht auch nicht. Die Erwartungen sind hoch, Freunde werden auf die Folter gespannt, Kritiker unken jetzt schon. Trotzdem scheint noch alles möglich.

Jochen Rieker am 09.12.2016

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