Hochsee-Katamarane
Hanseyachts bereinigt Portfolio und verkauft Privilège

Trennung von einem Sorgenkind: Hanjo Runde, der neue CEO der Greifswalder Werft, setzt mit dem Verkauf der gehobenen Katamaran-Marke ein erstes Ausrufezeichen

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 17.06.2022
Künftig wieder unabhängig von einem größeren Werftenverbund: die französische Kat-Marke "Privilège". Im Bild der neue Privilège 580 Künftig wieder unabhängig von einem größeren Werftenverbund: die französische Kat-Marke "Privilège". Im Bild der neue Privilège 580 Künftig wieder unabhängig von einem größeren Werftenverbund: die französische Kat-Marke "Privilège". Im Bild der neue Privilège 580

YACHT/J.-M. Liot Künftig wieder unabhängig von einem größeren Werftenverbund: die französische Kat-Marke "Privilège". Im Bild der neue Privilège 580

Der Zeitpunkt kam überraschend, der Schnitt nicht. Gestern Abend gab die Hanseyachts AG bekannt, dass sie sich schnellstmöglich von ihrer Katamaran-Marke Privilège trennen wird. Die grundsätzlichen Eckpunkte des Verkaufs stehen bereits fest; lediglich die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter fehlt noch. Bereits im Juli kann dann der Vertrag unterzeichnet, bis Oktober die Ausgliederung vollzogen werden.

Das Unternehmen mit Sitz am Port Olona in Les Sables-d'Olonne soll "zu einem Symbolpreis" an eine Käufergruppe um den langjährigen Chef Gilles Wagner abgegeben werden. Zu den Investoren zählen auch Kunden der französischen Werft.

Hanseyachts war 2019 der letzte große Yachtbauer, der mit der Übernahme von Privilège ins Kat-Segment eingestiegen ist – und ist jetzt der erste, der sich zurückzieht. In der Mitteilung kommentiert Hanseyachts-CEO Hanjo Runde den Entschluss so: "Beide Gesellschaften haben viel voneinander gelernt. Da die erwarteten Synergieeffekte jedoch nicht im erhofften Maße realisiert werden konnten, ist dieser strategische Schritt für beide Seiten nun die beste Lösung."

Tatsächlich galt Privilège seit jeher als Sorgenkind im Marken-Portfolio der Greifswalder Aktiengesellschaft. Obwohl Hanseyachts mit Moody und Fjord über viel Erfahrung im Luxussegment des Bootsbaus verfügt, gelang es nie wirklich, die Franzosen zu integrieren. Zu unterschiedlich die Unternehmenskulturen, zu groß die Entfernung, zu different die Systeme und Fertigungsweisen.

YACHT/J.-M. Liot Insel- statt Bandfertigung, Kleinst- statt Großserienbau – vieles bei Privilège unterscheidet sich grundlegend von den Prozessen und der Unternehmenskultur bei Hanseyachts

Obwohl anfangs monatelang Topleute aus der Produktion zwischen Greifswald und Les Sables pendelten und obwohl die Entwicklung mehr und mehr zentralisiert wurde, lief es bis zuletzt nie richtig rund. Zudem belasteten hohe Investitionen in die Modernisierung der Modellpalette die Profitabilität der exklusiven Tochter. Nach YACHT-Informationen erwirtschaftete Privilège in den drei Jahren seit der Übernahme nie einen positiven Deckungsbeitrag. Zwar verfügen die Kat-Bauer über einen Auftragsbestand von mehr als 57 Millionen Euro; das Orderbuch reicht bis 2024. Die Entscheidung zur Trennung erscheint dennoch konsequent.

Sie wird kurzfristig nur eine kleine Delle in der Hanseyachts-Bilanz verursachen. Die Rede ist von einem ungeplanten Einmal-Aufwand in Höhe von 1,5 bis 2 Millionen Euro. Der Umsatz werde im Geschäftsjahr 2022/23 um rund sechs Prozent zurückgehen. Das Unternehmen rechnet "aufgrund der Trennung von Risiken jedoch zugleich mit positiven Auswirkungen auf das Konzernergebnis".

Hanjo Runde kommentierte: "Hanseyachts wird sich künftig auf die verbleibenden sechs Marken konzentrieren, die (wie Privilège) ebenfalls historisch hohe Auftragsbestände vorweisen und die vor einer Zeit mit profitablem Wachstum stehen."

Gegenüber der YACHT gab er gestern Abend in einem Exklusiv-Interview folgende Einordnung:

Herr Runde, in unserem ersten Gespräch Anfang des Jahres hatten Sie gesagt, dass Sie die breite Aufstellung von Hanseyachts mit Marken im Yacht-, Katamaran- und Motorbootmarkt als Stärke sähen und das Programm eher noch erweitern wollten. Was hat dazu geführt, jetzt bei Privilège auszusteigen?

"Alle unsere Marken sind hervorragend aufgestellt, und ich freue mich, in den kommenden Jahren viele Innovationen zu präsentieren. Privilège hat eine komplett neue Modellpalette mit der 510, 580 und 650. Dies zeigt sich auch im außergewöhnlich guten Auftragsbuch. Allerdings haben sich Hanse, Dehler, Moody und Fjord auch sehr viel besser entwickelt, als wir geplant hatten. Wir stehen vor einer deutlichen Steigerung des Wachstums und wollen uns stärker fokussieren. Daher freuen wir uns sehr, dass Privilège – die, nebenbei bemerkt, eine der traditionsreichsten Katamaran-Marken der Welt ist – nun neue Eigentümer hat, die sich in Zukunft noch intensiver um die Weiterentwicklung der Marke kümmern können."

Wenn wir von außen auf die Marken von Hanseyachts schauen, war Privilège von Beginn an eher das Sorgenkind. Was sprach dafür, so lange daran festzuhalten?

"Richtig ist sicherlich, dass Privilège ein anderes Geschäftsmodell verfolgt als die anderen Marken der Hanseyachts AG. Bei Privilège kaufen die Kunden oft mit zwei Jahren Vorlauf, und es kommt zu 9 bis 18 Monaten Bauzeit. Die Bauzeiten sind demnach schlichtweg länger, die Anforderungen anders. Zudem werden die Katamarane meist direkt und nicht durch unsere Handelspartner vertrieben. Im Ergebnis sehe ich uns nicht als "Best Owner" und setze zudem auf einen noch klareren Fokus auf unser Kerngeschäft."

Wettbewerber aus Frankreich haben seit Monaten gemunkelt, dass es wirtschaftlich nicht rund läuft bei Privilège. Es war sogar von einer bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit die Rede. Wie viel mussten Sie pro Jahr zuschießen?

"Die finanziellen Implikationen der Transaktion sind sehr überschaubar, und diese haben wir in unserer Ad-hoc-Meldung veröffentlicht. Privilège ist gut für die Zukunft aufgestellt."

Das Kat-Segment boomt, auch jetzt noch. Erwägen Sie, anderweitig diesen Markt zu bedienen – oder sehen Sie keinen Platz für einen weiteren Player und lassen den Bereich achteraus?

"Das Katamaran-Segment hatte in der Tat einen deutlichen Zuwachs in den vergangenen Jahren. Wir haben dies auch in unserem Strategieprozess genau betrachtet. Ob wir hier etwas planen, wird bei der Präsentation unserer Innovationen in den kommenden Jahren deutlich werden."

Eine Frage, die sich aufdrängt: Wird es weitere Schnitte im Portfolio geben? Ist das also erst der Auftakt einer Konsolidierung oder ein einmaliger Sonderfall?

"Innovation ist Kern unserer neuen Strategie, und unsere Kunden können sich auf viele neue Modelle freuen. Nach der Hanse 460 – immerhin European Yacht of the Year – entwickeln wir gerade weitere neue Hanse-, Dehler- und Moody-Modelle. Bereits im Bau ist eine neue Sealine, und ich durfte diese Woche unsere neue Fjord erleben, die mich wirklich beeindruckt hat. Das hat viel Spaß gemacht."


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Themen: HanseyachtsPrivilege

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