ARC 2010

Fehlalarm

Die Jubiläums-Atlantikralley leidet immer stärker unter den schwachwindigen Bedingungen. Matthias Beilken berichtet von Bord der "Shaka"

Pascal Schürmann am 30.11.2010

Die Swan 46 "Shaka"

Über wenig wird unter Langfahrtseglern heftiger gefachsimpelt als über die Möglichkeiten der Datenübertragung auf See. Vom ARC-Veranstalter wird gefordert, stets per E-Mail erreichbar zu sein. Auf diesem Weg gelangen unter anderem die täglichen Wetterinfos an Bord. Doch: Grau ist alle Theorie.

Von an Einseitenbandfunkgeräten angeschlossene Pactormodems über Iridium und Inmarsat bis hin zu Fleet Broadband 77 samt zugehörigen Mailservern reichen die technischen Möglichkeiten. Daneben gibt es noch die Diskussionen über die besten Antennen. Jeder weiß irgendetwas, hat einen Kommentar zu ihrer optimalen Installation abzugeben.

Hoch im Kurs stehen Iridiumgeräte, die — so meinten auch wir — simpel zu installieren und scheinfrei zu betreiben sind. Rund die Hälfte der ARC-Teilnehmer hat in der Vergangenheit auf diese „einfache“ Lösung gesetzt. Und das ist sie ja auch, meistens jedenfalls. Nur manchmal geht etwas schief, und die falschen Daten laufen ein. Und das kann einem einen gehörigen
Schreck einjagen.

YACHT-Autor Matthias Beilken berichtet von Bord der "Shaka"

Einen „einfachen“ Datenaustausch auf „Shaka“ muss man sich etwa so vorstellen: Skipperin Mareike steht wie die Freiheitsstatue unter dem Salonluk und reckt das Telefon zur Decke, während an Deck jemand hockt und die Antenne platziert. Person Nummer drei gibt auf dem PC den Befehl zum Datenaustausch.

Neueste Zutat zum Antennensalat: ein Farbtöpfchen, ursprünglich zur Bemalung der Hafenmauer von Las Palmas angeschafft. Denn der Deckel ist magnetisch, und das beflügelt die Sendeleistung ungemein.

Dieses Dreipersonen-Setup konnte jedoch nicht verhindern, dass eine Wetterdatei vor einigen Tagen gehörig fehlinterpretiert wurde: Bis zu 70 Knoten Wind zeigte die Vorhersage plötzlich.

70 Knoten! Herr im Himmel! Das sprengt die Beaufortskala nach oben. Die Vorhersage hatte einen sofortigen Hilferuf nach Kiel zu unserem Wetterberater zur Folge. Es schien keinen Ausweg zu geben. Wir fühlten uns wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden sollten.

Doch irgendetwas kam uns auch spanisch vor. Lösung: Irgendetwas mit einer bestimmten Komprimierung rief einen Riesenzeck hervor. Also alles falscher Alarm!

Die Flotte im Flautenloch. Die Yachten weichen immer weiter südwärts aus, in der Hoffnung, dort den ersehnten Passat zu finden. Auf den Kapverden kam es gar zum Gedränge. Ein paar verwegene Racer kämpfen sich derweil im Norden zum Ziel. Ganz vorn auf direktem Kurs einsam und allein die "Wind Horse", eine Motoryacht. Sie dürfte übermorgen St. Lucia erreichen

Auch ohne 70-Knoten-Winde deutet vieles darauf hin, dass ARC Nummer 25 wettermäßig in die Geschichte eingehen könnte. Selten vorher sind wohl derart viele Schiffe auf eine derart südliche Route ausgewichen, wir sind fast alle hier unten.

Oben im Norden ist es ruppig, das wissen wir. Und dass Volvo-Ocean-Race-Skipper Andreas Hanakamp aus Österreich seinen Class-40-Racer (Typ Akilaria) über den Großkreis knüppelt und offensichtlich zu den führenden Yachten zählt, ruft keine Mitleidsstürme unsererseits hervor. Die Hamburgerin Caroline Hadenberg, Segelgruppenleiterin beim Hamburgischen Verein Seefahrt (HVS), segelt in der Crew, in Saint Lucia wird sie das ihrige zu berichten haben.

Also heißt es für uns nach wie vor gen Süden schunkeln. Wir überlegen sogar,ob wir die Kapverden nicht durchschnibbeln oder sie gar im Osten passieren sollen. Wahrscheinlich haben noch kaum andere ARC-Crews derart abstruse Gedanken angestellt. Allerdings lag der verlockende Passatgürtel auch selten so weit südlich.

Anmerkung der Redaktion:
Inzwischen kommt es auf den Kapverden sogar zu einem regelrechten Gedränge um Trinkwasser und Diesel. Die ARC-Leitung hat wegen der anhaltenden Flaute offiziell einen Tankstopp auf den Inseln erlaubt. (Laut normalem Reglement würde dies zu einer Disqualifizierung in der Ralley-Wertung führen.) Die Folge: Mehrere Dutzend ARC-Yachten drehen vor der Tankstelle in São Vincente Warteschleifen, für zusätzliche Trinkwasserkanister werden Unsummen bezahlt. Ein ARC-Teilnehmer beschreibt die Situation wie folgt: "Ein vorgezogenes Weihnachtsfest für die Einwohner der Kapverden!"

Pascal Schürmann am 30.11.2010

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