ARC-Blog

Erster Advent auf See

Ein Adventskalender hat es mit an Bord der "Moana" geschafft. Die Crew darf ihre ersten Türchen öffnen. Wie viele es wohl werden bis zum Ziel? Der aktuelle Blog

Pascal Schürmann am 02.12.2019
Erster Advent 2019 SRe_MG_3327
YACHT/S. Reineke

ARC-Blog Nr. 6

Die Sonne blitzt am Horizont auf. Langsam schiebt sie sich durch die leichte Wolkenschicht und beendet die Nacht. Rundherum Wasser, sonst nichts. Kein Schiff, kein Licht, kein Land.

Ich sitze im Cockpit und löffele eine reife, süße Papaya. Die tief stehende Sonne lässt sie besonders orange leuchten. Obst wird gegessen nach Haltbarkeitsdatum. Mit Limone beträufelt schmeckt Papaya wunderbar und ganz und gar tropisch.

Dabei steigen die Temperaturen auch langsam an. Zur Nachtwache habe ich erstmals nicht die volle Skiwäsche angeplünnt. Bisher waren die Nächte noch eher kalt. Aber seitdem wir abgebogen sind, liegt Kurs Karibik an – wenn auch noch mehr als 2000 Meilen vor uns liegen. Die Moral steigt und fällt immer leicht mit der Bootsgeschwindigkeit. Mal kommen wir gut voran, mal schwächelt der Wind, und die Ankunftszeit rückt in weite Ferne.

Gerade kommt Wolfgang zum Wachwechsel an Deck und bringt als morgendliche Überraschung einen Adventskalender mit! Sofort wandern die Gedanken in die Heimat! Meine beiden kleinen Neffen warten bestimmt schon seit Tagen aufgeregt auf den 1. Dezember, schleichen um den ums Treppengeländer gewundenen Adventskalender und sind heute morgen garantiert früher auf den Beinen als sonst, um das erste Säckchen zu öffnen.

Und dann ist heute noch der erste Advent! Basti hat seit Beginn seiner persönlichen Zeitrechnung erst einmal den traditionellen ersten Adventskaffee mit der Familie verpasst. Und es nagt an ihm, dies nun wiederholen zu müssen. Wir alle sind auf See und machen es uns selber weihnachtlich – sogar Weihnachtsplätzchen kommen heute auf den Tisch –, aber etwas Wehmut und die Gedanken an die Lieben daheim bleibt. Immerhin haben wir noch zwei Wochen vor uns.

Der fliegende Fisch, der sich auf der Heckplattform in den trockenen Freitod gestürzt hat, bringt die eindeutige Meeresnote in den heutigen Tag. Tannennadeln riechen anders.

Unser Geschenk des Tages ist eine große Delphinfamile. Die Tiere begleiten uns lange, äugen neugierig nach oben und spielen in der Bugwelle. Mühelos halten sie unsere Geschwindigkeit von sieben bis neun Knoten Fahrt mit.

Die Crew der "Moana"

Heute ist es Zeit, einmal meine Mitsegler vorzustellen. Da ist Basti, den ich schon ewig kenne, wir es aber tatsächlich jetzt zum ersten Mal schaffen, gemeinsam zu segeln. Basti ist eigentlich Ruderer und Olympionike und wollte ursprünglich mit der Talisker Atlantic Challenge über den Atlantik rudern. Nun hat er Geschmack am Segeln gefunden und ist gleich mal mit der Bundesliga eingestiegen.

Dort segelt er mit Christina, die ebenfalls mit an Bord ist und die schon immer segelt, wenn auch eigentlich kleinere Boote. Sie hat die schwierige Aufgabe des Proviantmeisters übernommen und den gesamten Einkauf gemanagt. Die elektrische Winsch von "Moana" hat es ihr besonders angetan. Christina springt von Backbord nach Steuerbord und versucht zu trimmen, was geht.

Das macht sie gemeinsam mit Kay, der normalerweise seine Pogo über die Ostsee jagt und nicht stillsitzt an Bord, da es immer etwas zu tun gibt. Dabei hatte Kay anfangs Bedenken, dass es langweilig werden könnte.

Für das Petri Heil an Bord ist Wolfgang zuständig, der bereits einen Mahi Mahi gefangen hat. Wolfgang, der seine Bavaria 41 in der Bucht von Palma liegen hat und der maßgeblich zum Entstehen des "Moana"-Projektes beigetragen hat. Seinen Wunsch, den Sprung über den Teich zu wagen, setzen wir hier nun zu sechst um.

Und schließlich ist da Norbert, der seine täglichen Fitnessübungen an einem per Handgenerator betriebenen Weltempfänger abarbeitet und der sich seinen lang gehegten Traum von der Atlantiküberquerung erfüllt.

Für alle ist es der erste Ozean. Nur ich fühle mich als Methusalem mit meinen bald 100.000 Seemeilen im Gepäck. Ich weiß, dass 14 Tage auf See gar nicht so lang sind, aber für meine Crew ist die Situation komplett ungewohnt. Wir haben ein kleines Wettbüro aufgemacht und die individuellen Schätzungen zur Ankunftszeit (ETA) festgehalten. Die Prognosen liegen zwischen dem 12. und 14. Dezember. Dafür brauchen wir allerdings noch etwas mehr Wind.

Die Skipperin

Mareike Guhr, Segelsportjournalistin, Buchautorin und Weltumseglerin, ist zu ihrer nächsten großen Reise gestartet. In diesem Sommer hat sie mit ihrem Katamaran "Moana" das Mittelmeer durchquert und sich auf den Weg zu den Kanaren gemacht. Von Las Palmas di Gran Canaria aus segelt die Hamburgerin derzeit mit Gästen an Bord im Rahmen der Atlantic Rally for Cruisers (ARC) über ihren "Hausozean", wie sie den Atlantik nennt.

Und das nicht nur zum Vergnügen, sondern auch, um sich um ihr Hilfsprojekt zu kümmern. Mit ihrem Verein "Island Child Care" versorgt Guhr Kinder auf Inseln in Drittweltländern, die am besten mit dem Schiff erreichbar sind.

Mehr Infos zum Törn und zum Boot finden sich auf Guhrs Website.

Pascal Schürmann am 02.12.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

    ANZEIGE

    Das könnte Sie auch interessieren

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online