Blauwasser

Piraten-Opfer verschwindet aus Somalia

Gut ein Jahr nach dem Überfall im Golf von Aden ist Jürgen Kantner heute vom Militärstützpunkt in Berbera ausgelaufen

Uwe Janßen am 17.07.2009

52 Tage befanden sich Sabine Merz, 52, und Jürgen Kantner, 62, in Geiselhaft. Nach der Freilassung reiste der Skipper wieder nach Somalia. Er spürte seine Yacht auf und reparierte sie. Jetzt ist er wieder im gefährlichsten Revier der Welt unterwegs. Mit Kurs auf Aden.

Die „Rockall“ war im vergangenen Juni vor der jeminitischen Küste überfallen und nach Somalia geschleppt worden. Für das Seglerpaar begann ein fast zweimonatiges Martyrium mit Erniedrigungen, Scheinexekutionen und Vergewaltigungsversuchen. Im August vorigen Jahres wurden die Geiseln schließlich freigekauft (YACHT 22/08).

Im Dezember war Kantner dann erneut nach Afrika gereist. Ein Tippgeber hatte ihm verraten, wo er seine Yacht finden würde — sie lag im Militärstützpunkt von Berbera in der autonomen, nicht anerkannten Republik Somaliland. Das Schiff war restlos geplündert und schwer beschädigt. Ausrüstung, Segel und Maschine waren entweder verschwunden oder irreparabel defekt.

Der Skipper begann, die „Rockall“ in mühseliger Arbeit unter abenteuerlichen Umständen und ständiger Bewachung des Militärs wieder herzurichten. Im April reiste seine Lebensgefährtin Sabine Merz ebenfalls nach Berbera. Das Paar wollte seinen ursprünglich geplanten Törn nach Asien fortsetzen.

Doch ihre Ausreise verzögerte sich immer wieder. Als die Stahlslup nach monatelanger Arbeit endlich halbwegs seeklar war, entschloss sich Kantner, den Absprung aus dem zerrütteten Land zu wagen, das das Auswärtige Amt als „überdurchschnittlich gefährlich“ einstuft. Dann traf ihn der nächste Schicksalsschlag.

Unmittelbar vor der geplanten Abfahrt am 5. Juli hatte Kantner in einem ausführlichen Interview mit der YACHT seine unglaubliche Geschichte erzählt (das Gespräch erscheint in Heft 16/09, ab dem 22. Juli am Kiosk). Die lange Leidenszeit schien endlich vorbei — dann kippte in einem Sandsturm ein etwa 35 Meter hoher Telefonmast auf die Yacht. Das Seglerpaar befand sich unter Deck und blieb zwar unverletzt, doch schwere Schäden am Schiff machten ein Auslaufen unmöglich.

„Das Rigg ist kaputt, die Reling auch, im Deck sind fünf Löcher, und der Rumpf ist auf mehreren Metern eingedrückt“, sagte Kantner der YACHT. Er beziffert die Schadenshöhe auf 18.000 Euro. In zweiwöchiger Arbeit flickte der Skipper notdürftig das Schiff wieder zusammen. Und am heutigen Mittag war es schließlich so weit: Die „Rockall“ verließ ihren Liegeplatz mit Kurs auf Aden. „Ich bin froh“, sagte der Skipper in einem Telefongespräch gleich nach der Abfahrt, „dass ich endlich da raus bin.“

Mit der angepeilten raschen Überfahrt in den Jemen durch die piratenverseuchten Gewässer am Horn von Afrika wird es aber nichts werden. Derzeit ist die „Rockall“ in einer anhaltenden Flaute gefangen.

Uwe Janßen am 17.07.2009

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