Transatlantik

Rückenwind für Greta

Seit gestern ist Greta Thunberg mit der "La Vagabonde" unterwegs nach Europa. Meteorologe Dr. Meeno Schrader sagt, welches Wetter sie auf dem Atlantik erwartet

Pascal Schürmann am 14.11.2019
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Facebook/Greta Thunberg

Greta Thunberg (Mitte) mit Elayna Carausu (ganz links mit Sohn Lenny), Nikki Henderson (2. von rechts) und Riley Whitelum an Bord der "La Vagabonde" kurz vor der Abfahrt in Hampton an der US-Ostküste

In Hampton ausgangs der Chesapeake Bay hat gestern für Greta Thunberg der lange Rückweg über den Atlantik begonnen. Gut 3200 Seemeilen liegen vor ihr. Unterwegs ist sie mit der "La Vagabonde", einem Fahrtenkatamaran vom Typ Outremer 45. Der gehört einem Langfahrtseglerpaar, das sich spontan dazu entschlossen hatte, der schwedischen Umweltaktivistin anzubieten, sie auf dem Seeweg nach Europa zu bringen.

Begleitet wird Thunberg wie schon auf der Hinreise mit Boris Herrmanns "Malizia" von ihrem Vater. Außerdem ist die britische Profiskipperin Nikki Henderson als Verstärkung mit an Bord. Und auch der kleine Sohn des Eignerpaars macht die Reise mit. 

Greta Thunberg La Vagabonde

Die Position der "La Vagabonde" heute Morgen

Mit welchen Wind- und Wetterbedingungen sich die sechsköpfige Crew in den nächsten Tagen auseinanderzusetzen hat, darüber sprachen wir mit Dipl.-Meteorologe Dr. Meeno Schrader, Inhaber der Kieler Firma WetterWelt:

YACHT: Herr Schrader, um diese Jahreszeit ist ein Törn über den Nordatlantik sicherlich kein Spaziergang. Womit muss man dort jetzt generell rechnen?

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Diplom-Meteorologe Dr. Meeno Schrader

Meeno Schrader: Mit einer regen Tiefdrucktätigkeit! Die wird für gewöhnlich immer wieder mal unterbrochen von Hochdruckgebieten infolge von Kaltluftvorstößen in den Nordosten der USA. Doch gleich, ob sich gerade ein Tief oder ein Hoch durchsetzt, alle Wettersysteme bringen dort im Herbst eher starken Wind mit Sturmböen mit sich.

YACHT: Und welches Wetter kommt auf Greta nun konkret in den nächsten Tagen zu?

Meeno Schrader: Zum Start aus der Chesapeake Bay heraus am gestrigen Mittwochmorgen half ein großes Hochdruckgebiet über den großen Seen und dem Staat New York mit halbem Wind aus Nordwest, der mit 20 Knoten weht, in Böen auch mit 25 bis 28 Knoten. Obschon der Kat dadurch schnell unterwegs ist, das Hoch ist schneller! Es verschiebt sich auf den Atlantik hinaus Richtung Great Banks. Dadurch bricht für die Crew der "La Vagabonde" der Wind für rund zwölf Stunden zusammen und kommt für etliche Stunden sogar von vorn.

YACHT: Wann ändert sich daran etwas?

Meeno Schrader: Zum Freitag hin wird das Hoch schnell auf die Great Banks und von dort zügig weiter in den Nordatlantik wandern. Die "La Vagabonde" gerät dann auf die Rückseite des Hochs und wird von raumen Wind aus südlicher Richtung profitieren. Der wird mit zehn, später mit 15 Knoten wehen und in Böen auch 18 Knoten erreichen. Bis Samstag dürften die Segler also zunächst gut vorankommen.

YACHT: Und danach?

Meeno Schrader: Im Laufe des Samstags wird voraussichtlich auf den Great Banks eine Kaltfront über die "La Vagabonde" hinwegziehen. Dann bekommen es Greta und ihre Mitstreiter mit Sturmböen von bis zu 45 Knoten zu tun, das entspricht immerhin 9 Beaufort!

YACHT: Was wäre entsprechend Ihre Routenempfehlung?

Meeno Schrader: Einen südlichen Kurs zu segeln. Denn nach Durchzug der Front nähert sich erneut rasch ein weiteres Hoch mit nordwestlichem Wind von 20 bis 25 Knoten, in Böen bis 35 Knoten. Dieses Hoch wird sie am Montag einholen. Danach folgt dann eine eher flaue Phase. Auf einem südlicheren Kurs unterhalb von 40 Grad Nord fällt der Wind deutlich moderater aus, und es besteht die Chance, auf die Vorderseite eines Sturmtiefs vor der Chesapeake Bay zu geraten und von dessen starken bis stürmischen Südwind zu profitieren. Da sich gleichzeitig das Hoch südlich von 39 Grad Nord verlagert, würde sich für die "La Vagabonde" der direkte Kurs nach Europa öffnen.

YACHT: Kann die Crew den Golfstrom für sich nutzen?

Meeno Schrader: Der Golfstrom bietet sich in der ersten Woche immer wieder als Unterstützung an. Er mäandert gegenwärtig allerdings sehr stark, sodass es durchaus auch Phasen geben kann, in denen die Strömung quer läuft oder gar entgegenkommt. Dann kann es im Golfstrom zeitweise sehr ruppig werden. 

YACHT: Was also sollten die Segler tun?

Meeno Schrader: Meine Empfehlung wäre, in einem Korridor zwischen 39 oder maximal 38 Grad Nord sowie 40 Grad Nord zu segeln. Das passt derzeit etwas besser, um beispielsweise Lissabon als möglichen Zielort zu erreichen. Kritisch kann jedoch noch das Azorenhoch werden. Wenn es so mächtig bleibt, wie es zurzeit der Fall ist, würde es auf dem Weg gen Osten zu einer Barriere aus wenig Wind. Es deutet sich aber an, dass das Hoch rechtzeitig nach Süden wandert und den direkten Kurs entlang 40 Grad Nord freimacht. Dann ginge es für die Crew mit viel achterlichem Wind aus West, später aus Nordwest, gut voran.

YACHT: Wie lange wird die Überfahrt also etwa dauern?

Meeno Schrader: Ich würde derzeit von zwölf Tagen bis zwei Wochen ausgehen. 

  

Pascal Schürmann am 14.11.2019

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