Umwelt
Segler kämpfen gegen Müll im Revier

Aufräum-Aktionen an Nord- und Ostsee: Wassersportler sammeln angeschwemmten Unrat. Sie sacken an einem Nachmittag fast 18.000 Teile ein

  • Holger Peterson
  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 15.08.2016

Im Nationalpark Wattenmeer haben Segler ein Zeichen gesetzt: Mitglieder von Soltwaters e.V., der Interessenvertretung der Wattfahrer, haben erstmals den Strand der Insel Minsener Oog an der Jade von angetriebenem Müll befreit. 50 Teilnehmer an der Aktion liefen überwiegend von Horumersiel aus und ankerten mit 18 Booten an der Südflanke der Insel.

H. Peterson Yachten vor Minsener Oog, Müllsammler: Ein Fender ist das einzige Fundstück mit klarem Wassersport-Bezug

Dr. Gerald Millat von der Nationalparkverwaltung und Dr. Dietrich Frank vom Mellumrat, in deren Obhut mehrere Vogelschutzinseln liegen, wiesen die Sammler ein. Dabei warnte er davor, tote Tiere oder metallische Gegenstände zu berühren. Die Kadaver könnten Erreger übertragen, und bei den anderen Fundstücken könnte es sich um Kampfmittel handeln. 

H. Peterson In der alten Gleisanlage auf Minsener Oog verfangen sich massenhaft Netze und Plastikteile

Minsener Oog bildet einen gigantischen Sandfänger und leitet den Strom in die richtigen Bahnen, um die Jade tief zu halten. Zugleich ist das Bauwerk eine Vogelschutzinsel, die sonst nur in einem kleinen Bereich betreten werden darf. So waren die Segler gespannt, wie es auf der Insel aussehen würde. 

H. Peterson In der Flutmulde lagert sich der angeschwemmte Müll ab

Die überwiegend westlichen Winde treiben Strandmüll, Schiffsabfall und Reste von Fischernetzen nach Minsener Oog. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge handelt es sich bei dem angeschwemmten Unrat in der Nordsee zu 69 Prozent um Plastikmüll.

H. Peterson Unverrottbarer Müll fängt sich an allen möglichen Hindernissen

Ausgerüstet mit großen Tragetaschen, machten sich die Segler ans Werk. Manche Fischernetze, von denen nur Zipfel erkennbar waren, mussten aus dem Sand freigebuddelt werden. Als wahre Müllfänger erwiesen sich die Schienen der uralten Kleinbahn, die einst beim Buhnenbau benötigt wurde. Schnell waren die Bigpack-Taschen mit jeweils einem Kubikmeter Inhalt gefüllt. Sie wurden später vom Wasser- und Schifffahrtsamt abtransportiert. Alle Einzelteile wurden dabei erfasst  – 17.815 Gegenstände sind an nur einem Nachmittag zusammengekommen. Und zwar allein an der Wasserseite; ins Inselinnere durften die sammelnden Segler nicht.

H. Peterson Ein Rehbock-Kadaver am Strand: nicht anfassen!

H. Peterson Überbleibsel einer Seebestattung: Trauer-Schleife aus Polyester

Das makaberste und kurioseste Fundstück war ein Trauerflor mit dem Aufdruck "In Liebe und Dankbarkeit". Er stammt offenbar von einer Seebestattung und hätte nicht aus Polyester sein dürfen. Schlimmer noch, was das Steigenlassen gewöhnlicher Luftballons anrichten kann. Wenn sich eine Möwe in deren Bändsel verfängt, lockt sie mit ihrem Geschrei Artgenossen an – so verendeten in einer Schnur fünf Vögel. Andere verhungern dagegen mit vollem Magen, wenn sie Plastik gefressen haben.

Sportbootfahrern war an diesem Tag nur ein verlorener Gegenstand zuzuordnen: Ein ausgeblichener Fender lag auf der Südsandbank. Dr. Millat bestätigt, dass die Zeiten angeschwemmter Farbeimer und Pinsel lange vorbei sind. Wenn doch, dann stammen sie erkennbar von Handelsschiffen. In einer Analyse soll nun versucht werden, die genaue Herkunft des Mülls zu ermitteln.

H. Peterson Gerd Scheffler, Initiator der Aktion, mit einem prall gefüllten Bigpack

Die erste Vorsitzende von Soltwaters, Iris Bornhold, und Soltwaters-Aktionskoordinator Gerd Scheffler freuen sich über den Erfolg der Aktion und die große öffentliche Resonanz, denn die Segler wurden von Fernsehteams und Zeitungsredakteuren begleitet. Bornhold sagt: "Wir schützen nur das, was wir kennen. Der Mensch und Schifffahrt bilden einen traditionellen Teil des Wattenmeeres – deswegen soll es erlebbar bleiben."

Der gemeinsame Aktionstag hat Naturschützer und Segler näher zusammengeführt – man kennt sich sonst bestenfalls aus zumeist kontrovers verlaufenden Sitzungen. Einhellig wurde die Idee aufgenommen, die Sammelaktion – stets außerhalb der Brutzeit – mit Schulklassen durchzuführen, die an Bord von Segelyachten anreisen. Zu reinigende Strände gibt es noch viele, nicht nur auf Vogelschutzinseln. Einen TV-Beitrag über die Aktion finden Sie in der NDR-Mediathek .

Auch an der Schlei wird aufgeräumt

Ebenfalls am Wochenende startete die Aktion „Müllfischer“ an der Schlei. Bei Arnis wurde das Müll-Sammelschiff, ein 70 Jahre alter, frisch restaurierter Schleikahn, auf den Namen "Lulu" getauft. Die Zeremonie war dabei eher wenig feierlich, vielmehr eine Art Aktionskunst-Spektakel.

Mit dem Schleikahn und einem weiteren Boot wollen die Initiatoren den Plastikmüll an den Schlei-Ufern einsammeln. 

"Die Müllfischer" sind ein gemeinnütziges Crowdfunding-Projekt der ansässigen Strand-Manufaktur. Weitere Informationen dazu finden Sie hier auf der Homepage der Müllfischer .


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Themen: Minsener OogmüllMüllfischerSoltwatersUmweltschutz

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