Solo-Weltumseglerin

Frau Socrates hat’s geschafft

Beim dritten Mal hat endlich alles geklappt: Jeanne Socrates, 70, hat allein, ohne Stopp und ohne Hilfe mit einer Najad die Welt umsegelt

Dieter Loibner am 09.07.2013
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Socrates kurz vor dem Ziel ihrer Solo-Nonstop-Weltumsegelung

Am Montag um 02:26 Uhr Ortszeit driftete die Britin Jeanne Socrates mit "Nereida”, ihrer gebührlich gezeichneten Najad 380, über die Ziellinie im Hafen von Victoria, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Britisch-Kolumbien. Nach knapp 260 Tagen und etwa 25.000 gesegelten Meilen war sie genau dort angekommen, wo sie am 22. Oktober 2012 gestartet war: in ihrer Wahlheimat, in der sie nicht nur von den Seglern des Royal Victoria Yacht Clubs geschätzt und bedingungslos unterstützt wird. Es war ihr dritter Versuch einer Nonstop-Solo-Weltumsegelung, aber ihre vierte Segeltour um den Globus insgesamt.

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Ziel vor Augen: "Nereida" und Jeanne Socrates mit Kurs auf Victoria

Mit nur 154 Zentimeter Körpergröße ist Socrates zierlich. Aber sie ist unheimlich willensstark, und sie ist zäh. Neben Größen wie Ellen MacArthur, Catherine Chabaud oder Dee Caffari (westwärts) ist Socrates eine der ganz wenigen Frauen, die nach offizieller Diktion (die Reise wird vom World Speed Sailing Record Council ratifiziert) solo, nonstop und ohne Hilfe von außen um die Welt segelten. Sie ist die erste Frau, die um die fünf großen Kaps segelte und als Start und Ziel einen Hafen in Nordamerika wählte. Dass sie mit Abstand auch die älteste Frau ist, die je so eine Reise absolvierte, soll nicht verheimlicht werden, auch wenn es dafür in Seglerkreisen keine offizielle Anerkennung mehr gibt.

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Müde, aber happy: Mit britischem Understatement kommentiert die 70-Jährige ihre monumentale Leistung

Die Zuschauer, die zu so früher Stunde zu ihrer Ankunft in den menschenleeren Hafen gekommen waren, bejubelten die wackere Seglerin mit farbigen Leuchtstäben und Signalhörnern nach Leibeskräften. Nur sie selbst wollte sich nicht ausgelassen feiern, es gab weder Sektdusche noch Leuchtfackeln. Ein bescheidenes Lächeln und ein kurzes Winken, das war alles. "Es ist sehr nett, von Freunden willkommen geheißen zu werden und diese Erfahrung mit anderen zu teilen. So wie eigentlich auf der gesamten Reise, während der ich über Funk mit Fremden kommuniziert habe, die dann zu Freunden wurden”, sagte sie YACHT online nach dem Anlegen mit dem für sie typischen Understatement. Dabei stand sie am Seitendeck, an einem Becher biologischen Schaumweins nippend, den ihr jemand hastig in die Hand drückte. Von Bord durfte sie nämlich nicht, weil die Zollformalitäten mit den kanadischen Behörden erst später erledigt werden konnten.

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Gezeichnet: Wie sehr das Schiff gelitten hat, ist an den abrasierten Instrumenten am Cockpitbügel zu erkennnen

Ernsthafte Probleme habe es nicht gegeben, sagte sie, gemessen an den anderen Reisen, die sie in Kapstadt, Südafrika beziehungsweise in Ushuaia, Argentinien, unterbrechen musste, um Schäden an ihrem Boot zu beheben, bevor sie ohne Rekordberechtigung weitersegeln konnte. Aber der Begriff "no problems” ist stark relativ bei Jeanne Socrates. Ein Blick auf den Targabügel am Achterschiff sagt eigentlich alles: Radargehäuse und Windgenerator abgerissen. "Ach das? Ist bei einem Knockdown im Indischen Ozean passiert, selbstverständlich bei Nacht …”  Windinstrumente? Haben im Südpazifik den Geist aufgegeben. Computer? Monitore ausgefallen, daher unbrauchbar. Dass sie dennoch per E-Mail kommunizieren konnte, verdankte sie dem Netzwerk der Kurzwellenfunker, die ihre  gesamte E-Mail-Kommunikation transkribierten beziehungsweise an sie über Funk akkustisch weitergaben. Und das war noch nicht einmal das Schlimmste ….

Und jetzt? "Erst mal ausspannen und das Boot wieder in Schuss bringen”, sagt sie. Es gäbe endlos viele Menschen zu besuchen, die ihr auf ihren Abenteuern aushalfen und damit zu Freunden wurden. Auch wenn diese Reise zu Ende ist, ist Frau Socrates mit dem Segeln noch lange nicht fertig. "Und mit dem Gericht in England muss ich mich auch herumschlagen”, seufzt sie am Kajütdach "Nereidas” sitzend, als es in Victoria schon wieder Tag wird. 

Was es damit auf sich hat, welche Ängste sie vor Kap Hoorn auszustehen hatte und wie sie den Eisbergen im Southern Ocean entkam, erfahren Sie exklusiv in einer der kommenden Ausgaben der YACHT.

Dieter Loibner am 09.07.2013

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