Todesfall
Rollo Gebhard – Bilder einer Karriere

Zur Erinnerung an einen großen Segler zeigen wir Impressionen seiner Pionier-Fahrten – und zum Nachlesen das letzte interview mit der YACHT

  • Sören Reineke
  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 02.01.2014

H. Peterson Gebhard, noch einmal am Ruder einer Yacht – beim Interview-Termin auf der Weser

2007 sprach unser Redakteur Lasse Johannsen mit Rollo Gebhard – es war dessen letztes ausführliches Interview mit der YACHT.

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Von der Hansajolle bis zur Weltumsegelung

"W a s   d e n  k s t    d u    i n    d e i n e r    l e t z t e n    S t u n d e ?"

40 Jahre nach seiner ersten Weltumsegelung kehrt Rollo Gebhard auf die "Solveig III" zurück. Der ideale Ort, seine Karriere Revue passieren zu lassen.

Es ist so etwas wie eine Heimkehr. Rollo Gebhard geht zielstrebig auf das Schiff zu, das ihn einst berühmt gemacht hat. Er hat keinen Blick für die anderen Exponate der Ausstellung. Vor 40 Jahren begann er mit der "Solveig III" die erste von drei Welt­umsegelun­gen. Und als er es zwei Jahrzehn­­te spä­ter dem Schifffahrtsmuseum Bremerhaven überließ, hatte er versprochen: "Ich komme wie­­der, denn das Boot ist ein Teil von mir." Heute ist es so weit.

H. Peterson Gebhard im Gespräch mit YACHT-Redakteur Lasse Johannsen

Behände erklimmt der 86-Jährige die Leiter und klettert an Bord. Er öffnet das Schiebeluk und legt das Steckschott beiseite. Mit wachen blauen Augen inspiziert er den winzigen Salon und nickt zufrieden. Dann geht sein Blick prüfend über das Deck, wie er das Tausende Male getan hat. Es scheint ein unsichtbares Band zu geben zwischen dem Boot und seinem einstigen Skipper. Zufrieden macht Gebhard es sich im Cockpit bequem. Es hat den Anschein, als sei er nie weg gewesen.

YACHT: Herr Gebhard, was empfinden Sie, nach so langer Zeit, als Besucher auf der berühmten alten "Solveig III"?

Rollo Gebhard: Freude und Schmerz. Ich verbinde wunderbare Erinnerungen mit dem Schiff, aber schmerzlich ist, dass von einer weiteren Fahrt mit ihm nicht die Rede sein kann. Die sieben Jahre, die ich auf diesem Boot verbracht habe, waren mit die wesentlichsten in meinem Leben. Und das ist nun eben für immer vorbei.

Warum sind Sie gleich zweimal damit auf Welt­umsegelung gegangen? Hat Ihnen die erste nicht gereicht?

Ich habe ja nicht die gleiche Route gesegelt, sondern beim zweiten Mal eine völlig andere gewählt, um etwas Neues zu erleben. Ich habe meine Fahrten immer unter dem Gesichtspunkt ausgearbeitet, dass wir Menschen Erkenntnisse sammeln müssen, um unsere Seele weiterzubilden.

Erkenntnisse sammeln – ist das die wesentliche Inspiration eines Alleinseglers?

Ja, darüber müsste ich aber länger sprechen. Ich habe im Schoß der Naturgewal­ten gelebt und jeweils nach ein paar Monaten eine innige Beziehung zur Natur bekommen. Deshalb musste ich auch wäh­rend der zwei Weltumsegelungen mit die­sem Boot niemals einen Wet­terbericht hören. Ich habe das Wetter gefühlt, ich wusste, was kommt. Ich bin auch nie unangenehm überrascht worden, solange ich allein gesegelt bin. Mir hat die Einsamkeit auf See wenig ausgemacht.

Aber von Haus aus sind Sie kein Solosegler. 

Richtig. Meine ersten Segelerlebnisse hatte ich in den fünfziger Jahren auf dem Starnberger See zusammen mit meiner damaligen Freundin Jutta. Wir sind dann 1958 zusammen auf die Idee gekommen, meine H-Jolle auf einen Anhänger zu laden und mit meinem kleinen Pkw von 1000 Kubikzentimetern über die Alpen nach Italien zu fahren. Bei Venedig haben wir das Boot mit der Hilfe von drei Ita­lienern ins Wasser geschmissen. Dann segelten wir erst einmal bis Triest und später bis Tunesien. Juttas Eltern durften nichts davon wissen. Sie hatte Urlaubs­karten auf Vorrat geschrieben, und eine Freundin hat diese dann nach und nach an Juttas Eltern abgeschickt – die hatten so natürlich keine Ahnung, dass ihre Tochter mit mir auf dem Mittelmeer unterwegs war.

Wie hat sich dann die Liebe zum Einhand­segeln entwickelt?

Ich hatte den Wunsch, einmal eine ganz große Fahrt zu machen. Einmal im Leben, wie ich damals dachte, wollte ich für ein ganzes Jahr segeln. Natürlich konnte meine erst 17-jährige Freundin nicht so lange von der Schule weg. Nur deshalb wurde ich zum Alleinsegler.

Ihr Untersatz war kaum tauglich für ein solches Unternehmen.

Ich hatte mir dazu eine Hansajolle von Abeking & Rasmussen zugelegt. Sie war ein bisschen größer, hatte zwar eine Andeu­tung von einer Kajüte, aber keinen Kocher. Mit ihr bin ich durchs Mit­telmeer und das ganze Rote Meer ge­segelt und sah mich nach zwei Kenterungen vor der Grund­satzentscheidung: Will ich diese Art von Segeln weiter­betreiben – unter Lebens­gefahr und völlig ohne Mittel? Ich wusste ja, eine Kenterung könnte jederzeit wieder geschehen. Ich sah aber auch, was ich dafür bekam. Zu der Zeit gab es so gut wie keinen Tourismus. Ich war drei Mona­te mit meinem Boot in Ägypten gewesen und hatte wahnsinnig viel gesehen. Am Grab von Tut­ench­amun hatte ich stunden­lang ganz allein gestanden und die At­mo­sphäre auf mich wirken lassen. Als ich an all diese Erlebnisse gedacht habe, beschloss ich: "Ja, das war es wert! Ich mache weiter!"

Ihre Erstleistungen waren Nebensache?

Rekorde waren nicht mein Ziel. Trotzdem bin ich als Erster in einem so kleinen, kenterbaren Boot allein durch das gesamte Rote Meer gesegelt. Zehn Tage und zehn Nächte bin ich mit der Hansajolle gegen den Monsun angekreuzt. Der hört ja auch nachts nicht auf. Da war ich einfach fertig. Die Jolle hatte kein selbst­lenzendes Cockpit. Ich musste jeden Liter Wasser, den die See hereingeworfen hatte, mit der Hand wieder ausschöpfen.

War Piraterie dort damals schon ein Thema?

Im Jemen wurde ich prompt in der ersten Nacht überfallen. In dieser Nacht näherte sich, wunderbar romantisch vom Vollmond angestrahlt, eine zweimastige Dhau unter Segeln. Ein irrer Anblick! Sechs Bewaffnete kamen auf mich zu. Man hatte mich schon vorgewarnt, dass es eine Sitte der Einheimischen dort ist, ungebetene Gäste zu töten. Da ich zu der Zeit noch als Schauspieler arbeitete, fiel es mir nicht schwer, den eingeladenen Gast zu mimen. Ich tat wahnsinnig erfreut, klopfte jedem auf die Schulter, streichelte ihre Maschinenpistolen, von denen ich wusste, dass sie ihre Heiligtümer waren. Als die Männer mir zu verstehen gaben, dass sie mich mitnehmen würden, habe ich mich in aller Ruhe rasiert und meine besten Klamotten angezogen. Ich habe das so feierlich gemacht, dass sich keiner traute, mich anzutreiben. So war ich frisch rasiert und gut gekleidet, und außerdem hatte ich mei­ne "erste große Presse" dabei, einen langen Artikel aus einer Kairoer Zeitung über meine Reise. Die zeigte ich herum. Ich weiß allerdings bis heute nicht, ob jemand lesen konnte, was da stand.

Wie sind Sie entkommen?

Die sechs haben mich die Nacht durch zu ihrer Siedlung gefahren. Sie hatten eine alte Burg, mitten in der Wüste, mit Zugbrücke und Wallgraben. Als sie mich da hineinschleppten, war ich mir sicher: "Jetzt bringen sie dich um!" Nach Stunden in einer kargen Zelle kamen meine Entführer mit ihrem Chef zurück, erzählten die ganze Geschichte und warteten, dass er entschied, was mit mir geschehen sollte. Man ließ mich schließlich laufen. Warum, weiß ich nicht. Ich bin dann zu meinem Boot und habe es nach Aden zurückgesegelt. Dort habe ich es auf den nächs­ten Passagierdampfer verladen, nach Europa, nach Piräus. Auf eigenem Kiel ging es von dort nach Italien, wo ich mich mit dem Trailer abholen ließ.

Todesangst wäre ein nachvollziehbarer Grund gewesen, solche Abenteuer künftig sein zu lassen.

Das Rote Meer war das Negativerlebnis, ich hatte alles verkehrt gemacht. Ich habe  mir aber sofort ein neues Boot von der Isle of Wight gekauft, aus Sperrholz. Mit ihm bin ich über den Atlantik gesegelt und hatte damit einen riesigen Erfolg. Auf dieser Reise habe ich alles richtig gemacht. Ich wurde in New York wie ein Held gefeiert.

Und da entstand Ihre Idee von einer Weltumsegelung?

Ja, als ich zurückkam aus New York, habe ich angefangen, mein Sperrholzboot herzurichten für die Weltumsegelung.

Aber dazu kam es nicht. Stattdessen sind Sie mit Ihrer Condor auf Törn gegangen, auf der wir gerade sitzen. Warum hatten Sie Ihre Plä­ne geändert?

Das ist eine nette Geschichte. Meine frühere Freundin Jutta hatte inzwischen einen Journalisten geheiratet. Eines Tages rief sie bei mir an und sagte: "Ich habe von meinem Mann ein Boot geschenkt bekommen, und ich möchte, dass du es taufst!" Ich habe das gar nicht gern getan, denn ich fand es dem Ehemann gegen­über eigentlich unmöglich, den langjährigen einstigen Freund einzuladen. Nach der Taufe habe ich mich so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht. Aber schon am nächsten Morgen rief Jutta wieder an und fragte: "Möchtest du so ein Boot haben?" Daran hatte ich nie einen Gedanken verschwendet, ich konnte mir so etwas überhaupt nicht leisten. Doch sie antwortete: "Ich werde dafür sorgen, dass du es geschenkt kriegst!" Und tatsächlich bekam ich eines Tages einen Anruf vom Stöberl …

… von Helmut Stöberl, dem Konstrukteur der Condor … 

… ja, und der fragte: "Wollen Sie wirklich dieses Boot?" Ich sagte: "Wenn Sie es mir kostenlos geben können, sehr gern!" Er wollte das, ich war ja ziemlich bekannt damals nach der Atlantiküberquerung. Die Lieferung verzögerte sich allerdings sehr, und ich bekam es zunächst einmal halbfertig für zwei Monate zur Vorbereitung auf meine Weltumsegelung. "Leider kann ich es Ihnen nicht an den Starnberger See liefern", sagte Stöberl, "denn da sind so viele Leute, die schon bezahlt haben und auf die Lieferung ihrer Condor warten, die hängen mir das Boot glatt vom Zugfahrzeug ab, wenn ich damit vorfahre. Ich lege Ihr Boot auf den Ammersee, da kennt es keiner. Aber bitte: Erzählen Sie es niemandem!" Kurz vor der Weltumsegelung kam das Boot wieder zurück in die Werft und wurde fertig gemacht. Noch in der letzten Nacht vor meiner Abreise wurden Pinne und Heckkorb montiert.

Welche Umsegelung hat die stärkeren Eindrücke hinterlassen?

Das erste Mal ist vom Eindruck her immer stärker.

H. Peterson Bordgespräch: Das letzte große Interview mit der YACHT im Jahr 2007

Wie kommt es dann, dass Sie über die zweite Weltumsegelung so viel ausführlicher geschrieben haben?

Weil ich bis zum Ende meiner zweiten Welt­umsegelung überhaupt noch nichts zu Papier gebracht hatte! Erst danach ermunterte mich meine heutige Frau zum Schreiben, und da wollte mein Verlag natürlich etwas über die aktuelle Reise haben. Erst in meinem späteren Buch "Seefieber" habe ich dann ein Ka­pitel über die erste Weltumsegelung veröffentlicht.

In Ihrem ersten Buch "Ein Mann und sein Boot" reiht sich eine Abenteuergeschichte an die nächste. Übertreibung oder war wirklich alles immer so ein großes Spektakel?

Das war es! Jetzt stellen Sie sich doch mal vor, 1967 kommt einer mit so einem Schiffchen in New York an …

Sie waren ein Exot.

Ich wurde für verrückt gehalten! In der Karibik traf ich vielleicht noch zwei, drei andere deutsche Segler. Die haben sich mein kleines Boot angesehen und mich für geisteskrank erklärt.

Wie riskant war das Unternehmen? Hat sich das Boot einigermaßen benommen?

Traumhaft, traumhaft! Ich habe das Boot zweimal um die Welt gesegelt, und es hat sich Tag und Nacht selbst gesteuert – ohne Windfahne oder irgendso etwas! Ich habe mehrfach Etmale von 150 Seemeilen erreicht, das ist mir später nicht einmal auf meiner Hallberg-Rassy 42 geglückt! Ich habe irgendwann erfahren, dass man sich bei meinem Boot besondere Mühe gegeben hatte. Stöberl hatte seine Bootsbauer angewiesen: "Wenn hier irgendwo Bleistücke übrig sind, schmeißt sie dem in den Kiel!" Ich schätze, dass ich doppelt so viel Ballast im Kiel hatte wie die anderen Condore. Und die Kielbolzen – sehen Sie mal, es sind immer noch dieselben – haben sogar den Zusammenstoß mit einem Wal ausgehalten.

Das erklärt, warum Sie für die zweite Weltumsegelung wieder die relativ unkomfor­table "Solveig III" gewählt und nicht etwa ein größeres Schiff gekauft haben.

Nee, der Grund war ein ganz anderer! Ich hatte damals ein Schallplattengeschäft und ein Haus in Garmisch. Als ich von der ers­ten Weltumsegelung zurückkam, muss­te ich feststellen, dass sich die beiden Verkäuferinnen, die ich drei Jahre lang allein zurückgelassen hatte, eine gute Zeit gemacht hatten. Das Geschäft war nicht nur pleite, es hatte 90000 Mark Schulden gemacht. Ich war total verarmt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mein Haus zu verkaufen. Ich habe die Schulden bezahlt, einen Teil vom Rest des Geldes ins Boot gesteckt für die neue Reise und noch etwas übrig behalten für unterwegs.

Warum haben Sie Ihr Boot auf Vordermann gebracht und nicht Ihr Geschäft?

Der Schallplattenladen war für mich nun wirklich keine Lebenserfüllung. Schon gar nicht nach einer Weltumsege­lung. Ich habe mich immer gefragt: Was denkst du wohl in deiner letzten Stunde? Die Antwort sollte nicht lauten: "Schallplatten habe ich ver­kauft!"

Zur Person

Rolf "Rollo" Gebhards Segelkarriere begann Mitte der fünfziger Jahre mit Klepperboot-Schlägen auf dem Starnberger See und H-Jollentörns im Mittelmeer. Anschließend befuhr er in einer fünf Meter langen Hansajolle, seiner ersten "Solveig", das Rote Meer und den Indischen Ozean. 1963/64 gelang ihm mit der "Solveig II", einem 5,60 Meter langen Sperrholzboot vom Typ Caprice, seine erste Atlantik-Überquerung. Nie hatte ein kleineres Boot die Ozean-Passage vollbracht.

Mit der "Solveig III", einer 7,30 Meter langen Condor, absolvierte Gebhard zwei Einhand-Weltumsegelungen (1967–1970 und 1975–1979). Die dritte Weltumsegelung, zusammen mit Ehefrau Angelika, dauerte von 1983 bis 1991. Dabei segelte das Paar seine Hallberg-Rassy 42 nonstop über mehr als 16.000 Seemeilen von Cairns in Australien nach Emden.

Der Trans-Ocean-Preisträger gründete nach seiner Rückkehr die Gesellschaft zur Rettung der Delphine und unternahm fortan ausgedehnte Expeditions­fahrten mit Motorbooten, unter anderem rund um Europa. 

Durch zahlreiche Bücher und Vortrags­veranstaltungen wurde Rollo Gebhard einer der berühmtesten Segel-Abenteurer seiner Zeit. Zuletzt erschien sein "Logbuch eines Lebens" im Delius Klasing Verlag.

Gebhard lebt heute mit seiner Frau in Bad Wiessee am Tegernsee. 


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Themen: Rollo Gebhard

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