1000 Meilen Race

Es ist vollbracht!

Das YACHT-Leser-Team hat es geschafft: Die zweite, harte Etappe des Rennens ist beendet, inklusive 10er-Böen und nächtlicher Gennaker-Gänge bei 25 Knoten Wind

Andreas Fritsch am 25.10.2018
Pitter
A.Fritsch/YACHT

Sie waren gekommen, um Abenteuer zu erleben, um an ihre Grenzen zu gehen, und bei der Rücketappe des Rennens von Lefkas nach Biograd lieferte Mutter Natur – und zwar reichlich: Statt Leichtwind mit löchrigen Flautenfeldern auf der Hinfahrt gab es im zweiten Leg ordentlich auf die Mütze. Dazu Segelerlebnisse, die wohl keiner so schnell vergisst.

Die Ankündigungen des Routing-Programms versprach eine schnelle Rückfahrt: Fast die ganze Strecke über sollten nördliche Winde mit oft um die 4 bis 6 Beaufort wehen, inklusive deutlich stärkerer Böen – genau das Richtige, um es diesmal im Zeitlimit ins Ziel nach Biograd zu schaffen. Tatsächlich kam es fast so: Einmal eingeparkt in einer kurzen Flautenzone vor Korfu, dann von der Nordgrenze Griechenlands fast in einem sauberen Strich durchgezogen bis in kroatische Gewässer. 

Pitter

Eine der vier Nächte pro Etappe

Das seglerische Gesellenstück der YACHT-Crew gab es kurz nach der Passage der Seegrenze zwischen Griechenland und Italien: Nachts dreht der Wind plötzlich auf halbwinds bis raum und legt ordentlich zu. Also Gennaker hoch. Da viele der Crewmitglieder wenig Erfahrung mit dem Leichtwindsegel hatten, war abgemacht, bis etwa 20 Knoten das Segel stehen zu lassen; mehr erschien uns angesichts der Erfahrung nicht seemannschaftlich. Aber als die Tüte dann oben ist, das Boot teils über 10 Knoten im kurzen Glitsch läuft und die "Luna Mare" im Race-Tracker nach vorn auf Platz drei wie eine Dampfwalze durchs Feld pflügt, siegt der Ehrgeiz: Fast zwei Stunden fliegt die Bavaria 45 mit schäumender Bugwelle durch die See. 

Pitter

Die Crew beim Start der zweiten Etappe vor Lefkas

Doch als die ersten Böen bis 25 Knoten kommen, haben wir zum ersten Mal wirklich die Hosen voll und bergen das Segel. Das Manöver klappt, ist aber in stockdunkler Nacht das Grenzwertigste, was alle an Bord je erlebt haben. Limits muss man sich eben stückweise erfahren. Später berichtet die Sieger-Crew in der Bavaria-45-Klasse von Ursula Berger, dass sie auch bei 25 Knoten das Leichtwindsegel jederzeit setzen. Dann reißt aber auch schon mal ein Block aus dem Boot, wie diesmal passiert. Später hören wir von geplatzten Gennakern, Großsegeln und sogar beschädigten Winsch-Sockeln.

Zweites Highlight ist das Leg von der italienischen Küste, etwa auf Höhe von Brindisi in kroatische Gewässer. Ein Windfeld mit 25 Knoten mittlerem Wind und zwei bis drei Meter mittlerer Wellenhöhe ist prognostiziert. Raumschots geht es in Rauschefahrt ab. Als die Böen deutlich über 30 Knoten bekommen und wir das Boot weiter runterreffen wollen, treffen uns eine Folge von Hammerböen, die die Bavaria in einen spektakulären Wipe-Out schicken. Lage ohne Ende, Festhalten, wo immer möglich; es dauert eine Weile, bis wir das jetzt völlig übertakelte Boot wieder in den Griff bekommen. Allen quillt das Adrenalin quasi aus den Ohren. Als der Puls wieder unten ist, checkt Konstantin die Logs des Windmessers: Die Spitze hatte 48 Knoten – Windstärke zehn. Wieder ein Novum, bei solchem Wetter bleiben wir in unserem "normalen" Seglerleben brav im Hafen. Aber alle sind sich einig: Derartige Erfahrungen sind nicht in Gold aufzuwiegen. Jetzt weiß man, wie sich so etwas wirklich anfühlt. 

Pitter

Windstärke der Böen im Gewitter vor Brindisi

Drittes Erlebnis ist das Boot selbst: Fast einen Tag pflügen wir eigentlich ständig mit Rumpfgeschwindigkeit durch die Adria, die Bavaria bockt durch die Wellen wie ein Rodeo-Pferd. Schlafen: unmöglich. Die Geräuschkulisse unter Deck ist unfassbar: Das Boot ächzt, knallt und knarzt, dass es einem die Schauer über den Rücken jagt. Vorschiffskammer: Flugschein. Unser Respekt vor Klaus Pitter steigt, der seinen Booten solche Torturen alle drei Jahre zumutet. Unsere Schätzung: Ein Race entspricht wahrscheinlich belastungsmäßig einem Charter-Jahr. Die Erfahrungen, die wir hier in zwei Wochen sammeln, dafür auch ungefähr fünf Normalo-Seglerjahren.

Und so geht es weiter bis zur Insel Vis: Segeln mit Sieben-Meilen-Stiefeln. Später im Ziel berichten alle Crews mit leuchtenden Augen von diesem Rennabschnitt. Aber dann kommt die Spaßbremse: Mit schäumender Fahrt morgens um vier in die Kornaten, und dann, zack, Wind weg. Flaute, Windstriche in der Dunkelheit sind nicht zu sehen, das Topfschlagen beginnt. Wir parken ein, drei weitere Schiffe auch. Unser sicher geglaubter dritter Platz, mit fast drei, vier Seemeilen Vorsprung ist plötzlich akut in Gefahr. Und wirklich: Aus dem Off kommt die Konkurrenz, sieht uns und zwei weitere Schiffe einparken und fährt keine halbe Meile von uns in einem letzten Windstrich vorbei. Das bereitet direkt körperliche Schmerzen. 

Es folgt das härteste Regatta-Erlebnis aller an Bord: von vier Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags kämpfen wir uns die letzten etwa zwölf Meilen bis Biograd. Und dank grandioser Schwachwind-Performance der Steuermänner Konstantin Krüger und Fabian Claußen sind wir nach drei Meilen Rückstand wieder am Heck der  Bavaria 45 "Ju" von Rudi Seibt. Es folgt eine mehrstündige Battle mit Gennaker, in der jeder mal die Nase vorn hat. Nur im Ziel haben wir dann leider um ein paar Bootslängen das Nachsehen. Einen Moment lang droht die Enttäuschung das Erreichen des Ziels zu verhageln, aber dann reißen wir das Ruder rum und feiern einfach uns selbst und das Gesamt-Kunstwerk 1000-Meilen-Race.

Wir sind sicher gesegelt, wir haben unser Ziel nach der ersten Etappe, uns zu verbessern, mit dem vierten Platz in der Bavaria-45-Klasse erreicht. Mit jedem Bier am Steg in Biograd rufen wir uns mit den anderen Crews in Gesprächen die Highlights ins Gedächtnis und sind uns einig: eines der größten Erlebnisse im ganzen Leben von jedem uns. Ein Meilenstein. Wie sagte es mal so schön ein Teilnehmer bei einer YACHT-Reportage über das damalige 1000-Meilen-Race: "Das ist das Volvo Ocean Race des kleinen Mannes". Damals habe ich noch gelächelt. Heute nicht mehr.

Andreas Fritsch am 25.10.2018

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