Report Preissteigerungen
Wird Segeln bald zu teuer? Teil 3: Die Lage der Werften

Die Preise für neue Boote galoppieren, die Lieferzeiten werden länger. Was Kunden erwartet am Beispiel von Hanseyachts und Bavaria

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 09.01.2022
Die Nachfrage steigt: fertig produzierte Yachten bei Bavaria Yachtbau in Giebelstadt Die Nachfrage steigt: fertig produzierte Yachten bei Bavaria Yachtbau in Giebelstadt Die Nachfrage steigt: fertig produzierte Yachten bei Bavaria Yachtbau in Giebelstadt

David Ebener/Bavaria Yachtbau GmbH Die Nachfrage steigt: fertig produzierte Yachten bei Bavaria Yachtbau in Giebelstadt

Für Käufer neuer Yachten brechen unsichere Zeiten an. Die Lieferfristen für Boote haben sich teils stark verlängert, wie die YACHT in Ausgabe 1/2022 berichtete; zwei Jahre ab Bestellung sind keine Seltenheit mehr. Grund ist vor allem die starke Nachfrage nach Yachten. „Wir beobachten ein gestiegenes Interesse am Wassersport“, sagt Jens Gerhardt, Technikvorstand der Hanseyachts AG in Greifswald. „Wir alle haben unter Corona-Bedingungen gemerkt, dass man nicht immer weit wegfliegen muss, um es schön zu haben. Dazu kommen Aspekte wie das Klimagewissen, das zum Urlaub vor der Haustür treibt.“ Aber auch rein finanzielle Überlegungen seien Ursachen, sich ein Boot anzuschaffen:

HanseYachts AG Jens Gerhardt, Hanseyachts AG

„Wir haben eine massive Inflation, die ich so mit meinen 54 Jahren noch nicht erlebt habe“, erklärt Gerhardt. „Die Leute bestellen wie verrückt Boote, weil sie glauben, dass es in drei Jahren so teuer sein wird, dass sie sich fragen müssen, ob ihr Gehalt da noch mithalten kann.“

Ähnlich schätzt die aktuelle Situation Markus Schlichting ein, Sprecher von Bavaria Yachtbau in Giebelstadt: „Die Nachfrage ist extrem gestiegen. Die Produktionskapazitäten können aber nicht genauso schnell steigen, sowohl bei uns in der Werft als auch bei den Zulieferern.“ Denn die nötigen Rohstoffe werden knapper und teurer. „Wenn wir früher ein Zuliefererteil vielleicht innerhalb von drei Monaten bekommen haben, dann müssen wir bei einer Bestellung heute damit rechnen, dass es 18 Monate braucht, bis es da ist“, sagt Schlichting.

Die gestiegene Nachfrage bei den Werften schlägt auf die gesamte Produktionskette durch. Weil eine Yacht aus derart vielen verschiedenen Teilen besteht, die von unterschiedlichsten Herstellern kommen, sehen sich die Werften als Produzent des Endproduktes zwei großen Problemen gegenüber: eigene Produktionskapazitäten erweitern bei steigenden Rohstoffpreisen, zugleich stehen sie in Abhängigkeit von Zulieferern.

privat Markus Schlichting, Bavaria

„Das bedeutet, dass wir uns viel mehr bevorraten müssen als früher. Die Lager werden immer größer, was natürlich auch kostet“, so Schlichting.

Von Problemen in den Lieferketten berichtet auch Gerhardt: „Wir haben seit Mitte Januar 2021 sehr große Engpässe bei den großen Motoren, seit März gibt es Mangel an vielen kleineren Teilen.“ Daran sei vor allem eine Entwicklung der Wirtschaft schuld. „Es fehlen in Europa eine ganze Menge rohstoffnahe Produkte, die haben wir in den Achtzigern nach Asien outgesourced – sei es Keramik für Toiletten und Waschbecken, Plastik für Verblendungen oder Ausbauten oder Edelstahlteile. Das alles muss man extrem früh bestellen, damit es rechtzeitig fertig ist.“

Das bedeute für den Kunden, dass er sein Boot Monate früher spezifizieren muss als bisher, sonst könnten die benötigten Teile nicht rechtzeitig beschafft werden. Dennoch seien manchmal bisher kaum gekannte Abläufe erforderlich.

„Wegen dieser unsicheren Liefersituation müssen wir die Boote mehrfach anfassen und auch zwischen­lagern“, so Gerhardt. „Wir hatten in der Spitze 60 Boote stehen, bei denen nur eine Handvoll Teile fehlten, die aber unbekannte Lieferzeiten hatten.“

Alles zusammengenommen – die gestiegene Nachfrage, die komplizierteren Produktionsbedingungen sowie steigende Rohstoffkosten – führen zu längeren Wartezeiten und höheren Preisen. „Unsere Boote hatten 2021 zwei außerplanmäßige Preissteigerungen hinter sich“, sagt Gerhardt. Normal seien etwa zweieinhalb bis drei Prozent pro Jahr, weil etwa die Energiekosten oder Löhne stiegen. „Im April haben wir zusätzlich um zirka zwei Prozent die Preise erhöht. Das war ziemlich genau die Steigerung beim Harz – der Preis hatte sich temporär verdreifacht. Das ist der Rohstoff, der sich bei uns am meisten verteuert hat.“

Metall, Holz und Harz, diese drei Produktgruppen machen rund 50 Prozent der Kosten einer Segelyacht aus. „Am 1. Juni sind die Preise dann noch einmal um vier Prozent gestiegen“, so Gerhardt. „Das sind etwa eineinhalb Prozent mehr, als sie sonst steigen. Mit beiden Erhöhungen zusammen genommen war die relative Steigerung 2021 etwa doppelt so hoch wie sonst.“

Ähnlich bei Bavaria: „Normalerweise haben wir einmal im Jahr, immer zum August, eine neue Preisliste herausgegeben“, so Schlichting.

„Ende 2021 gab es bei uns bereits die dritte Preisliste. Wir haben im April erhöht, zum August und zum 1. November“, so Schlichting.

Die galoppierenden Aktualisierungen von Preislisten sind den längeren Lieferzeiten geschuldet. „Wir arbeiten immer noch nach dem System, dass der Kunde einen Vertrag unterschreibt und dann sein Boot auch für den vereinbarten Betrag erhält.“ Die Lieferzeit betrage aber heute 18 bis 24 Monate statt wie bis vor Kurzem noch drei bis sechs Monate. „Wir würden uns einem hohen Risiko aussetzen, wenn wir einen günstigen Preis 24 Monate lang garantieren würden“, so Schlichting. „Wir müssen also den Preis kalkulieren, der voraussichtlich in zwei Jahren realistisch sein wird.“

Je länger also die Lieferzeit, desto größer der Sicherheitsaufschlag der Werft. So sei laut Gerhardt bei Hanseyachts bei den Segelyachten etwa die neue Hanse 460 über zwei Geschäftsjahre ausgebucht. „Da mache ich pro Jahr eine neue Preisliste auf, schätze die Preissteigerung bis zum Liefertermin, und der Kunde bestellt oder nicht.“ Das gelte aber nicht für alle Modelle. „Eine Dehler 30 od ist relativ klein und daher noch schnell lieferbar, die Dehler 34 oder Hanse 315 haben eine mittlere Lieferzeit. Für diese, bei denen rechnerisch Bestellung und Lieferung noch in frühere Geschäftsjahre fallen, gelten nicht so hohe Aufschläge wie bei längeren Lieferzeiten. Bei denen muss eben eine Preissteigerung über mehrere Jahre von uns einkalkuliert werden.“

Für Gerhardt ist auch keine Besserung bei der Preisgestaltung in Sicht, selbst bei sinkender Nachfrage nicht. „Wir werden überall, nicht nur bei Yachten, noch deutliche Steigerungen erleben. Und Preise sind Einbahnstraßen. Irgendwann werden wir die Pandemie hinter uns haben. Aber nach einer Pandemie ist alles anders, besonders steigen die Preise und die Löhne: Die Nachfrage nimmt zu, weil man jahrelang nichts ausgeben konnte und jetzt das Leben genießen will. Also steigen Luxusgüter, mit denen man dies tun kann, besonders in der Nachfrage. Und womit kann man denn die Welt besser genießen als mit einem Boot?“

Eine weitere Entwicklung aus anderen Wirtschaftsbereichen könnte Yachtkäufern jedoch vorerst erspart bleiben. So machen etwa viele Wohnmobilhersteller gar keine Angaben mehr zu Endpreisen oder Lieferterminen. Und im Baugewerbe sind flexible Preise keine Seltenheit mehr. Da werden etwa vom Zimmerer Arbeitsstunden zu einem festen Satz verrechnet, die Holzpreise jedoch zum tagesaktuellen Einkaufskurs. Davon kann der Bauherr profitieren – oder er büßt ein. Planbar ist ein Endpreis auf diese Weise aber kaum noch.

„Mit sogenannten Fairnessklauseln kann man Teile des Preises an einen Rohstoff binden“, erklärt Gerhardt. „Beim Segelboot wären das die drei Hauptrohstoffe Metall, Holz und Harz, mindestens.

Aber eine Segelyacht besteht aus Tausenden Teilen, wie wollte man das dokumentieren? Offene Klauseln mit Endkunden sind derzeit noch schwierig, man sollte das aber nicht für alle Zeiten ausschließen.“

Ähnlich wird es bei Bavaria gesehen. „Flexible Preise machen wir nicht, deshalb gibt es ja mehrere Preislisten pro Jahr“, so Schlichting.

Was bedeutet diese Entwicklung nun für Kaufinteressenten – zuschlagen oder abwarten? „Die Inflation ist eigentlich schon da, wir sehen sie nur noch nicht an den Zinsen, da Geld dagegen gedruckt wird. Aber das wird nicht ewig so gehen“, kommentiert Gerhardt.

„Mein Tipp: Kaufen, Geld ausgeben, in Werte investieren, sogar Schulden machen. Häuser, Caravane, Dinge von Wert. Boote, Boote, Boote. Die sichern nicht nur einen Werterhalt und sind inflationsstabil, sondern bringen auch noch Freude. Von Bitcoins auf dem Konto habe ich nicht viel. Wenn ich dagegen mit einem Drink in der Hand auf dem Achterdeck liegend dem Sonnenuntergang zusehe, schon.“

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Themen: BavariaHanseyachts

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