Rekordfahrt
Kurz nach Start von Frachter übergemangelt

Die 16-jährige Australierin Jessica Watson muss ihre geplante Nonstop-Weltumsegelung verschieben

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 09.09.2009

Watson youngestround.com Zurückgeworfen, aber zuversichtlich – Jessica Watson

Es sollte eine zehntägige Testfahrt nach Sydney werden, wo Ende des Monats der Start zur Reise um die Welt geplant war. Bereits in der ersten Nacht kollidierte Watson nun mit einem Frachter – sie hat ihn nicht gesehen.

Gestern Mittag war sie von ihrem Heimathafen Mooloolaba im nördlichen Queensland aus unter Begleitung von vielen Yachten und entlang der von Zuschauern gesäumten Ufern des Mooloolah River zu ihrem ersten Einhand-Testschlag gestartet. Gegen Abend schrieb sie in einem ersten Blog-Eintrag von See auf ihrer Website: "Jetzt segele ich gerade mit sechs Knoten vorbei an Cape Moreton. Um mich herum sind einige Fischerboote, und ich habe auch schon ein paar Wale gesichtet. Das Wetter ist angenehm, die See flach mit perfekten Segelbedingungen. Ich versuche, alles ruhig angehen zu lassen, damit mein Essen auch ganz sicher unten bleibt, bis ich in ein paar Tagen meine Seebeine bekommen habe."

Ihr letzter Eintrag liest sich: "Okay, ich werd mal lieber das Radar und die Positionsleuchten anschalten (...), bevor es dunkel wird. Dann mache ich mir etwas zu essen, bevor ich ein paar kurze Nickerchen einlege." Offenbar muss sie jedoch ein klein wenig zu lang geschlummert haben. Gegen 2.30 morgens am heutigen Mittwoch wurde ihre pinklackierte "Ella's Pink Lady" von einem bislang unbekannten Frachtschiff überlaufen. Watson befand sich zu diesem Zeitpunkt unter Deck, wie später im Interview mit einer australischen Zeitung zu lesen war. Bei dem Aufprall wurde sie nicht verletzt, aber der Mast ihrer Sparkman & Stephens 34 brach, und der Bug wurde stark beschädigt. Gleich nach der Kollision rief Watson ihre Eltern an, die sich sehr erleichtert zeigten, als sie ihnen mitteilte, dass der Mast zwar geknickt, aber das Schiff weiterhin dicht ist. Dennoch informierten sie die zuständigen Behörden, die sogleich ein Boot aussandten, um die 16-Jährige in den nächsten Hafen zu begleiten. Den Weg legte sie jedoch allein unter Motor zurück und wurde bereits kurz nach ihrer Ankunft von Reportern umringt.

Schon jetzt steht fest, dass die Reise nonstop rund um die Welt dennoch stattfinden soll. Ihr Sprecher Scott Young, der den Zusammenstoß als "kleinen Zwischenfall" beschrieb, bestätigte der Presse: "Sie ist zielgerichtet wie eh und je — es soll weitergehen."

Watson selbst zeigte sich in einem Fernsehinterview nach ihrer Ankunft zuversichtlich: "Der gesamte Zwischenfall gibt mir Selbstsicherheit. Er hat mir gezeigt: 'Wow, ich kann mit solchen Rückschlägen tatsächlich umgehen.' Es hätte jedem passieren können. Ich habe einfach Pech gehabt und kann nun daraus lernen."

Mike Squires, der als Ermittler den Umständen der Kollision nachgehen wird, sagte dem "Sydney Morning Herald" indes: "Sie hatte großes Glück, dass sie nur mit kleinen Schäden davongekommen ist. Ein Frachtschiff dieser Größe ist nicht sehr nachsichtig, wenn es mit solch einem kleinen Kunststoffboot zusammenstößt. (...) Die Tatsache, dass das Boot noch schwimmt, ist ein sehr glücklicher Zufall."

Watson dagegen hat noch größeres Vertrauen in ihre "Pink Lady" gewonnen: "Das Boot hat sich gut gemacht. Das Wichtigste ist, dass ich mich während der ganzen Sache sicher gefühlt habe — obwohl es schon ein ziemlich beängstigender Moment war."

Die Schiffswahl, eine ältere Sparkman & Stephens 34, kommt nicht von ungefähr: Das verhältnismäßig kleine Schiff hat in der Geschichte der australischen Nonstop-Weltumsegler seine Seetüchtigkeit schon des Öfteren bewiesen. Bereits 1981/82 umsegelte Jon Sanders damit die Welt zweimal nonstop. Ähnlich, wie es derzeit auch Bernt Lüchtenborg anstrebt, der jedoch eine Runde davon gegen den Wind segeln will (YACHT 19/09). 1996 gelang David Dicks mit 18 Jahren eine Nonstop-Weltumsegelung auf der S&S 34 "Seaflight". Der Rekord wurde ihm jedoch bereits drei Jahre später wieder abgenommen, als sein Landsmann Jesse Martin seine Reise ebenfalls mit 18 Jahren, aber einige Monate jünger beendete und den bis heute ungebrochenen Altersrekord für Nonstop-Fahrten aufstellte, den Jessica Watson nun zu brechen plant. Martin, der mit 17 Jahren startete und damit ein Jahr älter war als Watson, kommentierte gegenüber der australischen Presse: "Wenn Leute davon reden, um die Welt zu segeln, sprechen sie von Piraten, Schiffen, Walen und schwerem Wetter. Eins davon hat sie bereits hinter sich — und ist noch nicht einmal gestartet." Er ermutigte sie, die Pläne fortzuführen. Gegenüber "ABC-Radio" sagte er: "Jeder hat etwas, das er im Leben einmal machen möchte. Und sie macht es, genau wie ich es damals getan habe — das ist eine tolle Sache!"

In Australien werden derweil die Stimmen wieder lauter, die ein staatliches Verbot für Weltumsegelungen von Teenagern fordern. Am 28. Oktober verkündete das Familiengericht in Utrecht (Holland), dass die 13-jährige Laura Dekker nicht, wie geplant, mit 13 Jahren zu ihrer Einhand-Weltumsegelung aufbrechen dürfe und stellte sie unter staatlichen Schutz. Kritiker des Kinder-Weltumsegelns sehen sich nun im Fall von Jessica Watson bestätigt, dass die Gefahr solch einer Reise in jungem Alter noch nicht richtig eingeschätzt werden kann.

Ob der Starttermin Watsons Ende des Monats gehalten werden kann, steht derzeit noch nicht fest. Zunächst wird geklärt werden müssen, welchen Ausmaß die Schäden am Schiff haben. Watson selbst hat der Rückschlag offenbar nicht eingeschüchtert: "Natürlich ist da ständig die Gefahr, dass so etwas noch einmal passiert — aber ich habe jetzt realisiert, dass das Risiko ein Teil des Abenteuers ist."


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Themen: FrachterJessicaKollisionWatson

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