Corona-Restriktionen
Nach dem Corona-Gipfel: Das Warten geht weiter

Bund und Länder öffnen den Weg aufs Wasser nicht: Für Segler verlängerten sie den Lockdown bis 3. Mai – mindestens. Viele Betriebe bangen schon um ihre Existenz

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 16.04.2020
Corona-Krise und die Folgen für den Segelsport Corona-Krise und die Folgen für den Segelsport Corona-Krise und die Folgen für den Segelsport

YACHT/C. Irrgang Corona-Krise und die Folgen für den Segelsport

Wer gehofft hatte, dass der gestrige Krisengipfel im Bundeskanzleramt zu Lockerungen auch für den Wassersport führen würden, sah sich getäuscht. Schlimmer noch: Sogar die Reisebeschränkungen vieler Bundesländer, darunter Bayern, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, bleiben unverändert in Kraft. Damit sind für Zehntausende Segler die Marinas, Werftbetriebe, Ausrüster und Vercharterer an Nord- und Ostsee weiterhin unerreichbar. Auch Segelvereine und ihre Stege bleiben Sperrgebiet.

Heute und morgen beraten die Landesregierungen zwar noch über Details zur Umsetzung des gestern gemeinsam mit dem Bund gefassten Beschlusses. Dabei mag es im Detail vereinzelt zu gewissen Lockerungen kommen. Doch in der Branche rechnet derzeit niemand damit, dass vor Mai grundlegende Verbesserungen zu erwarten sind. Im Gegenteil: Mehr und mehr macht sich bei Verbänden und Unternehmen, aber auch bei betroffenen Eignern Frust, Wut und Verzweiflung breit.

Während viele die erste, ursprünglich bis zum 19. April begrenzte Phase des Lockdowns akzeptiert und sogar begrüßt hatten, wachsen inzwischen Unverständnis und Sorge.

Zum einen hat noch niemand in der Politik die rigiden Einschränkungen faktisch nachvollziehbar begründet. Segeln, insbesondere Fahrtensegeln mit Angehörigen des eigenen Haushalts, birgt nachweislich keinerlei erhöhtes Infektionsrisiko. Es fehlt also schon an der Notwendigkeit für derart harte Regelungseingriffe.

Zum anderen scheinen Landesregierungen und Regionalverwaltungen die Folgen des künstlich verlängerten Winterschlafs für die Bootsbranche schlicht zu ignorieren. Mit jeder weiteren Woche des Stillstands verlieren die Betriebe Einnahmen, die teils unwiederbringlich verloren sind. Vor allem Schleswig-Holstein, wo besonders viele Unternehmen ihren Sitz haben, riskiert so wissentlich und ohne Not den Verlust Tausender Arbeitsplätze, die auch durch Notfallhilfen nicht zu retten sein werden. In Mecklenburg-Vorpommern und Bremen sowie Rheinland-Pfalz ist Wassersport zumindest eingeschränkt möglich.

Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbands der Wassersportwirtschaft (BVWW), zeigte sich heute gegenüber YACHT online schwer besorgt. "Wir rennen wirklich ins Verderben, wenn nichts passiert", sagte er. Schon der Wegfall des Ostergeschäfts sei für die Betreiber gewerblicher Marinas und für Charterunternehmen schwer verkraftbar. "Wenn jetzt noch der Mai und womöglich auch Juni fehlen, werden wir ein Massensterben bisher gut funktionierender Firmen sehen." Weil sich das Gros der Umsätze auf das Sommerhalbjahr konzentriere, gebe es so gut wie keine Chance, entgangene Gewinne später aufzuholen. "Was weg ist, ist weg", so Tracht bitter.

BVWW/DBSV "Existenzbedrohende Situation": Corona-Schreiben von BVWW und DBSV

In einem Schreiben an Bundes- und Landesministerien sowie Abgeordnete des Bundestags hatte Tracht vor einer Woche im Schulterschluss mit Claus-Ehlert Meyer vom Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verband (DBSV) auf die "existenzbedrohende Situation" hingewiesen und "dringend" gebeten, den Saisonstart nicht weiter durch überzogene Infektionsschutzmaßnahmen zu erschweren. Doch der Vorstoß blieb ohne Wirkung.

Der BVWW-Chef versucht jetzt, mit einem eigens ausgearbeiteten Hygienekonzept die Unbedenklichkeit des Wassersports zu belegen. Es soll kommende Woche vorgestellt werden. Tracht weiß aber: "Die politischen Entscheider ganz oben sehen uns nicht. Unser Einfluss ist leider sehr gering." Dabei hängen von der Branche bundesweit 100.000 Arbeitsplätze und gut 7 Milliarden Euro an Umsatz ab.

Auch Andreas Löwe, Vizepräsident und Syndikus des Deutschen Segler-Verbands, zeigte sich ernsthaft enttäuscht über den neuen Corona-Beschluss. "Wir hatten uns vergangene Woche über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) an die Innenministerkonferenz gewandt, um auf dem Weg die unsinnigen Hafensperrungen vom Tisch zu kriegen", sagt der Rechtsanwalt aus Konstanz. Vergeblich!

Morgen tagt das Präsidium des DSV – virtuell, natürlich. Dabei wird es ganz wesentlich darum gehen, wie Segeln bundesweit wieder möglich gemacht werden kann. Er habe Verständnis dafür, dass in einer solchen Ausnahmesituation anfangs Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen würden, so Löwe. Jetzt sei es jedoch an der Zeit, die Fehler zu korrigieren. "Dass Paddeln erlaubt ist, Segeln von einem Hafen aus aber nicht, kann man doch niemandem erklären."


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