Pitter 1000 Miles Race

Fortbildung in der Rettungsinsel

Die sechsköpfige Leser-Crew, die beim Adria Race von Biograd nach Lefkas mitfährt, muss zum Sicherheitstraining, der Veranstalter will es so. Lohnt das?

Andreas Fritsch am 28.06.2018
Sicherheitstraining
YACHT/A. Fritsch

Die Crew steht nach dem finalen Auswahltraining für das Rennen der Mannschaft, die das "The Race 1000 Miles" mitsegelt: vier Männer, zwei Frauen und YACHT-Redakteur Andreas Fritsch, die am 14. Oktober von Biograd auf die Zweimal-500-Meilen-Regatta gehen. Ein Schiff haben wir auch schon, es wird die Bavaria 45 "Luna Mare" in der Einheitsklasse mit Gennaker. Nun beginnt die lange Vorbereitung, denn keiner der Leser und Leserinnen an Bord ist jemals eine so lange Strecke in einem Stück gefahren. Unter Regatta-Bedingungen. Nonstop. Auf der Adria. Im Oktober.

Fotostrecke: Sicherheitstraining Bremerhaven

Da stellt sich natürlich schon die Frage: Was muss man sicherheitstechnisch vor so einer Offshore-Langstrecke im Herbst über drei Küsten und einmal über fast die gesamte Adria und das halbe Ionische Meer eigentlich alles bedenken? Ziemlich rasch wird klar: Darüber hat sich Pitter Yachting auch schon ausgiebig den Kopf zerbrochen. Und so kommt es, dass unter Punkt 6 der Zulassungsbedingungen ein langer, wirklich laaanger Abschnitt über die Sicherheit zu finden ist. Darunter natürlich obligaorisch, dass Rettungsinseln vorgeschrieben sind, aber auch, dass ein Sicherheitsbeauftragter benannt werden muss, der der Crew Notrollen nahebringt (nein, das hat nichts mit Theater zu tun) und vieles mehr. 

Ein dicker Brocken dort lautet auch: "Der Skipper und mindestens ein Crewmitglied müssen ein gültiges World-Sailing-Sicherheits-Training vorweisen können." Können sie zum Zeitpunkt der Meldung natürlich nicht. Also machen wir uns auf die Suche nach Anbietern solcher Kurse. Schnell wird klar: Die sind gut frequentiert, viele waren schon Anfang des Jahres ausgebucht. Doch wir kommen noch unter, und zwar bei einem Training des Wedeler Anbieters Sailpartner. Die Firma versteht sich als Marine Consultant und eine Art Trainer-Akademie, die Törns und Fortbildungen jeder möglichen Couleur organisiert. Darunter auch ein dreitägiges Sicherheits-Seminar, wofür die Profi-Anlage des global tätigen Unternehmens Falck Safety Services in Bremerhaven genutzt wird. Das Unternehmen schult unter anderem Mitarbeiter von Offshore-Windanlagen und Seeleute aus der Berufsschifffahrt.

So praxisnah wie möglich

Und zwar nicht nur theroetisch, sondern höchst praktisch: Es gibt ein Wellenbad, in dem sich Teilnehmer in Rettungswesten sich in Rettungsinseln kämpfen müssen, bei hohen Wellen, inklusive Beregungs- und Windanlage, Verdunkelung und sogar simulierten Gewittern. "Klingt nach Abenteuer-Wochenende", frohlockt Jan Godts, eins der Crewmitglieder, der das Training mit mir absolviert, und dem es eigentlich immer nicht hart genug sein kann. Abwarten.

"Sie werden auch richtige Feuer löschen, Signalfackeln zünden und von einer Seilwinsch aus der Rettungsinsel abgeborgen werden, wie es im Ernstfall ein Hubschrauber tut", ergänzt noch Ausbilderin Britta Sloan, eine der vier Gründer/innen von Sailpartner, zu Beginn des Wochenendes. "Und am Sonntag dürfen Sie auch Wunden nähen", ergänzt noch ihr Kollege Michael Köhler. Jans Grinsen wird immer breiter. 

Klingt in der Tat nach Abenteuer. Aber der Hintergrund ist natürlich ernst: Jeder soll so realistisch wie möglich darauf vorbereitet werden, wie es denn ist, wenn man bei 9 Windstärken nachts in die Rettungsinsel umsteigen muss, das Boot lichterloh brennt oder ein Mitsegler mit Herzinfarkt oder schwerer Verletzung an Bord liegt und weit und breit keine Hilfe in Sicht ist.

Schritt eins: Soft Skills

Trainer Lutz Böhme und Michael Köhler erzählen eine Menge zu Crew-Management, Sicherheitausrüstung, was es an persönlichem oder bootsgebundenem Zubehör so alles gibt: Epirbs, Sart-Bojen, Lichtfackeln und so weiter und so fort. Welche Rettungswesten haben sich bewährt? Sie erklären die Bedeutung von Rollen-Verteilung für Notfälle, die zuvor abgesprochen werden, den sogenannten Not-Rollen. Kompaktes, geballtes Wissen aus der Praxis von den Profis. Der Schädel raucht schon etwas nach mehrstündigen Vorträgen, auch wenn das Ganze durch das Anschauen und In-die-Hand-Nehmen des Zubehörs aufgelockert wird.

Das Ganze nützt nicht nur Skippern, die ihre Vorbereitung hinterher sicherlich mit anderen Augen sehen – auch Mitsegler lernen eine ganze Menge. 

Schritt zwei: "...uuuuund Action!"

Sicherheitstraining

In die Rettungsinsel im Dunkeln, bei Seegang im Wellenbad und mit Regen und Windmaschine – schwieriger als gedacht

Am zweiten Tag wird es dann ernst: Überlebensanzüge an, Rettungsweste um und auf ins Wellenbad. Dort wird erst live eine Rettungsinsel ausgelöst (weit weniger spannend als gedacht und vor allem auch viel langsamer als erwartet). Dann beginnt für einige der Spaß – oder das Leid, wie sich später zeigt. Mit der Weste ins Wasser gesprungen, soll man nun hintereinander schwimmen und eine "Raupe" bilden, die sicherstellen soll, dass im Seegang draußen auf See die Crew zusammenbleibt. Der Erste rudert schwimmend mit den Armen, während er seine Füße unter die Arme des Nächsten geklemmt hat. Koordiniert soll man so zur Rettungsinsel schwimmen. Klingt easy, ist aber verdammt schwer. Dauernd zieht einen ein anderer halb unter Wasser, oder man kommt aus dem Takt. Und dann geht die Wellenmaschine an, das Licht aus, und die Windmaschine feuert los. 

Und plötzlich ist alles anders. Beim einen oder anderen kommt leichte Panik ob Desorientierung auf, Wellen überspülen plötzlich das Gesicht, die Ersten husten, weil sie Wasser geschluckt haben. Im Vorteil ist hier eindeutig, wer körperlich fit ist. Die Sportlichen der Teilnehmer kommen ganz gut durch, die Älteren oder Übergewichtigen oder Ängstlichen haben bald zu kämpfen. Ab und zu muss jemand raus und unterbrechen, besonders weil die Wellen dafür sorgen, dass man reichlich Wasser schluckt oder gar fast einatmet.

Unter anderem beim Versuch, in die Rettungsinsel reinzukommen. Wenn niemand drin ist, der mit reinzieht, ist die Kante ganz schön hoch und das Hereinklettern ein echter Kraftakt. Zumal die aufgeblasene Rettungsweste das nahezu unmöglich macht. Gut beraten ist, wer bei der Theorie zugehört hat: Etwas Luft ablassen über den Rüssel an der Rettungsweste, über die man sie auch aufpusten kann, hilft ungemein. Doch einmal drin, wird es nicht besser: Drinnen ist es unfassbar eng, das Teil schleudert in der Welle herum, in der Dunkelheit hat man andauernd irgendein Gliedmaß im Gesicht. Und dieser Gestank! Die Insel riecht penetrant nach Gummi, PVC oder was auch immer. Nach ein paar Stunden dürfte das mit den Ausdünstungen der Mitinsassen ein unerfreuliches Gemisch ergeben, ahnt man schnell. 

Die Ersten werden schon nach ein paar Minuten grün um die Nase. Doch bevor es zum Äußersten kommt, birgt der Heli uns ab, simuliert von einer Winsch, die den Insassen an die Hallendecke hochzieht. Ganz wichtig: Nie, wirklich nie, das Seil des Helis direkt zu ergreifen versuchen. Durch statische Aufladung über die Hubschrauber-Rotoren steht das solange unter Hochspannung, bis es einmal ins Wasser getaucht wurde. Das unbedingt abwarten, sonst wird man gegrillt. Bleibt einem das erspart, wird man anschließend gepeinigt. Jedenfalls als Mann. Weste mit Schrittgurt gleich unschöner Spannungen beim Hochwinschen, so die einfache Erfahrung. Nur Jan hat noch immer sein unverwüstliches Lächeln im Gesicht, auch als er zum zehnten Mal in eine Insel klettert. Vielleicht weil der peitschende Regen von der Regenmaschine so schön von seiner Glatze abprallt? Egal, für manche kann es eben nicht schlimm genug sein.

So geht es dann ein, zwei Stunden, und bei allen Teilnehmern reift der Entschluss: Erst von Bord gehen, wenn der Kahn unterm Hintern wegsinkt – keine Sekunde früher! Nach dem Beckeneinsatz sind jedenfalls alle erstmal leidlich platt, und es ist eine Demut gewachsen: So eine Situation muss um jeden Fall vermieden werden! Also gründlich planen, guter Wetterbericht, immer Plan B parat haben, nie unnötige Risiken eingehen!

Feuer Marsch!

Der dritte Tag beginnt höchst unterhaltsam: Der dozierende Berufsfeuerwehrmann zeigt anhand von kleinen Filmen, wie schnell sich ein kleines Feuer unter Deck zum totalen Inferno mit Rauchgas-Explosion ausbreitet (weniger als zwei Minuten!), wie leicht sich Benzingase beim Umfüllen von Sprit entzünden – und wie heftig die Explosion ist. Und er demontiert Mythen: Feuerschutzdecken für Herde? Längst out, haben oft zu mehr schweren Verletzungen geführt als die Brände sonst. Beim Hantieren mit der Decke wird der Brand oft genug erst ins ganze Schiff verteilt, oder der Nutzer erleidet schwere Verbrennungen. Dann lieber mit Löscher ran. Und das darf jeder reichlich üben: Brand am Boden, in der Küche, an der Person – alles wird nach Anlegen der Schutzkleidung mit echtem Feuer geübt. Sehr beeindruckend. Und jeder darf einen Löscher (Pulver, CO2, Wasser) startklar machen, nutzen und die richtige Technik trainieren. Perfekt. Das Zünden der Seenotfackeln danach kommt einem dagegen schon fast niedlich vor. 

Sicherheitstraining

Feuer-Inferno: realistischer Üben geht nicht mehr

Abgerundet wird das Programm dann vom Doc: der Notfall- und DGzRS-Arzt macht klar, was für ein heimtückischer Feind die Unterkühlung ist und wie wichtig es ist, einen MOB schnell aus dem Wasser zu bekommen – denn Schock und kaltes Wasser brauchen oft keine Viertelstunde, um einen Segler ins Jenseits zu befördern. Auch die unbequeme Wahrheit, dass viele praktisch in dem Moment sterben, in dem sie gerettet werden, setzt sich fest. Der Grund ist, dass das Gehirn dann sagt: "Uff, Glück gehabt, bin gerettet" – und das Adrenalin nicht mehr fließt, das zuvor den Kreislauf noch in Schwung hielt, trotz Unterkühlung. Die Folge kann ein Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand sein. 

Sicherheitstraining

Ran an die Schenkel zum Nähen

Und ganz zum Schluss kommt dann der amüsante Teil: mit Nadel und Faden fiese Schnittwunden nähen, an Hähnchenschenkeln vom Discounter. Leichter als gedacht, alle frohlocken, bis der Arzt nebenbei erwähnt, das viele Blut müsse man sich eben noch dazudenken. Ein Glück, dass wir mit Friederike Wilbert, intern nur "Fritzi" genannt, in der Leser-Crew unseren eigenen Doc an Bord haben. Da mögen Jans Hähnchenschenkel-Nähte noch so hübsch aussehen.  

Fazit: Praxis schlägt alles!

Nach knapp drei Tagen ist jedenfalls klar: Die 495 Euro Schulungs-Gebühr (Inklusive Mahlzeiten) sind gut angelegtes Geld. Ob man dann in einem echten Notfall die Ruhe behält, bleibt natürlich abzuwarten, aber es sind die vielen Details, die die Ausbildungs-Profis von Sailpartner vermitteln, die jedes Lehrbuch um Längen schlagen. Und jetzt versteht man auch den Standpunkt des Veranstalters, der das Training vorschreibt. Das Wissen hat seinen Preis, aber es ist jeden Cent wert.  

1000 Miles

Sponsoren des Ecents

Andreas Fritsch am 28.06.2018

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