Seeunfall
Ein Unglück wirft Fragen auf

Ein Surfer wird von einem Motorboot überrannt und verliert ein Bein. Die Schuldfrage ist ungeklärt – auch wegen der verworrenen Gesetzeslage

  • Lasse Johannsen
 • Publiziert am 27.05.2013

BSU-Bericht Der Unfallort auf der Seekarte

Am 7. August 2011 wurde ein Surfer vor Pelzerhaken (Lübecker Bucht) von einem 22 Meter langen Motorboot überrannt. Der Vorfall ereignete sich nicht einmal eine halbe Seemeile vor dem Strand. Der Ausguck auf dem Motorboot, es fuhr zum Unfallzeitpunkt mehr als 38 Knoten, war nicht besetzt, die Sicht des 71-jährigen Eigners vom Steuerstand bauartbedingt eingeschränkt.

Wie durch ein Wunder kommt der Surfer später nach der 14. Blutkonserve und dem dritten Wiederbelebungsversuch zu sich. Das rechte Bein können die Operateure in stundenlangen Eingriffen retten, das linke Bein müssen sie amputieren. Psychisch hat sich der Dauerpatient bis heute nicht erholt.

Der Fall erregt bundesweit Aufsehen, seit die "Zeit" ihm ein dreiseitiges Dossier gewidet hat. Der Eigner der Motoryacht lässt sich dannach durch seine Anwälte  ein, er habe Vorfahrt gehabt.

Die Sache mit der Vorfahrt

Etwas salopp formuliert würde der Volksmund mit ganz überwiegender Stimme wohl mit "Na und?" antworten. Eine ähnliche Situation im Straßenverkehr angenommen, würde niemand einem Autofahrer zugestehen, den bei rot über die Straße laufenden Fußgänger umfahren zu dürfen, nur weil der sich nicht an die Spielregeln hält.

Der Fall von Pelzerhaken ist noch nicht vor der ordentlichen Gerichtsbarkeit gelandet – die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt noch –, aber es darf davon ausgegangen werden, dass auch der Frage, ob ein ausweichpflichtiges Fahrzeug tatsächlich überhaupt dazu in der Lage ist auszuweichen, eine entscheidende Rolle beigemessen werden wird.

Wassersportler fragen sich seit der Veröffentlichung des Unfallberichts der Seeunfall-Untersuchungsbehörde BSU aber trotzdem, ob die Behauptung stimmt, der Surfer sei ausweichpflichtig gewesen. Außerhalb eines Fahrwassers, so die verbreitete Meinung, haben motorgetriebene Fahrzeuge doch den segelgetriebenen auszuweichen?

Ein Blick in das Gesetz schafft Klarheit. Die international gültigen Kollisions-Verhütungsregeln (KVR), nach ihnen gilt außerhalb des Fahrwassers tatsächlich die Faustformel Segel vor Motor, gelten im küstennahen Bereich nicht allein. Die Seeschifffahrtsstraßenordnung (SeeSchStrO) gilt seit der siebten Verordnung zur Veränderung seeverkehrsrechtlicher Vorschriften aus dem Jahr 1998 nicht nur im Fahrwasser, sondern auch innerhalb der Dreimeilenzone. Nur da, wo sich in der nationalen Vorschrift Regelungslücken ergeben, werden die durch Anwendung der KVR geschlossen. Über die Ausweichpflicht der Surfer sagt § 31 Absatz 2: "...Segelsurfer haben allen Fahrzeugen auszuweichen...". Und in Regel 17 KVR wird darüber hinaus die Pflicht des Kurshalters manifestiert – eben zum Kurshalten.

Keine Regel ohne Ausnahme

Doch diese Normen stehen nicht allein. Aus dem Kontext von SeeSchStrO und KVR ergeben sich weitere Rechte und Pflichten, die auf das vermeintliche Recht des Motorbootfahrers, stur Kurs zu halten, Auswirkungen haben. Schon die erwähnte Regel 17 KVR selbst regelt eindeutig, was zu tun ist, wenn ein Zusammenstoß unausweichlich erscheint – dann nämlich dreht sich das Blatt. "Der Kurshalter darf jedoch zur Abwendung eines Zusammenstoßes selbst manövrieren, sobald klar wird, dass der Ausweichpflichtige nicht angemessen nach diesen Regeln handelt."

Es sollte unnötig sein darauf hinzuweisen, wie das Wort "darf" in diesem Fall zu verstehen ist. Es ist jedenfalls nicht damit gemeint, dass ein Motorbootfahrer, sollten Surfer auf seiner Kursstrecke liegen, die freie Wahl hat, ob er sie tot fährt oder lieber nicht. Darauf weist auch der nächste Absatz von Regel 17 hin. Denn sollte dieses Manöver des letzten Augenblicks aus irgendeinem Grund nicht mehr möglich sein, so der Gesetzestext, muss der Kurshalter so manövrieren (hier heißt es jetzt tatsächlich "muss"), wie es zur Vermeidung eines Zusammenstoßes am dienlichsten ist.

Keiner der Beteiligten bestreitet jedoch die Tatsache, dass der Motorbootfahrer im vorliegenden Fall stur geradeaus gefahren ist.

Fazit

In der Dreimeilenzone gelten nicht allein die KVR. Vorrangig gilt die SeeSchStrO. Auch außerhalb des Fahrwassers. Die in den KVR manifestierten Grundsätze, dass jederzeit Ausguck zu gehen und gegebenenfalls auch dem Ausweichpflichtigen auszuweichen ist, sind deshalb aber nicht unbeachtlich. Nach beiden Vorschriften ist außerdem eine dem Fahrtgebiet angemessene Geschwindigkeit zu wählen. Wie die Richter im vorliegenden Fall entscheiden, bleibt daher mit Spannung abzuwarten.


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