ARC-Blog

Die Suche nach dem idealen Kurs

Flautenlöcher versperren den ARC-Seglern den direkten Weg nach Westen. Es heißt, geduldig zu sein, auch wenn es schwer fällt. Der Blog von Bord der "Moana"

Pascal Schürmann am 30.11.2019
Track ARC
WCC/YB

Die Positionen der ARC-Segler am 30. November. In der roten Markierung die "Moana"

ARC-Blog Nr. 5

Bisher hatte ich einfach keine Zeit, die Positionsreports vom ARC-Office anzugucken. Heute nacht aber konnte ich ein bisschen stöbern und sehen, wer bisher wie weit wohin gesegelt ist. Derzeit rangieren wir, was die Distanz zum Ziel betrifft, weit hinten.

Als eines der südlichsten und östlichsten Schiffe fühlt es sich schon komisch an, weiter nach Süden zu segeln, während gefühlt alle anderen schon nach Westen abbiegen. Aber mein Vertrauen in die Meteorologen, die uns routen und die logischerweise den besseren Überblick, die besseren Daten und vor allem den direkten Draht nach oben haben, ist stärker als der Impuls, den anderen hinterherzufahren.

Wir folgen also dem neuen Wegepunktvorschlag und hoffen, dass der Plan aufgeht. Das Leichtwindloch im Westen wird sich noch weiter ausbreiten und muss südlich umfahren werden, dessen sind wir uns einig, auch wenn es jetzt erstmal schmerzt.

Heute Nacht läuft es gut. Groß und Fock sind oben, der Wind pendelt zwar stark zwischen 7 und 16 Knoten, mit jeder Wolke kommt wieder etwas Druck, aber es geht vorwärts. Und das ist schon eindeutig besser als wie heute Mittag rumzudümpeln mit knapp drei Knoten Fahrt.

Denn hinter allem steht ja nicht wirklich die Frage, wer gewinnt. Die Atlantiküberquerung ist nur in zweiter Hinsicht eine Wettfahrt. Vor allem geht es darum: Wie lange werden wir brauchen? Werden Verpflegung, Wasser und Moral ausreichen? Immer, wenn der Gedanke geäußert wird, dass wir doch viel Wasser haben (die Tanks fassen 900 Liter und der neue Wassermacher kann auch was), kontert mindestens Kay mit "der Diesel (400 Liter) wird nicht ewig reichen, und was ist, wenn was passiert und wir unter Juryrigg plötzlich dreimal so lang brauchen?".

Um den Watermaker zu betreiben, brauchen wir Diesel. Theoretisch reichen zwar die Solarzellen, aber nur, wenn die Kühlschränke aus sind und die Sonne kräftig scheint. Die aber hat es in den vergangenen Tagen nur selten durch die Wolken geschafft.

Da bekommt das Abwaschwasser plötzlich wieder eine ganz andere Bedeutung.

Heute hören wir auch zum ersten Mal von den Schiffen, die in Las Palmas nicht weggekommen sind oder die bereits abdrehen mussten. Eine Yacht fährt wegen Crewwechsel die Kapverden an. Was da wohl passiert sein mag?

Bei uns an Bord ist die Stimmung gut, auch wenn die Crew sich aus sechs unterschiedlichen Individuen zusammensetzt, die sich vorher praktisch nicht kannten. Und ich meine wirklich unterschiedliche Charaktere!

Blinker setzen, rechts raus

Heute morgen um 3 Uhr haben wir unseren Wegepunkt (20N19.4W) erreicht und sind abgebogen. Endlich! Bei Wachübernahme habe ich die ersten Grade nach Westen korrigiert. Was für ein Fest! Das Passatsegel wurde noch etwas getrimmt, und nach dem Frühstück haben wir dann auf Groß und Fock gewechselt, um anzuspitzen und direkt auf Kurs St. Lucia zu gehen!

Gut 2300 Meilen vor dem Bug liegen nun endlich die karibischen Inseln. Moana schnurrt und läuft. Jetzt rollen wir das Feld von unten auf! Ich kann den Rumpunsch schon riechen! Dass bei mir an Bord "Zero Alkohol auf See" gilt, ist vor Beginn der Reise für einige ein echtes Thema. Mittlerweile vermisst keiner die Drinks, aber zum Bergfest nächste Woche werde ich eine Flasche Cava spendieren.

Mittlerweile haben wir alle unsere Aufgaben an Bord gefunden, Routine stellt sich ein. Christina hat sich sogar schon aufs Eierlegen spezialisiert. Gestern Abend kam sie aus der Kabine und ließ behutsam vier braune Eier aus ihrer Jackentasche auf den Küchentresen gleiten. Das Gackern dazu kam von Herzen!

Glückspilze der Nacht waren Kay und Norbert, die einen Hai beim Jagen eines Sardinenschwarms beobachten konnten. Leuchtspur inklusive. Heute Mittag zog dann eine Herde Pilotwale vor dem Bug vorbei. Ein ganz besonderes Schauspiel! Das Verbundenheitsgefühl mit dem Ozean wird täglich intensiver, und das Bewusstsein, hier draußen alleine zu sein, genießen alle.

Die Skipperin

Mareike Guhr, Segelsportjournalistin, Buchautorin und Weltumseglerin, ist zu ihrer nächsten großen Reise gestartet. In diesem Sommer hat sie mit ihrem Katamaran "Moana" das Mittelmeer durchquert und sich auf den Weg zu den Kanaren gemacht. Von Las Palmas di Gran Canaria aus segelt die Hamburgerin derzeit mit Gästen an Bord im Rahmen der Atlantic Rally for Cruisers (ARC) über ihren "Hausozean", wie sie den Atlantik nennt.

Und das nicht nur zum Vergnügen, sondern auch, um sich um ihr Hilfsprojekt zu kümmern. Mit ihrem Verein "Island Child Care" versorgt Guhr Kinder auf Inseln in Drittweltländern, die am besten mit dem Schiff erreichbar sind.

Mehr Infos zum Törn und zum Boot finden sich auf Guhrs Website.

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Pascal Schürmann am 30.11.2019

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