Historie
Robert F. Scotts "Terra Nova" gefunden

Ein Forschungsteam ortete vor Grönland zufällig das Schiff, das den britischen Polarforscher vor 100 Jahren in die Antarktis brachte

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 27.08.2012

Schmidt Ocean Institute Echolot-Bild des Meeresgrunds mit der "Terra Nova"

Eigentlich wollte die Crew der "Falkor", eines in Lübeck gebauten und vom amerikanischen Schmidt Ocean Institute betriebenen Forschungsschiffs, nur ihr neues, mehrfarbiges Echolot testen, als auf den Aufzeichnungen ein merkwürdiger Hügel am Meeresgrund auftauchte. Die "Falkor" befand sich zu diesem Zeitpunkt vor der Südwestspitze Grönlands. Weitere Aufnahmen des Meeresgrundes und die Entsendung eines Tauchroboters zum 300 Meter entfernten Meeresgrund brachte Klarheit: Sie hatten ein Wrack gefunden. Und nicht nur irgendeins, sondern die vor 70 Jahren an diesem Ort versunkene "Terra Nova". Das Schiff, das vor genau 100 Jahren Berühmtheit erlangte, als es den britischen Forscher Robert Falcon Scott in die Antarktis brachte, um den Wettlauf zum Südpol gegen den Norweger Roald Amundsen aufzunehmen.

Der 1884 in Schottland gebaute Walfänger war von Scott im Vorfeld zum Expeditionsschiff für Eisgewässer umgebaut worden. Das Schiff bekam weitere Plankengänge, die dem Rumpf auf eine Stärke von bis zu einem Meter brachte. Am 1. Juni 1910 verließ die 57 Meter lange "Terra Nova" mit ihrer 65-köpfigen Besatzung London und erreichte am 4. Januar Kap Evans am McMurdo-Sund in der Antarktis. Dort wurde Scott samt seiner Expeditionsmannschaft, 17 Ponys, 32 Hunden und drei Motorschlitten an Land gesetzt. 30 Tonnen Vorräte und eine komplette, in England gefertigte Hütte wurden außerdem zurückgelassen, bevor das Schiff zur Überwinterung nach Neuseeland verholte.

Schmidt Ocean Institute Der Schornstein der "Terra Nova" auf einer Videoaufnahme

Leighton Rolley / Schmidt Ocean Institute Der Schornstein als Modell

Fast zeitgleich war Roald Amundsen am 14. Januar 1911 in der "Bucht der Wale" gelandet, gar nicht weit entfernt. Am 20. Oktober brach der Norweger von dort auf, um den Pol zu erreichen, was ihm am 14. Dezember gelang. Scott erreichte den Südpol erst gut einen Monat später und erkannte die Flagge, die Amundsen dort zurückgelassen hatte. Auf dem Rückweg zum Schiff geriet die Mannschaft um Scott in einen Schneesturm, der sie elf Tage am Verlassen des Zeltes hinderte. Erst ein halbes Jahr später wurden ihre gefrorenen Körper dort gefunden.

Die "Terra Nova" wurde nach ihrer Rückkehr aus der Antarktis von 1913 bis 1918 im Robbenfang vor der Küste Neufundlands eingesetzt und diente in späteren Jahren zum Transport von Kohle. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie dann zum Transport von Versorgungsgütern nach Grönland eingesetzt. Am 13. September 1943 hatte ihr das Packeis so sehr zugesetzt, dass sie von ihrer Crew aufgegeben werden musste. Die Mannschaft ließ sich von einem Schiff der Küstenwache abbergen. Doch es brauchte einige gezielte Schüsse mit dessen Bordkanone, bis das stabile Holzschiff endlich sein Bett auf dem Meeresgrund einnahm. 70 Jahre später ist es nun zufällig wieder dort gefunden worden. Ob es weitere Forschungsreisen zu dem im klaren Arktiswasser sicher sehr gut erhaltenen Wrack geben wird, ist derzeit noch nicht sicher. Die "Falkor" hat ihre erste Erprobungsfahrt fortgesetzt und erforscht inzwischen den Golf von Mexiko.

Weitere Informationen auf den Seiten des Schmidt Ocean Institute


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Themen: AntarktisExpeditionRoald AmudsenRobert Falcon ScottTerra Nova

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