Solo-Nonstop-Versuch

Jan Hamester auf dem Weg um die Welt

In Hamburg hat der Einhandsegler heute Nachmittag die Leinen losgeworfen – so richtig starten wird er zur Nonstop-Fahrt aber erst in Brest

Jochen Rieker am 30.10.2016
Jan Hamester – Abschied in Hamburg

Umarmungen, Geschenke, gute Wünsche und Kuchen von Mama. Jan Hamester sagt Tschüss!

"Umarmen kann ich euch jetzt nicht mehr alle", rief er in die Menge der Freunde und Fans, die sich kurz vor 13 Uhr an der Außenmole im City-Sportboothafen der Hansestadt eingefunden hatten. Es klang so polterig und rau wie immer. "Also tschüss! Bisous, bisous."

Jan Hamester – Abschied in Hamburg

Kleiner Bahnhof für "Roaring Forty"

Mit "Küsschen, Küsschen" auf Französisch verabschidete sich das Enfant terrible der deutschen Hochseesegelszene aus Hamburg. Ein durchaus symbolischer Gruß, denn bevor es richtig losgeht für Jan Hamester, wird er noch ein paar Mal Station machen – zuletzt wohl am Eingang zur Biskaya, wo alle große Weltumsegelungen starten. Erst dann läuft die Uhr, erst danach wird er solo und nonstop unterwegs sein.

Insofern war die Auslaufparade heute nur der Auftakt zu einer Abschiedstournee des 52-Jährigen, die ihn über Glückstadt, Cuxhaven, vielleicht auch noch Helgoland nach Brest führen soll. 

An die hundert Menschen hatten sich auf dem schwankenden Schwimmsteg versammelt, um ihm persönlich Lebewohl zu sagen, darunter junge Segler, die ihm zuletzt noch bei der Vorbereitung seiner Class 40 tatkräftig unter die Arme gegriffen hatten, Kollegen von der BHW-Bausparkasse, für die er einmal gearbeitet hatte, aber auch zahlreiche ältere Freunde und Förderer.

Eine halbe Stunde vor der für 13.02 Uhr angesetzten Abfahrt stapelten sich im Cockpit und unter Deck bereits die Mitbringsel. Eine Zigarre für Kap Hoorn, eine Batterie Hochprozentiges für zwischendurch, Durchhalte-Leckereien für schwierige Momente. Wer wollte, durfte sich auf der Motorabdeckung aus Schaumsandwich mit Filzschreiber verewigen. Derweil ging der Skipper durch die Reihen. Während er sonst ständig am Smartphone fummelt, gern mal im Stundentakt Facebook-Nachrichten in die Welt sendet, blieb er heute ganz im Hier und Jetzt, das Handy unter Deck – ein selten analoger Moment für Hamester.  

Jan Hamester – Abschied in Hamburg

Mama Hamester (M.) mit Anhang

Dann kam auch seine Mutter zum Tschüsssagen. Sie hatte Kaffee, Geschirr und etliches an Kuchen dabei, nebst bester Freundin und Familie, und konnte die Sorgen um ihren Jungen nicht ganz verdrängen: "Für mich wär‘ das ja nichts. Ich bin eher der ängstliche Typ", sagte sie. Und dass das ja wohl schon gefährlich sei, was Jan da vorhabe. Er musste ihr versprechen, gut auf sich acht zu geben. Schon vor einigen Tagen hatte er ihr einen Tablet-Computer mitgebracht. "Da soll ich nachsehen können, wo er ist. Aber ich weiß noch gar nicht, wie das geht. Das muss mir meine Nichte noch erklären."

Die Gilde der bekannten Einhand-Segler dagegen hatte sich rar gemacht. "Kein Pieske, kein Erdmann", sagte ein Besucher leicht enttäuscht. Vielleicht ein Zeichen von Skepsis und vorsichtiger Distanz, die man bei diesem Projekt durchaus haben kann, haben muss. 

Das Boot, wiewohl deutlich auf Vordermann gebracht in den vergangenen Wochen, ist wie der Skipper nicht mehr in Bestzustand. Die Halsleine am Bugspriet sichtbar schamfilt, das Spifall ausgeblichen, das Getriebe des Dieselmotors nur von unter Deck schaltbar, der Kühlkreislauf nicht ganz in Ordnung... Es fehlt noch an einigen Ecken und Enden.

Jan Hamester – Abschied in Hamburg

Sieht aus, als wäre er schon einmal rundum. Bugspriet und Halsleine der Class40

Und Harmester selbst? Auch er wirkt leicht angezählt, obwohl er es durch seine Leutseligkeit und die für ihn so typische Partylöwenlaune gut überspielt. Die Nieren schmerzen ihn nach einem Sturz an Deck vor ein paar Tagen, der Kopf noch schwer vom Feiern in der vorigen Nacht ("Das ging ja wieder bis Null-Vierhundert gestern"), die Bewegungen an Deck ein wenig ungelenk, wobei unklar bleibt, ob es an der Kälte liegt, am Restalkohol oder an mangelnder Vorbereitung.

Wie sein Solo-nonstop-Versuch enden wird? Zunächst mal geht das Abschiednehmen weiter. Dienstag wirft er wohl das zweite Mal Leinen los vor laufenden Kameras, dann in Cuxhaven, wo vor 15 Jahren Wilfried Erdmann von seiner zweiten Nonstoprunde eingelaufen war. Großes Vorbild für so viele, auch Hamester.

Wird der Käpt'n, dieser leicht chaotische, raubeinige, filterlose, zugleich anstrengende wie doch auch liebenswerte Kerl der Erste sein, der dem großen Einhand-Pionier nachfolgt? In vier bis fünf Monaten wäre er wohl frühestens zurück, würde er es schaffen. Da liegt noch viel vor ihm und seiner "Roaring Forty". Mast- und Schotbruch, Jan!

Jan Hamester – Abschied in Hamburg

Wenn er in 130 Tagen wieder hier festmachen würde, wäre der 52-Jährige ein Held

Jochen Rieker am 30.10.2016

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