Werften
Finanzkrise hinterlässt Spuren im Bootsbau

Bei HanseYachts fällt der Umsatz um 58 Prozent, Hallberg Rassy plant drastischen Stellenabbau – Doch es gibt auch Lichtblicke

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 11.03.2009

YACHT/Nico Krauss Vorwarnung: HR-Chef Magnus Rassy will bis Herbst bis zu einem Drittel der Mitarbeiter entlassen

Zwei Meldungen haben seit Wochenbeginn deutlich gemacht, welche Auswirkungen die weltweite Wirtschaftskrise auf den Wassersport hat. Vor allem Werften und Bootshändler sind betroffen. Und das nicht nur im unteren Preissegment.

Am Montag schockte die schwedische Renommier-Marke Hallberg-Rassy die Branche mit der Vorankündigung, in der zweiten Jahreshälfte bis zu 98 Mitarbeiter zu entlassen — ein Drittel der Gesamtbelegschaft.

Die Nachricht wurde in Schweden landesweit im Radio und Fernsehen übertragen. Denn die Werft zählt zu den international bekanntesten Markenartikeln aus Skandinavien. Sie hat Kultstatus und schrieb über Jahrzehnte eine einmalige Erfolgsgeschichte.

Der Stellenabbau verwundert umso mehr, als das Unternehmen aus Ellös auf der westschwedischen Halbinsel Orust 2009 voraussichtlich einen Umsatzrekord verbuchen wird — wie schon ein Jahr zuvor. "Die Produktion ist derzeit voll ausgelastet", sagte Geschäftsführer Magnus Rassy im Interview mit YACHT online. "Wir haben quer durch das Modellangebot noch hohe Auftragsbestände abzubauen."

Doch anders als in vergangenen Jahren ist das Orderbuch nach den Sommerferien noch weitgehend leer. Trotz guter Messeverkäufe fehle es an dem üblichen Vorlauf. "Und es kann ja niemand vorhersagen, wann der Wendepunkt der Krise erreicht sein wird."

Anders als in früheren Konkunkturabkühlungen sei die Nachfrage weltweit eingebrochen. "Früher", so Magnus Rassy, "lief es mal in einer Region weniger gut, aber das konnten wir anderswo kompensieren." Diese Ausgleichseffekte fehlten in der aktuellen Krise.

YACHT/Nico Krauss Zukunft: Trotz der Sparpläne investiert die Werft weiter, etwa in den Ausbau des Hafens in Ellös

Nach schwedischem Arbeitsrecht können Unternehmen im Zuge einer Vorankündigung relativ leicht und abfindungsfrei Stellen abbauen. Dazu müssen nur Vorlauffristen beachtet werden, die abhängig sind von der Zahl der Belegschaft und deren Betriebszugehörigkeit. Im Fall von Hallberg Rassy betragen sie zwischen sechs und zehn Monate. Verbessert sich das wirtschaftliche Klima während dieser Zeit, kann die Zahl der Kündigungen auch geringer ausfallen als zunächst angezeigt. Demnach sind die jetzt zur Disposition stehenden Stellen (91 in der Produktion, 7 in der Verwaltung) eine Art Worst-Case-Szenario. Die hohe Zahl zeigt aber, dass sich Magnus Rassy auf eine starke und länger anhaltende Eintrübung vorbereitet.

Gleichwohl bleibt der HR-Chef langfristig zuversichtlich. Das zeigen auch die Investitionsvorhaben, die ungeachtet der Krise umgesetzt werden. So investiert die Werft in den Ausbau des eigenen Hafens und wird im Juni eine neue, hoch effiziente Lackierstraße für die Möbelfertigung in Betrieb nehmen. "Wir wollen auf jeden Fall profitieren, wenn es wieder aufwärts geht", sagt Rassy.

Starke Umsatzrückgänge auch in der Großserie
Am anderen Ende des Bootsbaus, in der Großserienfertigung, stehen die Zeichen derzeit ebenfalls auf Sturm. So hat Hanseyachts am Mittwoch abend in einer ad-hoc-Meldung an die Börse von einem Umsatzeinbruch um 58 Prozent im ersten Geschäfts-Halbjahr berichtet.

Darin heißt es:

"Die erwartete typische saisonale Belebung der Nachfrage ist trotz
einiger guter Messeverkäufe bisher ausgeblieben. Die Umsatzerlöse
liegen mit 21 Mio. Euro um 58 Prozent unter den Umsätzen des
Vergleichszeitraumes (Vorjahr: 50 Mio. Euro). Der Hanseyachts Konzern erzielte im ersten Halbjahr ein EBIT von -9,8 Mio. Euro (Vorjahr: -0,2 Mio. Euro).

"Die umgesetzten Kapazitätsanpassungsmaßnahmen und die Reduzierung des Personalbestands werden aufgrund von Kündigungsfristen und
Nachlaufeffekten erst in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres zu
einer wesentlichen Verringerung der Kosten führen.

Aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung veröffentlicht die
Hanseyachts AG keine Umsatz- und Ergebnisprognose. Das Management des Unternehmens erwartet für das Gesamtjahr einen prozentualen
Umsatzrückgang in der aktuellen Größenordnung. Die bisherige
Erwartung, die negativen Ergebnisse des ersten Quartals im weiteren
Verlauf des Geschäftsjahres kompensieren zu können, kann nicht
aufrechterhalten werden. Die Maßnahmen zur Kostensenkung werden
planmäßig fortgesetzt."

Das Greifswalder Unternehmen ist als einer der wenigen Bootsbauer weltweit börsennotiert und unterliegt damit aktenrechtlichen Offenlegungspflichten. Nach Informationen von YACHT online leiden auch alle anderen großen Werften, darunter Bénéteau, Jeanneau, Bavaria und Dufour, unter starken Verkaufsrückgängen. Mit betroffen von dem Nachfrageeinbruch sind auch die lokalen Händler.

Es gibt aber relativ stabile Segmente im Wassersportmarkt
In anderen Bereichen des Marktes, etwa beim Nachrüstgeschäft, bei Servicebetrieben, Segelmachern und auch in der Charterbranche sind die Auswirkungen der Wirtschaftskrise bisher freilich deutlich geringer. Von einer allgemeinen Flaute oder gar einer Flucht aus dem Segelsport kann daher keine Rede sein. Im Gegenteil: Viele Eigner sehen dem Saisonbeginn mit einer "Jetzt-erst-rech-Haltungt" entgegen.

Auch handeln einige Werften antizyklisch. So eröffnet Najad, Hauptwettbewerber und Nachbar von Hallberg Rassy, Mitte März in Barcelona eine neue Mittelmeer-Repräsentanz. "Wir sehen in der aktuelle schwierigen Marktlage auch eine Chance", sagte Geschäftsführer Alfred van Wincoop gegenüber YACHT online. Verantwortlich für das Büro wird Wilan van den Berg sein, der ehemalige Werftchef und Miteigentümer von Dehler.


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