ARC 2010
Erste Yacht statt erstes Törchen

Gestern hat "Wind Horse" das Ziel St. Lucia erreicht. Es handelt sich allerdings um eine Motoryacht

  • Pascal Schürmann
 • Publiziert am 02.12.2010

dashewoffshore Volle Kraft voraus über den Atlantik: die 83 Fuß lange "Wind Horse"

Erste Yacht statt erstes Törchen

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Erste Yacht statt erstes Törchen

Weder die Sturmtiefs auf der nördlichen Route noch der anhaltende Schwachwind auf dem südlichen Kurs konnten Steve und Linda Dashew beeindrucken. Das US-Skipperpaar legte einfach den Hebel seiner "Wind Horse" auf den Tisch und preschte mit im Schnitt über 11 Knoten über den Atlantik. Ein Großteil der Segelyachten wird hingegen wohl Weihnachten auf See verbringen.

Um 16.45 Uhr Ortszeit des gestrigen 1. Dezembers passierte die 25 Meter lange und 44 Tonnen verdrängende Motoryacht vom Typ FPB 83 die Ziellinie in der Rodney Bay im Norden St. Lucias. Zum Erstaunen der zahlreichen Schaulustigen, die eigens mit Dutzenden Booten hinaus in die Bucht gefahren waren, um die ungewöhnliche Yacht aus nächster Nähe zu bestaunen, drehte diese sofort nach Überqueren der Linie wieder Richtung offene See ab.

Erst viel später machte "Wind Horse" dann in der Rodney Bay Marina fest. Der Grund: Das Schiff musste erst einen "Cool down" einlegen. So etwas kennt man eigentlich nur von Sportlern, die nach intensiver Leistung ihren Körper ganz langsam wieder in einen normalen Modus bringen, um einen Kreislaufkollaps zu vermeiden.

Skipper Steve Dashew hingegen erklärte, dass auch die Motoren seiner "Wind Horse" nach der zehntägigen Raserei erst wieder kontrolliert auf eine normale Betriebstemperatur zurückgefahren werden mussten, bevor sie abgeschaltet werden konnten.

Das Skipperpaar berichtete nach seiner Ankunft, wie komfortabel es trotz zeitweise widriger Seebedingungen unterwegs gewesen war. Linda Dashew: "Ich konnte zu Thanksgiving ein ganz normales Festmahl an Bord zubereiten."

Dass überhaupt eine Motoryacht dabei sein durfte, ist eine Art Verneigung der ARC-Veranstalter vor einem der bedeutendsten Fahrtensegelboot-Konstrukteure: dem US-Amerikaner Steve Dashew. Bekannt geworden ist er mit seinen Schiffen vom Typ Deerfoot, die vor allem unter Langfahrtseglern viel Anerkennung finden.
Schon 1986, bei der ersten ARC, war Dashew mit seiner Deerfoot 62 "Moonshadow" angetreten. Die ist nun, anlässlich des Jubiläums des 25-jährigen Bestehens der ARC, wieder mit von der Partie, wenn auch unter einem anderen Skipper. Sie selbst zu steuern, dafür fühlt sich Dashew inzwischen zu alt. Um dennoch gemeinsam mit Gattin Linda beim großen Jubiläum dabei sein zu können, stieg er auf "Wind Horse" um.

Die einen im Ziel, die anderen noch auf halbem Weg — und einige auch auf dem Weg zurück. Die 25. Rally über den Atlantik hat es in sich. Die meisten Yachten aus der Fahrtendivision suchen auf dem südlichen Kurs immer noch verzweifelt nach einem Hauch Passatwind. Doch der will sich einfach nicht einstellen.

So mussten zahlreiche Yachten bereits einen außerplanmäßigen Stopp auf den Kapverden einlegen, um Diesel und Wasser nachzubunkern. Anderen dagegen rennt die Zeit davon oder geht die Geduld aus. Bislang haben sich zehn Crews entschieden, auf die Überfahrt ganz zu verzichten. Sie gaben das Rennen auf und laufen inzwischen zurück nach Gran Canaria. Unzählige andere Crews haben zeitweise die Segel geborgen und die Maschine angeworfen, um überhaupt ein wenig nach Westen voranzukommen.

Das ist für viele momentan nicht ganz einfach. Denn statt eines steten Nordostpassats weht es mancherorts derzeit aus der entgegengesetzten Richtung. Viele Yachten sind zu Kreuzkursen gezwungen.

Das hat auch weitreichende Folgen für die erwarteten Ankunftszeiten der ARC-Teilnehmer, sollte sich nichts Gravierendes an den Windverhältnissen ändern. Während einige Yachten aus der Racer-Division St. Lucia vielleicht schon am Sonntag erreichen werden, dürften sich mehrere Dutzend Crews darauf einstellen, das Weihnachtsfest außerplanmäßig auf See zu verbringen. Und nicht nur das. Für die Langsamsten könnte auch der Jahreswechsel ins Wasser des Atlantiks fallen.

Lese-Tipp:
YACHT-Redakteure waren schon 1986 bei der allerersten ARC dabei. Damals wurden die bereits über 200 Teilnehmercrews von einem außerordentlich heftigen Passat gebeutelt. Und navigiert wurde noch auf vielen Schiffen mit dem Sextanten. Wir haben die packende Reportage über das Rennen kostenlos als Download bereitgestellt — eine lohnende Lektüre!

Außerdem: Dramen, Tragödien, spektakuläre Rettungsaktionen auf hoher See und Glücksmomente bei der Ankunft in der Karibik aus 25 Jahren ARC jetzt in der aktuellen Ausgabe der YACHT (Heft 24/2010, überall im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich) .


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Themen: 25ARCJubiläumwind horse

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