Offshore
"Komplett durchgebrochen"

Nach seiner höchst dramatischen Rettung aus Seenot berichtet der Schweizer Hochseesegler Bernard Stamm erstmals, wie es zum Unglück kam

  • Michael Good
 • Publiziert am 31.12.2013

YACHT / J.M. Liot Da war alles noch in Ordnung. Die "Cheminées Poujoulat" im Vollgas-Modus. Jetzt liegt der Open 60 auf dem Meeresgrund

Bernard Stamm und sein erfahrener Co-Skipper Damien Guillou waren mit ihrer  "Cheminées Poujoulat"  auf der Rück-Überführung vom Transat Jacques Vabres von Brasilien nach Brest in Frankreich, als die Imoca Open 60 in der Nacht zum 24. Dezember von einem Ausläufer der Orkantiefs "Dirk" erfasst wurde. Etwa 180 Seemeilen vor dem Ziel brach das Boot bei mehr als 40 Knoten Wind und ungewöhnlich hohem Wellengang auseinander und begann sofort zu sinken. Nur mit viel Glück und dank beherztem Einsatz der Rettungskräfte auf dem norwegische Frachter "MV Star Isfjord" konnten Stamm und Guillou aus ihrer schier aussichtslosen Lage gerettet werden.

In einem  Interview mit der Zeitung "Le Figaro" berichtet der immer noch unter Schock stehende Stamm jetzt erstmals über den Hergang des Unglücks und über die dramatische Rettung. Seine Schilderungen lesen sich wie ein Krimi. Hier einige spannende Auszüge:

Cheminées Pojoulat Bernard Stamm

"Wir hatten alles gut vorbereitet, im Großsegel war das 4. Reff eingebunden und zusätzlich die Sturmfock gesetzt. Das Boot lief mit stark angezogener Handbremse immer noch 12 bis 13 Knoten. Es schien so weit alles unter Kontrolle. Um etwa 20 Uhr abends arbeiteten Damien und ich unter Deck an der Navigation, als das Boot in ein enormes Wellental krachte und wir einen ohrenbetäubenden Knall hörten. 

Wir gingen sofort an Deck und sahen, dass die gesamte Bugsektion etwa 45 Grad nach oben weggebrochen war. Das Schiff war in der Mitte komplett aufgerissen. Der Mast fiel im nächsten Augenblick. Wir haben dann sofort einen Notruf abgesetzt und angefangen, alles für die Evakuierung von Bord vorzubereiten. Auch haben wir gleich unsere Überlebensanzüge angezogen. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis die Rettungskräfte im Gebiet ankamen, erst ein Flugzeug der französischen, dann ein Hubschrauber der englischen Küstenwache. Dann näherte sich zudem ein Frachter.

Unter diesen rauen Bedingungen hatten wir es jedoch nicht geschafft, in die ausgebrachte Rettungsinsel überzusteigen. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage wirklich äußerst ernst. Das Flugzeug hat zusätzlich fünf Rettungsflöße abgeworfen, aber wir haben leider keines davon zu fassen gekriegt. Es war Nacht, die Sicht war schlecht, und die Wellen waren riesig. 

Das Frachtschiff manövrierte sich in Luv zur 'Cheminées Poujoulat' und die Mannschaft begann, Rettungsleinen in unsere Richtung zu werfen. Aber wir haben die Leinen in der stürmischen Nacht natürlich nicht gesehen und auch nicht ergreifen können. Dann sind wir Richtung Bug des Frachters abgedriftet. Das war die Katastrophe. Unser Schiff ist mehrere Male hart gegen den Wulstbug des Frachters geknallt und wurde dabei zusätzlich beschädigt. Zum Glück war der Frachter voll beladen und lag im hohen Wellengang so relativ ruhig. Er hätte uns sonst leicht zerquetschen können. 

Schließlich haben wir trotzdem eine der Rettungsleinen zu fassen bekommen. Damien und ich hatten uns zusammengebunden, wurden aber zu heftig im Boot herumgeschleudert. Dann haben wir entschieden, die Rettung einzeln zu versuchen. Ich wurde zuerst mit der Leine etwa 60 Meter bis zum Frachter durch das Wasser gezogen und dann an Deck gewinscht. Ich versuchte dabei, Damien und das Wrack der 'Cheminées Poujoulat' nicht aus den Augen zu verlieren und habe während der ganzen Aktion nur das Licht seiner Stirnlampe fixiert. Ich hatte wirklich viel Angst um Damien. An Deck des Frachters schrie ich den Rettungskräften zu, dass mein Partner noch auf dem Schiff sei. Ihnen gelang es schließlich, Damien mit einer ausgebrachten Rettungsboje erreichen. Er wurde ebenfalls an Bord gezogen."

Wie Bernard Stamm weiter schildert, waren die Bedingungen zum Zeitpunkt des Unglücks zwar sehr rau, aber durchaus noch segelbar. Man werde jetzt den Hergang des Unglücks genau rekonstruieren und analysieren müssen, wie und warum die Struktur der "Cheminées Poujoulat" nachgegeben hat. Die etwa drei Millionen Euro teure Konstruktion von Juan Kouyoumdjian wurde 2011 in der Schweizer Werft Decision SA gebaut.

Für Stamm ist der Verlust seines Open 60 ein weiterer herber Rückschlag. Der Schweizer Hochseeprofi wurde in seiner langjährigen Karriere schon oft durch technische Probleme und Havarien zurückgeworfen. Bei der letzten Vendée Globe (2012/13), einer Regatta einhand und nonstop um die Welt, musste er das Rennen auf seiner neuen "Cheminées Poujoulat"  ebenfalls aufgeben. Ob Stamm es schafft, für die nächste Vendée Globe 2016/2017 wieder eine neue-Open 60-Kampagne auf die Beine zu stellen, steht noch in den Sternen.

Die Vorstellung von Bernard Stamm und seinem Vendee-Globe Projekt 2012/2013 mit der "Cheminées Poujoulat"


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