Nachruf
Ein Leben für den Bootsbau

Winfried Herrmann ist tot. Der Bavaria-Gründer und Yachtbau-Pionier starb wenige Tage vor seinem 72. Geburtstag nach langer Krankheit

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 30.01.2015

Klaus Andrews Geboren am 24. Januar 1943, wuchs Winfried Herrmann in einfachen Verhältnissen auf. Nach der Hauptschule lernte er Industriekaufmann und arbeitete als Staubsaugervertreter. Mit einem Partner gründete er Ende der sechziger Jahre die Fensterfabrik HeHa-Plast. Parallel dazu baute er von 1977 an Boote. Als der Fensterbetrieb in den Achtzigern in Konkurs ging, drohte Bavaria ebenfalls unterzugehen. Händler Josef Meltl überbrückte den Engpass und wurde 50-Prozent-Teilhaber. 2007 erfolgte der Verkauf der Werft an eine Investorengruppe für 1,2 Milliarden Euro.

Einen der größten Erfolge der Marke, die er geschaffen hat, erlebte er nicht mehr. Als am 17. Januar in Düsseldorf mit der Cruiser 46 erstmals eine Bavaria den Preis für Europas Yacht des Jahres verliehen bekam, war Winfried Herrmann bereits tot. Der Werftgründer war wenige Tage vor seinem 72. Geburtstag in Tutzing an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Mit ihm hat der internationale Yachtbau einen seiner profiliertesten Unternehmer und Vordenker verloren. Er habe "den Bau von Serienyachten revolutioniert", sagt Constantin von Bülow, der jetzige Aufsichtsratschef von Bavaria. DSV-Präsident Andreas Lochbrunner, selbst Eigner zweier Segelboote mit der stilisierten Kompassrose im Logo, nennt ihn "einen Pionier".

Der Franke aus Ochsenfurt bei Würzburg galt als Garant für Effizienz und Erfolg. In der Spitze verließen 3500 Yachten pro Jahr die hochmoderne Fließbandfertigung am Firmensitz in Giebelstadt – bis zu 18 Segel- und Motorboote täglich.

Selbst bei seinem Abschied aus dem Job bewies er 2007 Geschick. Herrmann und sein Mitgesellschafter Josef Meltl erlösten für ihre Anteile die Rekordsumme von 1,2 Milliarden Euro – nie zuvor und nie danach wurde eine Großserienwerft auch nur annähernd so hoch bewertet. Für den leidenschaftlichen Tüftler und rigorosen Rationalisierer, der durchaus sehr selbstbewusst auftrat, hätte der Verkauf eine Genugtuung sein können – ultimative Krönung der Karriere eines Selfmade-Man, der es vom Staubsaugervertreter zum Multimillionär brachte.
Tatsächlich aber verwand er die Trennung von seinem Lebenswerk nie. Denn mit der Werft gingen ihm Aufgabe und Verantwortung verloren, ja mehr noch: Sinn.

So zog sich Winfried Herrmann, der nie ein großes Netzwerk an Freunden gepflegt hatte, auch von den wenigen vertrauten Wegbegleitern mehr und mehr zurück. Mit Josef Meltl, der Bavaria 1984 mit seiner Beteiligung und Bürgschaften vor dem drohenden Konkurs gerettet hatte, zerstritt er sich gar bei den Verkaufsverhandlungen 2007, weil er lieber der Beneteau-Gruppe den Zuschlag erteilt hätte. Um den einsamen Entscheider, dessen messerscharfer Verstand und enorme Zielstrebigkeit ihm jedes Studium ersetzten, wurde es noch stiller.

Er sei "ein guter Kerl" gewesen, sagt Andrea Barbera von Master Yachting, die ihm nahestand. Und auch andere kannten seine menschliche, seine gewinnende Seite. Konstrukteur Axel Mohnhaupt etwa, dessen Entwürfe und Anregungen den Grundstein für das enorme Wachstum der Werft legten. "Er war so was von akkurat", erinnert sich der Berliner. Und auch Josef Meltl attestiert ihm "Charakter".

Legendär aber waren auch Herrmanns Wutausbrüche, wenn etwas nicht so lief, wie er wollte. Seine mal mit Bauernschläue, mal mit überzogener Härte geführten Einkaufsverhandlungen. Seine mitunter allzu weitreichenden Einsparmaßnahmen, die zu ungewollten Qualitätseinbußen führten – wie 2005 bei einer Serie von Kielschäden an der Bavaria 42 match. Die Berichterstattung über den Fertigungsfehler nahm der Werftchef damals persönlich. Statt auf Kulanz setzte er auf Konfrontation. Und musste die ohnehin wenig erfolgreiche Modellreihe ein Jahr später dennoch einstellen.

Was nur wenige wussten: Schon damals war der durchsetzungsstarke Franke "gesundheitlich sehr angeschlagen", wie Axel Mohnhaupt berichtet. Er habe ja nie Sport getrieben, viel geraucht, dazu die styrolhaltige Luft in der Produktion. Zehn Jahre rang Winfried Herrmann noch mit Lungenkrebs, bis er diesen letzten Kampf verlor. Ein kantiger, ein großer Mann.

Ein Nachruf von YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker


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Themen: BavariaWinfried Herrmann

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