Antarktis

Segelyacht auf 78 Grad Süd!

Rekordverdächtig: Die polnische 20-Meter-Yacht "Selma" ist so weit nach Süden vorgedrungen, wie vermutlich noch kein anderes Segelboot zuvor

Pascal Schürmann am 18.02.2015
Selma

Der 20-Meter-Expeditionssegler "Selma" bahnt sich seinen Weg durchs Eis

Der Plotter zeigt 78° 43,926' Süd. Auf einem Foto sieht man die jubelnde Crew an Deck, dicht neben der Bordwand ragt eine Eiswand einige Meter in die Höhe, oben ist die polnische Flagge in die Schneedecke gerammt. Die aus polnischen und tschechischen Wissenschaftlern bestehende Mannschaft verkündet via Facebook stolz einen neuen Rekord: So weit nach Süden wie sie sei zuvor noch nie ein Boot gesegelt.

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Jubel auf 78 Grad Süd

Ob die Behauptung stimmt, ist kaum nachzuprüfen. Vollständige Dokumentationen über Segelyachten, die in der Vergangenheit in die Antarktis gesegelt sind, gibt es nicht, schon gar nicht über deren erreichte Südpositionen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht, dass die "Selma" tatsächlich einen neuen Südrekord unter Segeln aufgestellt hat.

Frühere Rekorde

Vor knapp drei Jahren, im März 2012, hatte bereits die Crew der unter russischer Flagge fahrenden 30-Meter-Yacht "Scorpius" 77 Grad Süd erreicht – und damals gleichfalls behauptet, einen neuen Rekord aufgestellt zu haben. Zumindest daran bestanden aber Zweifel.

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Die Rekord-Position auf dem Plotter

Denn auch die "Berserk II" des norwegischen Skandalseglers Jarle Andhoy war schon im Februar 2011 bis tief ins Rossmeer hineingesegelt und hatte wohl ebenfalls mindestens 77 Grad Süd erreicht. Andhoy hatte seinerzeit die auf 77° 50' Süd liegende Scott Base angesteuert und dort das Schiff gemeinsam mit einem Mitsegler verlassen, um sich weiter über Land auf den Weg zum Südpol zu machen.

Die "Berserk II" mit der übrigen an Bord verbliebenen Crew sollte die beiden Männer später an einer anderen Stelle wieder einsammeln, das Schiff verschwand aber kurz darauf; es ist vermutlich in einen Sturm geraten und gesunken. Eine mehrtägige Suchaktion verlief ergebnislos. Andhoy wurde nach seiner Rückkehr nach Norwegen mit einer hohen Geldstrafe belegt aufgrund illegalen Eindringens in antarktische Gewässer.

Das hielt ihn nicht davon ab, im Februar 2012 erneut mit einer Segelyacht ins Rossmeer zu segeln – angeblich, um nach Spuren der "Berserk II" zu suchen. Wie weit südlich er dabei gekommen ist, hat er nirgends veröffentlicht. Fest steht nur, dass er sich mehrere Wochen in der Gegend nahe der Scott Base aufhielt und es später, nachdem er beinahe erneut Schiffbruch erlitt, mit Mühe und Not zurück nach Feuerland schaffte.

Im Auftrag der Wissenschaft

Die "Selma" hatte ihr Ziel von Australien aus angesteuert. Mit einem Zwischenstopp in Hobart auf Tasmanien, den sie am 15. Januar verließ, lief sie mit Kurs auf das Rossmeer aus, einer riesigen Einbuchtung im antarktischen Kontinent, an deren Westseite sich auch die Scott Base befindet. Diese ist zumindest im südlichen Teil viele Monate im Jahr, wenn nicht sogar ganzjährig von meterdickem Packeis versperrt.

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Die "Selma" kurz nach dem Start in Hobart

Trotz auch dem in diesem Südwinter stellenweise massiven Eisaufkommen konnte sich die "Selma" einen Weg durch die Schollen bis zur Packeisgrenze bahnen. Die hatte sich in diesem Jahr auf ebenjene 78 Grad, 43 Minuten Süd zurückgezogen, sodass der neue Rekord überhaupt erst möglich wurde.

Anders als die Fahrt der "Berserk II" hat die Expedition der "Selma" einen ernsthaften wissenschaftlichen Hintergrund. In diesen Tagen werden einige der Forscher an Land gehen, um Daten über Klimaveränderungen und Formen von Eisblöcken zu sammeln. Die "Selma" wird sie später wieder aufnehmen, die an Bord verbleibenden Experten werden unter anderem Planktonproben aus dem Meer entnehmen. Anfang März, bevor das Rossmeer wieder komplett zufriert, macht sich das Boot dann auf nach Argentinien.

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Extreme Bedingungen im Eis

Zum Vergleich: Heide und Erich Wilts, die Mitte der neunziger Jahre die Antarktis mit ihrer damaligen "Freydis" umrundet hatten, sind nie südlicher als etwa 71 Grad Süd gekommen – die Bedingungen seien einfach zu hart gewesen, um weiter Kurs Süd zu segeln. Das Süßwasser in den Trinkwassertanks gefror, die Eisbildung an Deck war extrem, so Erich Wilts. "Seinerzeit noch weiter Süd zu gehen, dafür war uns das Risiko einfach zu groß."

Pascal Schürmann am 18.02.2015

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