Rekordfahrt

"Ich will noch nicht an Land …"

Matt Rutherford erreicht den Passatgürtel und fühlt sich auch nach 20.000 Meilen auf seiner Albin Vega glücklich. 5.000 trennen ihn vom Ziel

Johannes Erdmann am 16.02.2012
Zurück im Passatgürtel – die Albin Vega unter Blister

In der Flaute vor Kap Hoorn – die Albin Vega unter Blister

"Kaum mehr 5.000 Seemeilen sind es noch bis Annapolis", schreibt Matt Rutherford. Elf Monate wird der 32-Jährige nonstop auf See gewesen sein, wenn er dort ankommt. Doch ankommen will er eigentlich noch gar nicht: "Manchmal wünsche ich mir, es würde das Land gar nicht geben", notiert er. Der junge Mann ist längst in seiner eigenen Welt angelangt. Er segelt, um zu segeln, und ist erfüllt von den Erlebnissen der vergangenen Wochen. Von den Rückschlägen, wie den vier Stürmen vor der Umrundung des Kap Hoorns, die durch fünf Tage Flaute direkt danach wieder wettgemacht wurden, denn ständig kamen in der spiegelglatten Flaute allerlei Vögel zu Besuch. Er genießt, es auf See zu sein.

Zwar ist das Schiff mittlerweile ein besseres Wrack – die Elektrik macht immer wieder Probleme, zwei von drei GPS-Geräten sind tot, ebenso das AIS und das UKW-Gerät –, doch wird Rutherford dadurch bewusst, wie wenig eigentlich nötig ist, um die Ozeane zu besegeln. Aus zwei defekten, manuellen Seewasser-Entsalzungsanlagen (einfachster Bauart) konnte er wieder ein funktionierendes System zusammensetzen, und das wichtigste Ausrüstungsstück, die Windsteueranlage, "funktioniert immer noch in beeindruckender Weise und völlig ohne Strom". Das ist alles, was für ihn zählt.

Delfine begleiten Rutherford auf seiner Vega

Delphine begleiten Rutherford auf seiner Vega

Rutherford hat bereits vor einigen Jahren eine längere Einhandreise auf seinem eigenen Boot absolviert. Mit der Pearson 323 segelte er über den Nordatlantik nach Europa und auf der südlichen Route wieder zurück. Die Albin Vega für diesen Rekordversuch stellte ihm der Verein CRAB zur Verfügung, der Segeltörns mit behinderten Menschen veranstaltet. Durch seine Nonstopreise möchte Rutherford Geld für die Institution sammeln. Aufgrund der kurzen Vorlaufzeit und der spärlichen Resonanz auf seine Sponsoring-Anfragen hin baute er kurzerhand die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände von Bord seines eigenen Booten ab und in die Albin Vega ein. Das kürzlich verstorbene Zweit-GPS hatte beispielsweise 35.000 Seemeilen geloggt, die Windsteueranlage hat 40.000 Seemeilen hinter sich. Kein Wunder also, dass sich nach und nach so manches Gerät verabschiedet.

Gebrochener Seewasserentsalzer

Gebrochener Seewasserentsalzer

Doch auch einige strukturelle Probleme durch das Alter und die Verwindungen des Bootes in den Wellen machen Rutherford zu schaffen: "Seit einiger Zeit wandert das Hauptschott merkwürdigerweise nach oben und beginnt rechts neben dem an Deck stehenden Mast durchs GFK zu brechen." Als Praktiker macht er sich deshalb keine allzu großen Sorgen um den Ausgang der Reise: "Notfalls flicke ich es mit Treibgut und Harz wieder zusammen. Es sind ja nur noch zwei Monate bis zum Ziel."

Ein Ziel, das er eigentlich nach all den unbeschreiblichen Monaten auf See gar nicht erreichen will. Er ist nicht verrückt geworden, sondern erfüllt vom Leben auf dem Ozean. In seinem Blog hinterfragt er tiefgründig viele Themen, die ihn beschäftigen, beschreibt Erlebnisse mit der Tierwelt, die ihn bewegt haben und philosophiert über Sinn oder Unsinn, sich mit einem derart kleinen Boot auf solch eine gigantische Reise zu begeben. "Neulich bin ich wach geworden, weil ein Regen von Ausrüstungsgegenständen auf mich niederging", schreibt er. Draußen herrschte Sturm, und das Boot lag 90 Grad auf der Seite. "Offenbar wollte mich der Ozean daran erinnern, dass 27 Fuß doch nicht wirklich groß sind."

Die abgewohnte Kajüte der Vega im nassen Südpolarmeer

Die abgewohnte Kajüte der Vega im nassen Südpolarmeer

Auch wenn der Skipper noch auf See bleiben möchte, wird es langsam Zeit, den Heimathafen anzulaufen. "Ich kann ja auch gar nicht allzuviel länger hier draußen bleiben", schreibt er, "ich habe nicht mehr genug Proviant – und Toilettenpapier." Außerdem macht die Vega in den letzten Wochen mehr Wasser als üblich. Alle Bilgepumpen sind kaputt, "also lenze ich mit der ältesten Pumpe, die es gibt: einem 15-Liter-Eimer und einer leeren Maisdose."

Der Skipper an der Pinne

Der glückliche Skipper an der Pinne

Seit dem 12. Februar befindet sich Rutherford wieder im Passatgürtel. Die Luft und das Wasser werden wieder wärmer, und bis zum Ziel liegt kein Land mehr im Weg. Um auf der Nordhalbkugel nicht allzu hoch an den Wind zu müssen, wählte er einen östlichen Kurs und befindet sich derzeit auf der Länge der Azoren.

Die Reise kann auf www.solotheamericas.org verfolgt werden.

Johannes Erdmann am 16.02.2012

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