Filmpremiere
Körperreinigung und Kurskorrektur

Disneys Segelfilm „Morning Light“ macht den Zuschauer zum Voyeur des Bordlebens auf einer Ozeanregatta

  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 16.10.2008

Am Freitag läuft der lang erwartete neue Segelfilm von Roy Disney in den US-Kinos an. Mehr als zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zur Premiere, doch das Warten hat sich ausgezahlt.

Unser Amerika-Korrespondent Dieter Loibner hatte die Gelegenheit, die Preview in einem bis zum letzten Platz gefüllten Kinosaal in Annapolis zu verfolgen. Und er war sehr angetan: „Das ist nicht nur ein Segelfilm“. Hier sein Bericht:

Die Geschichte ist eine Dokumentation über junge Segler, die noch nie eine Ozeanregatta gesegelt waren und sich anschicken, beim berühmten Transpac einer neuen Herausforderung stellten. Inspiriert von ABN Amro, das für das Volvo Ocean Race 2005/2006 eine unerfahrene Crew zu einem wettbewerbsfähigen Team zusammenschweißte (ABN Amro 2), gingen die Filmproduzenten von Morning Light ähnlich vor.

Aus 550 Bewerbungen wurden 15 Segler nach verschiedenen Kriterien ausgewählt, die dann sechs Monate lang hart auf einer leicht betagten Transpac 52 Rennyacht trainieren mussten, bis die besten 11 auf die 2.500 Meilen lange Regatta von Los Angeles nach Hawaii geschickt wurden. Die meisten waren Jollensegler (z.B. Chris Banning, mehrfacher US Laserchampion, oder Jeremy Wilmot, Bruder und Sparringpartner des australischen 470 Olympiasiegers Nathan), aber auch zwei der besten US Collegeseglerinnen waren mit von der Partie und ein Afroamerikaner aus dem Innenstadtghetto von Baltimore. Das war, so wurde in eingeweihten Kreisen gemunkelt, nicht nur Zufall, weil der Film unterschiedliche Zielgruppen anprechen sollte.

Hochkarätig auch das Lehrpersonal: ABN Amro Skipper Mike Sanderson und sein Navigator Stan Honey waren dabei, wie Olympiasieger Robbie Haines, der das Bootsprogramm leitete. Alles wurde minutiös genau vorbereitet und geübt, von der Proviantierung, über Dieselreparatur bis zur Abbergung aus der Rettungsinsel per Hubschrauber. Selbst das Segelflicken wurde unter beengten Bedingungen trainiert. Dazu wurden in der Segelloft die Ausmaße einer TP 52 Kajüte mit Klebeband am Boden markiert. „Wir wollten die gesamte Erfahrung dokumentieren und den Zusehern so nahe bringen, dass sie glauben, sie wären selbst dabei,” erklärte Produzent Roy Disney, Neffe des berühmten Walt und selbst mehrfacher Transpac-Sieger und -Rekordhalter. Und das wurde auch konsequent gemacht. Fast 700 Stunden Filmmaterial kamen dabei heraus.

Spektakuläre Segelaufnahmen bei Tag und Nacht (Bordkamera von Richard Deppe) sind ebenso dabei wie Luftaufnahmen aus dem Helikopter und Kameraeinstellungen vom Begleitschiff. Das war übrigens Steve Fossetts alter Rennkat Playstation, der das Rigg gegen zwei Dieselmotoren und eine Kameraplattform eingetauscht hatte, und den Kids die geamte Strecke hinterherfuhr. Egal, ob es um Körperreinigung geht, eine Kurskorrektur, oder ein Spinnakermanöver, das Kinopublikum wird bei so viel Makro unweigerlich zum Voyeur. Umso mehr imponierte die Konzentration der Segler, die ja Hauptdarsteller waren, aber dabei noch ein Rennen zu gewinnen hatten.

Natürlich wurde bei der Bearbeitung in der digitalen Trickkiste gekramt, aber das kann man Disney wohl kaum verübeln, denn auch einem segel-unkundigen Publikum sollte die Zeit nicht lang werden. Die rapide Schnittfolge nimmt Anleihen bei Musikvideos und der rockige Soundtrack ist auf junge Kinobesucher ausgerichtet, die ihr Abenteuerdefizit decken wollen. Segler hingegen erleben durch den Film den Quantensprung mit, den Jollensegler auf physischer, psychischer und organisatorischer Ebene machen müssen, wenn sie plötzlich hochkarätige Ozeanregatten bestreiten wollen.

Also doch „nur” ein Segelfilm? Mitnichten. Disneys Absicht war es, mit Morning Light auch eine Metapher für das Leben zu schaffen, das geprägt ist von Sieg und Niederlage, von Zweifel und Sehnsucht, von schnellen Entscheidungen und geduldigem Warten. Denn es gibt beim Segeln wie im Leben immer Chancen, doch nur demjenigen, der sie auch zu nützen versteht, stehen Türen offen. Deutsche Kinotüren stehen für Morning Light vorerst bedauerlicherweise nicht offen, ob der Film exportiert wird, hängt vom Erfolg in den USA ab. Disneys Distribution wird entsprehende Pläne rechtzeitig bekannt geben.

Mehr über Morning Light gibt’s unter:
http://disney.go.com/disneypictures/morninglight/


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Themen: DisneyFilmMorning Light

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