Nachruf
Ein "Offizier und Gentleman" tritt ab

Otto Schlenzka ist tot. Der Kommodore des Kieler Yacht-Clubs sowie langjährige ehemalige Leiter der Kieler Woche verstarb mit 96 Jahren

  • Pascal Schürmann
 • Publiziert am 30.07.2015

Amme, Michael Otto Schlenzka

"Danke, Ötte, Farewell." Mit diesen Worten verabschiedet sich der Kieler Yacht-Club von seinem langjährigen ehemaligen Vorsitzenden und Kommodore Otto Schlenzka. Er ist in der Nacht zu Mittwoch im Kreise seiner Familie gestorben.

"Bis zuletzt nahm er trotz seines hohen Alters regelmäßig an Vorstandssitzungen und Veranstaltungen des Kieler Yacht-Clubs teil. Über Jahrzehnte hat er den Kieler Yacht-Club mitgeprägt. Wir verdanken ihm unendlich viel", heißt es in einem Nachruf auf der Homepage des Vereins. Seinen letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Schlenzka erst vor einigen Wochen während des traditionellen Regatta-Essens auf der Kieler Woche.

Schlenzka hat sich in vielfältiger Weise weit über den Kieler Yacht-Club und auch über Kiel hinaus um den Segelsport in Deutschland und international verdient gemacht. Entsprechend groß ist die Anteilnahme, seit die Nachricht von seinem Tod publik geworden ist.

Kieler Ehrenbürger

Kiels Ex-Oberbürgermeister Norbert Gansel bezeichnete ihn als "Offizier und Gentleman". Bei ihm hätten sich Verdienst und Bescheidenheit in einer Weise verbunden, die die Stadt in ehrender Erinnerung behalten werde, wird Gansel von den "Kieler Nachrichten" zitiert. Kiels Stadtpräsident Hans-Werner Tovar und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer sagten: "Mit Otto Schlenzka verliert die Landeshauptstadt Kiel eine herausragende Persönlichkeit. Er hat Kiel im Bereich des Segelsports geprägt und war als ein wahrer Sportsmann stets ein hervorragender Repräsentant unserer Stadt."

Yacht-Archiv Otto Schlenzka 1976 im Organi­sations­büro der Kieler Woche

Otto Schlenzka wurde 1996 das Ehrenbürgerrecht der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt verliehen. Es sei ihm zu verdanken, dass "die internationalen Kieler-Woche-Regatten zur größten Segelsportveranstaltung der Welt wurden und Kiel damit auch außerhalb der Kieler Woche zu den international bekanntesten Segelrevieren gehört", hieß es damals in der Begründung.

Otto Schlenzka, geboren am 9. März 1919 in Flensburg, fuhr nach dem Abitur von 1937 bis 1945 als Offizier zur See. Nach seiner kaufmännischen Lehre war er bis zur Pensionierung 1982 als Kaufmann im Außendienst tätig.

Langjähriger Starboot-Segler

Zum aktiven Segelsport kam Schlenzka mit seinem Eintritt in den Kaiserlichen Yacht-Club, den heutigen Kieler Yacht-Club, im Jahr 1933. Bis Ende der sechziger Jahre segelte er Regatten, vornehmlich im Starboot und im 12-qm-Scharpie.

Von 1958 bis 1974 war er Zweiter Vorsitzender, bis 1983 Vorsitzender des Kieler Yacht-Clubs. Im Anschluss an diese Amtszeit wurde er von den Mitgliedern zum Kommodore auf Lebenszeit gewählt.

Von 1965 bis 1984 leitete Schlenzka die Organisation der Kieler Woche, von 1969 bis 1977 war er überdies Vizepräsident des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) und vertrat dessen Interessen von 1972 bis 1990 im Vorstand des Welt-Seglerverbands.

YACHT-ARCHIV Otto Schlenzka 1970 bei einer Steuermannsbesprechung in Kiel

1972 war er zudem Leiter der olympischen Segelwettbewerbe. 1976 führte er die deutsche Segelmannschaft bei den Olympischen Spielen in Kingston/Kanada an, und er beriet die Organisatoren der Spiele 1988 in Pusan/Korea.

Otto Schlenzka ist für seine Leistungen unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Darüber hinaus erhielt er mit der Beppe-Croce-Trophy die höchste Auszeichnung des Welt-Seglerverbandes. Er war Ehrenmitglied des DSV und Ehrenbürger der Stadt Kiel.

"Helmut Schmidt schuldet mir noch eine Ölhose"

2007 erschien in der YACHT ein ausführliches Interview mit Otto Schlenzka anlässlich der 125. Kieler Woche. Die bis heute weltweit größte Segelsportveranstaltung hat er selbst zwei Jahrzehnte lang in verantwortlicher Position maßgeblich geprägt. Was Schlenzka vor acht Jahren über die Kieler Woche und die Zukunft des Regattsaports in Deutschland sagte, hat auch heute noch Bestand:

Herr Schlenzka, 20 Jahre lang haben Sie die Kieler Woche organisiert. In dieser Zeit stieg die Zahl der Boote von 230 auf 1500. Wie haben Sie das geschafft?
Das war nicht so sehr mein Verdienst. Die Gründe liegen in der Entwicklung des Segelsports, im Aufkommen der internationalen Klassen und auch darin, dass Boote mehr und mehr aus Kunststoff produziert wurden. Das bedeutete größere Stückzahlen zu einem günstigeren Preis.

Hat noch eine andere technische Entwicklung zum Boom beigetragen?
Selbstverständlich. Auch die Ausrüstung hat sich stark verändert und das Segeln attraktiver gemacht. Die Rettungswesten zum Beispiel. Wir sind früher noch mit großen, dicken Korkwesten gesegelt. Damit war es nicht leicht, bei einer Wende unter dem Großbaum durchzukommen. Heutzutage spürt man die modernen Westen ja kaum.

YACHT-ARCHIV Otto Schlenzka 1966 während der Starboot-Weltmeisterschaft in Kiel

Wie sind Sie eigentlich zum Organisationsleiter der Kieler Woche geworden? Ist die Ausrichtung von Segelregatten so etwas wie eine Passion?
Nein, das aktive Segeln hat mir mehr Spaß gemacht. Mein Vorgänger Heinz Wichmann war Präsident der Wehrbereichsverwaltung und wurde, kurz vor der Kieler Woche, nach Bonn versetzt. Da ich schon seit 1958 im Wettsegelausschuss des Deutschen Segler-Verbands war, dachte man wohl, dass ich das Amt übernehmen könne. Irgendwann häuften sich dann die organisatorischen Aufgaben so sehr, dass ich mit dem Segeln aufhören musste.

In welcher Klasse sind Sie gesegelt?
Im Starboot, 35 Jahre lang.

Mit Erfolg?
Das hielt sich in Grenzen. Ich habe mehr Hecks vor mir als Bugspitzen hinter mir gesehen. Aber einmal, 1951, habe ich es zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft gebracht.

Und bei der Kieler Woche?
20-mal war ich als Aktiver am Start. Weit vorn bin ich aber nie gewesen. Das lag zum einen an mir, zum anderen auch am Material. Insgesamt komme ich als Segler und Organisator auf 60 Teilnahmen an der Kieler Woche.

Inwiefern hat Ihnen Ihre Erfahrung als Segler bei der Organisation geholfen?
Man muss schon wissen, wie die Boote bei bestimmten Verhältnissen zu manövrieren sind, damit man entscheiden kann, wann man eine Regatta startet. Um so etwas beurteilen zu können, ist schon eine gewisse Erfahrung notwendig.

Welche Fähigkeiten braucht ein Leiter der Kieler Woche sonst noch?
Er muss ein wenig diplomatisches Geschick haben. Und er braucht Einfluss beim Internationalen Segler-Verband. Damit es nicht, wie in diesem Jahr, eine Überschneidung mit der Weltmeisterschaft gibt. Aber durch die neue Weltcup-Regelung …

… Sie meinen die internationale, hochklassige Rennserie, die in Kiel enden soll …
… genau. Terminkollisionen wird es deshalb künftig nicht mehr geben.

Sie haben auch die Olympischen Segelwettbewerbe organisiert. Woran erinnern Sie sich als Erstes, wenn Sie daran denken?
Als Erstes fällt mir ein, dass ich die Flagge der Japaner getragen habe. Deren Team bestand nur aus zwei Seglern, und so musste ich aushelfen.

Krauss, Nico Otto Schlenzka (r.) und Willy Kuhweide 2006 bei der Taufe des deutschen America's-Cuppers "United Internet Team Germany"

Worin liegt der Unterschied in der Organisation von Olympischen Segelwettbewerben und der Kieler Woche?
Bei Olympia muss alles, selbst das kleinste Detail stimmen. Da achtet das Internationale Olympische Komitee genau drauf. Es war sicher das Bedeutendste, was ich je verantwortet habe.

Aus Anlass der Spiele 1972 bekam Kiel das Olympiazentrum in Schilksee.
Ja, aber leider ist das Wort Betonklotz hier nicht ganz fehl am Platz. Darauf hatten wir Segler allerdings keinen Einfluss.

Ist Ihnen bei der Kieler Woche jemals eine Panne unterlaufen?
Natürlich. Um 1970 hatten wir zum ersten Mal Sprechfunkgeräte. Wir dachten natürlich, dass wir damit die Ergebnisse von den Bahnen viel schneller verarbeiten konnten. Aber nichts funktionierte, weil die Frequenzen von Sprechfunk und Hellschreiber so nah beieinander lagen, dass sie sich störten. Drei Tage lang lief alles schief. Wir sind dann wieder dazu übergegangen, die Ergebnisse mit Bleistift aufzuschreiben und an Land zu bringen. 1972 hatten wir die Technik dann aber im Griff.

Wo ist heute Ihr Platz in der Kieler Woche?
Mit der Organisation habe ich schon 20 Jahre lang nichts mehr zu tun. Ich werde aber zu vielen Empfängen und Veranstaltungen eingeladen. Immer versuche ich, bei der Eröffnung dabei zu sein. Und dann gehe ich gern auch nach Schilksee auf die Stege und höre, was die Segler, die von den Regatten zurückkommen, so alles reden.

Welche Klasse sehen Sie am liebsten?
Nach wie vor sind mir die Starboote die liebsten.

Wie gefallen Ihnen die modernen Boote wie der 49er oder der 29er?
Ich sehe, welche Akrobatik und welche Kondition nötig ist, um diese Boote gut zu segeln. Das ist sehr beeindruckend.

Welche Entwicklung innerhalb der Kieler Woche war die wichtigste?
Wir haben darauf geachtet, dass immer mehr Klassen aufgenommen wurden, deren Boote sich aufrichten lassen. Das war nicht immer so. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine frühere Travemünder Woche, als bei Sturm 38 alte Modelle des Piraten kenterten und in die Hoheitsgewässer der DDR trieben. Dort wurden Boote und Crews zwei Tage lang festgehalten.

Was gefällt Ihnen nicht an der Entwicklung der Veranstaltung?
Ich fand die Zeiten schöner, als wir auf Werbung bei den Regatten verzichteten. Ohne Sponsoren ist meiner Meinung nach das Können des einzelnen Sportlers mehr gefragt. Aber das ist eine Entwicklung, derer sich weder das Segeln noch andere Sportarten im Laufe der Zeit erwehren konnten. Das Kapital hat Einzug gehalten.

Wenn Sie könnten, würden Sie Sport und Geld trennen? Lupenreine Amateure gibt es in der Spitze aber nirgendwo.
Was ich möchte, spielt heute keine Rolle mehr. Es ist wohl so, dass sich eine so große Veranstaltung wie die Kieler Woche nicht ohne Werbung und Sponsoring realisieren lässt. Sehen Sie, früher haben alle Helfer ehrenamtlich mitgearbeitet. Heute müssen Sie einen Großteil der Leute bezahlen, auch Studenten und manche Jugendliche, die früher unentgeltlich mitgeholfen haben.

Politiker wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt oder Bundespräsident Horst Köhler sind während der Kieler Woche mit Jugendlichen des Kieler Yacht-Clubs auf der "Zukunft" gesegelt. Welche Erlebnisse hatten Sie mit diesen Gästen?
An Horst Köhler hat mir sehr imponiert, dass er während des Törns alle Erwachsenen nach hinten ins Cockpit schickte, um sich mitschiffs ungestört mit den Jugendlichen unterhalten zu können.

Und Helmut Schmidt?
Der schuldet mir noch eine Ölhose.

Wieso das?
Er war Anfang der siebziger Jahre noch Bundesverteidigungsminister, als er die Kieler Woche besuchte. Das Wetter war wechselhaft, und ich habe ihm eine Hose geliehen. Zwei Jahre später war ich auf einem Empfang für die britische Queen, und Helmut Schmidt war auch da. Als er mich entdeckte, fiel es ihm wieder ein, und er sagte: "Sie bekommen noch eine Ölhose von mir." Ich weiß nicht, ob er sie noch oft benutzt hat, aber ich habe sie nie wiedergesehen.

Was wünschen Sie der Kieler Woche zum Jubiläum?
Dass sie die Nummer 1 im Weltsegelsport bleibt.

Das Interview führte Mathias Müller


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Themen: EhrenbürgerKieler WocheKommodoreNachrufOtto SchlenzkaTod

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