Nordwestpassage

Ohne Risiko geht es nicht

Zweimal ist die "Freydis"-Crew beim Versuch gescheitert, die Eisfelder im Peel Sund zu durchsegeln. Erst dann hat es geklappt – Skipper Erich Wilts zieht Bilanz

Uwe Janßen am 04.09.2017
Nordwestpassage
E. Wilts

Die "Freydis" im Peel-Sund: Das Eis lässt kaum eine Lücke

Die "Freydis" hat die Nordwestpassage gemeistert und liegt derzeit in Ilulissat in der Disko-Bucht auf Grönland. Dort legt die Crew um das Skipperpaar Heide und Erich Wilts ein paar Tage Pause ein – Gelegenheit, die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen und eine erste Bilanz zu ziehen.

Auf ihrem Blog beschreibt Erich Wilts, worin die größten Herausforderungen dieses Törns bestanden und wie sie am Ende gemeistert wurden. Die interessantesten Auszüge:

Nach zwei gescheiterten Versuchen war es uns erst im dritten Anlauf gelungen, uns durchs Packeis des Peel-Sundes und durch die Bellotstraße – sie sind berüchtigt wegen ihrer Eisblockaden und ihrer starken Strömungen – ohne Gefahr fürs Boot frei zu arbeiten.

Wir waren alle ganz euphorisch! Wir hatten den "Gipfel" der Nordwestpassage erreicht! Schiff und Crew waren einem Stresstest ausgesetzt und hatten ihn bestanden! Wenn man aus der sicheren Deckung ins Packeis geht, kann man sich leicht verschätzen, weiß nicht, wie es ausgeht. Das Unternehmen kann scheitern. Aber ohne ein begrenztes Risiko einzugehen (auch mit den neuesten Eiskarten an Bord konnten wir das Risiko nicht ausschließen), ist die Passage nicht zu meistern.

Nordwestpassage

Ein Crewmitglied manövriert die "Freydis" durchs Eisfeld 

Unsere "Early-Bird-Strategie" war aufgegangen. Sie bedeutete: So früh wie möglich zur Stelle sein, um keine einzige Chance zu verpassen, denn es könnte die letzte sein! Aus all den Berichten von Seglern der NWP geht hervor, dass auch Experten keine Prognosen für die Bewegungen des Packeises stellen können. Es ist möglich, dass sich zu Beginn des Sommers oder auch erst gegen Ende der Saison eine Passage öffnet. Ebenso ist es möglich, dass überhaupt kein Durchkommen gelingt. Deshalb passierten wir sehr früh das Eis bei Point Barrow und brachen als Erste von Cambridge auf, um in einer Bucht vor dem geschlossenen Packeisfeld des Peel-Sundes in Warteposition zu gehen, dicht gefolgt von der "Plum", die eine ähnliche Strategie verfolgte.

Nach uns sind einige Yachten ebenfalls durchgekommen. Aber nun – es ist schon der 1. September – warten immer noch fünf weitere Yachten, die wir ebenfalls in Nome kennengelernt haben, auf ihre Chance. Sie liegen in Buchten vor den Eisblockaden der Tasmania-Inseln in Wartestellung vor Anker, und es ist fraglich, ob sie es in diesem Jahr noch schaffen.

Auch der "Abstieg vom Gipfel" war nicht ganz ohne Risiko, immer wieder versperrten ausgedehnte Packeisfelder den Weg. Es wurde kälter, und in den Nächten bildeten sich bereits neue dünne Eisschichten auf dem Meer.

Bei einer geringen Packeis-Bedeckung von 1 bis 3 Zehntel konnten wir uns durchlavieren. Wenn das Eis aber dichter wurde, mussten wir oft große Umwege in Kauf nehmen. Bei der Wahl der Route sehr geholfen hat uns zweifellos Sven Taxwedel, erfahrener Diplom-Meteorologe bei "Wetterwelt" in Kiel. Zuweilen bekamen wir dreimal am Tag neue Wetter- und Eisinformationen; vor allem haben uns die brandaktuellen Sat-Fotos der Eisfelder sehr geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Nach einer schnellen Überquerung der Baffin Bay (600 Seemeilen in 4 Tagen) wurden wir bei unserer Ankunft in der Disko-Bucht belohnt mit einem grandiosen Eisspektakel! Nur ein paar hundert Meter entfernt von unserem Zielhafen, dem Eskimo-Städtchen Ilulissat, mündet der 55 km lange und sieben Kilometer breite Eisfjord. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Gigantische Eisberge trieben darauf! Sie stammen vom produktivsten Gletscher der nördlichen Hemisphäre. Klar, dass der Eisfjord zum Weltkulturerbe der Unesco gehört und von vielen Besuchern als das 8. Weltwunder bezeichnet wird. Am Tag unserer Ankunft versperrte ein Teil dieser Eismassen die direkte Zufahrt in den kleinen Hafen. Statt den Riegel weiträumig zu umfahren, suchten wir eine Passage und fanden sie – auch das ein kleines, aber unvergessliches Abenteuer.

Schon vor 30 Jahren wollten wir mit der "Freydis II" zur Disko-Bucht. Damals zwang uns ein Maschinenschaden, die Reise nach Norden bereits in der grönländischen Hauptstadt Nuuk zu beenden. Wie haben wir da getrauert, doch was wir wirklich versäumt hatten, erkennen wir erst jetzt.

In Ilulissat legen wir eine Verschnaufpause von ein paar Tagen ein. Doch unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Zwar hat ein Teil der Crew hier die Heimreise angetreten, aber dafür sind drei neue Mitsegler im Anmarsch. Mit ihnen werden wir weitere zweieinhalb Wochen in diesem einzigartigen Revier unterwegs sein, bevor wir – hoffentlich – einen sicheren Liegeplatz für unsere "Freydis" finden, an dem sie überwintern kann. Wir müssen auch auf dieser letzten Reise im Jahr äußerst vorsichtig sein: Die Herbststürme haben eingesetzt, und es vergeht seit einer Woche kein Tag, an dem es nicht irgendwo in der Baffin-Bucht und Davis-Straße mit mehr als 40 Knoten stürmt.

Uwe Janßen am 04.09.2017

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