Greta Thunberg transatlantik

"Eine andere Perspektive auf die Welt"

Der Atlantik ist zur Hälfte passiert, das Bergfest des Törns mit Klimaaktivistin Greta Thunberg nah. YACHT online sprach mit "Malizia"-Skipper Boris Herrmann

Tatjana Pokorny am 21.08.2019
Greta Thunberg Transatlantik-Törn auf "Malizia"
Team Malizia

Greta Thunberg an Bord von "Malizia"

Seit knapp einer Woche ist die aktuell wohl berühmteste Segel-Crew des Planeten nun schon auf See: Der Hamburger Skipper Boris Herrmann und sein monegassischer Co-Skipper Pierre Casiraghi bringen die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, ihren Vater Svante und den Filmemacher Nathan Grossman auf ihrer Rennyacht "Malizia" von Plymouth nach New York. Emissionsfrei, so die Mission.

Greta Thunberg Transatlantik-Törn auf "Malizia"

Greta Thunberg segelt auf der Imoca "Malizia" mit Boris Herrmann und Pierre Casiraghi über den Atlantik

Wie es der Crew geht? "Es könnte nicht besser sein", sagte Herrmann am Dienstagabend im ausführlichen Interview mit YACHT online von Bord, "wir segeln in angenehmen Winden um 13 Knoten, die Sonne scheint. Gerade haben wir alle – einer nach dem anderen – eine Eimerdusche an Deck genossen."

Die teils harsche Kritik, die sich nach Bekanntwerden der Flugaktivitäten des Teams wie ein Gewitter über dem gut gemeinten Segel-Törn Thunbergs entladen hatte, ließ sich mit dem Salzwasser zwar nicht ganz wegwaschen, aber die Dusche brachte eine willkommene Erfrischung.

Weil nicht Herrmann und Casiraghi, sondern zwei weitere Teammitglieder "Malizia" von New York nach Europa zurückbringen und dadurch vier Transatlantik-Flüge anfallen, wurde Thunberg vorgeworfen, sie habe mit ihrer emissionsfreien Passage gar kein CO2 eingespart sondern im Gegenteil mehr Emissionen verursacht als nötig.

Greta Thunberg Transatlantik-Törn auf "Malizia"

Greta Thunberg erinnert an den vor einem Jahr begonnenen Schulstreik

Rund 1500 Seemeilen entfernt vom Kontinent, reagierte Herrmann mit Besonnenheit auf die Kritik. "Auf See haben wir das große Privileg, die Antennen ein- und ausschalten zu können. Von hier aus haben wir auch eine andere Perspektive auf die Welt. Unsere Mission besteht darin, die Leute an Bord sicher nach New York zu bringen. Natürlich hat die Crew mitbekommen, dass sich die Menschen mit unserem Thema auseinandersetzen. Da wird sicher auch mal dummes Zeug geschrieben. Grundsätzlich finden wir es aber positiv, dass man sich mit dem Fliegen auseinandersetzt und Flüge als Problem erkennt. Das ist es ja, was wir wollen."

Greta Thunberg Transatlantik-Törn auf "Malizia"

Das Quintett auf "Malizia" (v.r.n.l.): Pierre Casiraghi,  Filmemacher Nathan Grossman, Greta Thunberg, Svante Thunberg und Boris Herrmann

Herrmann stellt den Kritikern auch eine Gegenfrage: "Kann man als Individuum überhaupt emissionsfrei leben?" Jeder, der zu Hause Steuern zahle, sei damit schon Teil des CO2-Fußabdrucks der Bundesrepublik Deutschland. Herrmanns Anspruch bei der Unterstützung von Greta Thunberg und ihren Zielen ist allgemeiner Natur: "Man kann nicht alle Verantwortung auf individueller Ebene lösen. Die Diskussion um unsere Reise ist sehr kurzfristig, wenn man darüber nachdenkt, was die Intention ist. Unsere Flüge ändern nichts daran, dass Greta emissionsfrei nach New York kommt. Wir selbst sind ohnehin ein Rennteam und würden sonst in dieser Zeit trainieren und auch fliegen. Wichtig ist, dass sich politisch etwas ändert." 

Team Malizia

Aktuell segelt "Malizia" mit Crew und Gästen über den Atlantik. Das Bild zeigt die Imoca-Yacht bei einem Einsatz kurz vor dem Fastnet-Rennen

Viel Zuspruch erfährt das Team aus dem Segelsport. "Wir haben Nachrichten von Leuten wie Alex Thomson, Dee Caffari und Loïck Peyron erhalten und eine unglaubliche Solidarität erfahren. Es ist toll zu erleben, was für ein fortschrittliches Denken es in unserem Sport für die Zukunft des Planeten gibt. Segeln ist ein intelligenter Sport, in dem sich die Leute mit diesen Fragen befassen."

Das einjährige Jubiläum des ersten Schulstreiks von Greta Thunberg wurde am Dienstag an Bord nicht groß gefeiert. "Es gab ein paar nette Worte und gute Gespräche über ein verrücktes Jahr, in dem viel passiert ist, aber weder Sekt noch Kuchen", berichtete Herrmann, der sich inzwischen daran gewöhnt hat, dass sein Boot, das er bei Regatten in der Regel allein oder zu zweit bewegt, von fünf Menschen bevölkert wird, "die auch essen, knabbern und krümeln". Manchmal gäbe es sogar kleine Staus am Niedergang.

Die radikale Rennyacht wird seit dem Ablegen ausschließlich vom Autopiloten gesteuert. Sein prominenter Gast hat sich laut Herrmann "gut eingegrooved": "Greta war anscheinend nicht seekrank. Wenn, dann nur ein ganz bisschen. Sie ist hart im Nehmen." Zu Beginn des Törns habe es durchaus ruppige Segelphasen gegeben. Herrmann und Casiraghi wechseln sich nachts alle zwei, drei Stunden mit der Wache ab. Tagsüber sind meist beide wach. Die fünfköpfige Gruppe kocht in der Regel gemeinsam. Für die drei Gäste steht Veganes auf dem Speiseplan. "Greta hat auch eigene Sachen mitgebracht. Zum Beispiel ein besonderes Knäckebrot aus Schweden", so Herrmann.

Die drei Atlantik-Novizen interessieren sich für den Bordalltag, schauen den beiden Profiseglern beim Navigieren über die Schulter und genießen den Anblick von Delphinen, seltenen Seevögeln oder sogar einen an Deck gelandeten fliegenden Fisch. "Die Gruppe ist nett, alle verstehen sich gut, das Segeln ist entspannt", sagt Herrmann, der sich aber wie Casiraghi vor allem ums Boot und ums Fortkommen kümmert und nur selten Ruhe oder Zeit für sich findet.

Als Spitzengeschwindigkeit hat die Crew bislang 26 Knoten erreicht. Bei mehr Wind, so Herrmann, wird "Malizia" etwa auf 80 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit gesegelt. Bei leichteren Winden bei fast 100 Prozent. Allerdings sei das Regatta-Geschoss mit den zusätzlichen Crew-Mitgliedern und allem Gepäck fast eine Tonne schwerer.

Nach aktueller Prognose wird "Malizia" am 27. oder 28. August in New York eintreffen. Etwa 1700 Seemeilen sind es bis dahin noch. "Wir sind happy mit dem Wetter und den weiteren Aussichten", sagt der 38-Jährige gebürtige Oldenburger. Am Mittwoch stehe die Entscheidung darüber an, nördlicher oder südlicher um ein nahendes Tiefdruckgebiet herumzusegeln.

"Schneller würde es auf 43 Grad Nord gehen", erklärt Herrmann, "wir können aber auch nach Süden auf 39 oder 40 Grad ausweichen. Dann dauert der Törn etwa zehn Stunden länger. Und wir freuen uns gerade darüber, dass wir für die letzten zwei Tage nach New York voraussichtlich tolle Downwind-Bedingungen bekommen." Für Greta, sagt Herrmann, sei dieser Törn sicher ein Erlebnis. Und: "Es ist vermutlich auch schön für sie, einmal abschalten und sich von allem erholen zu können. Man merkt ihre große Neugierde. Sie hat Freude daran, alle Eindrücke aufzusaugen. Sie wirkt glücklich."

Greta Thunberg

Dieses Bild postete Greta Thunberg am Dienstagabend selbst bei Facebook und schrieb: "Tag 7. Etwa halb über den Atlantik. Sehr angenehme Bedingungen"

Tatjana Pokorny am 21.08.2019

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