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Der Welt-Seglerverband wankt in der Doppelkrise

Ein Statement von World-Sailing-Präsident Kim Andersen unterstreicht die schwelende Finanznot des Weltverbandes nach der Olympia-Verschiebung in Corona-Zeiten

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 15.04.2020
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Die angeschlagene finanzielle Lage des Welt-Seglerverbandes World Sailing beschäftigt die Steuerleute im Verband und ihre kritischen Beobachter schon länger. Jetzt aber hat die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr in der weltweiten Corona-Krise die Lage wie in vielen anderen internationalen Sportverbänden vor allem "kleinerer" olympischer Sportarten noch verschärft. Auf die zunehmende öffentliche Diskussion und Kritik hat World-Sailing-Präsident Kim Andersen heute mit einem Statement reagiert:

World Sailings Vorstand unterzieht die Finanzen und die Geschäftstätigkeit von World Sailing während der Covid-19-Viruspandemie und ihren Auswirkungen auf alle internationalen Sportverbände weiterhin einer sehr genauen Überprüfung.

Die britische Regierung hat ein großzügiges Hilfsprogramm zur Verfügung gestellt, das auch World Sailing (UK) Limited (das Unternehmen, bei dem die World-Sailing-Mitarbeiter angestellt sind) zugänglich ist. Es gewährt während der Krise Zuschüsse zu den Lohnkosten. Wie viele Unternehmen in dieser Krise, hat der Vorstand entschieden, das Hilfsprogramm zu nutzen um die langfristige finanzielle Viabilität von World Sailing zu sichern.

Vom 15. April 2020 bis zum 6. Mai 2020 sind nahezu alle World-Sailing-Mitarbeiter beurlaubt ("furlough leave"). World Sailing wird Lohndifferenzen ausgleichen. Nach dem 6. Mai wird der Vorstand die Situation mit dem Senior-Management erneut überprüfen und entscheiden, ob die Beurlaubung verlängert wird oder die Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Eine geringe Zahl an Senior-Managern wird nicht beurlaubt und an ihrem Arbeitsplatz bleiben.

Zusätzlich zu dieser Maßnahme hat der Vorstand beantragt, dass die World-Sailing-Mitarbeiter, die mehr ale einen bestimmten Betrag verdienen, bis zum Jahresende (oder früher, wenn möglich) eine Gehaltskürzung von 20 Prozent hinnehmen. Das erfordert ein individuelles Einverständnis der Mitarbeiter. Wir haben uns mit den Mitarbeitern über die Durchführbarkeit dieses Vorschlags beraten. Insgesamt führt der Vorstand weiterhin regelmäßige Gespräche mit unseren Partnern über die Auswirkungen der Verschiebung der Olympischen Spiele, um sicherzustellen, dass unsere finanzielle Lage so stabil bleibt wie möglich.

Kim Andersen im Namen des Vorstands

World Sailing Schweres Amt: World-Sailing-Präsident Kim Andersen hat in der Krise an vielen Fronten zu kämpfen und "Feuer" zu löschen

Genaue Zahlen zur aktuellen finanziellen Lage des Welt-Seglerverbandes wurden in diesem Zusammenhang nicht genannt. Bekannt ist, dass World Sailing eine ganze Reihe von Problemen zu lösen hat. Das größte ist aktuell das einstweilige Ausbleiben der erhofften Olympia-Einnahmen: Wie viele andere internationale Sportverbände speisen sich auch die finanziellen Mittel von World Sailing zu einem erheblichen Teil aus olympischen Einnahmen. Die Verteilung dieser Gelder durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) an die internationalen Sportverbände erfolgt entsprechend eines Rankings der internationalen Sportverbände entsprechend ihrer Größe und ihres Publikums. Der Welt-Seglerverband gehört in dieser Einteilung aller olympischen Weltsportverbände der sogenannten vierten Gruppe an, in der beispielsweise auch Handball, Fechten oder der Kanusport platziert sind. Wenn man weiß, dass der Welt-Seglerverband für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro rund elf Millionen Euro vom IOC erhalten hat und mit Blick auf die Olympischen Spiele mit knapp 14 Millionen Euro und damit etwa 47 Prozent seines gesamten Vierjahres-Budgets gerechnet hat – so berichtete es unter anderen das Magazin Inside the Games –, dann ist klar, wie dramatisch die Folgen für den ohnehin angeschlagenen Verband aktuell sind.

World Sailing Sie bilden seit Ende 2016 das "Board of Directors", den Vorstand für World Sailing: Präsident Kim Andersen (5. v. r.), die Vize-Präsidenten und der damalige Generalmanager Andy Hunt (l.)

Parallel ringt World Sailing in der Corona-Krise angesichts der unverschuldeten Dauerserie von Regatta-Absage für einen Zeitraum von vielen Monaten und voraussichtlich sogar darüber hinaus mit erheblichen Einnahmeverlusten. Hinzu kommt die hohe Mietbelastung durch das Büro im Westen des teuren Londoner Stadtteil City of Westminster in der Eastbourne Terrace 20 gegenüber vom bekannten Hauptbahnhof Paddington im gleichnamigen Bezirk. Auf etwa eine halbe Million Pfund sollen sich die Miete und die Nebenkosten laut übereinstimmender Medienberichte jährlich belaufen. Von Southampton nach London war der Verband 2017 auch in Erwartung neuer Sponsoren-Einnahmen umgezogen, wollte vor allem zentraler arbeiten können und die Wege für die internationalen Besucher verkürzen. Nun ist aus dem anfänglichen Segen ein Fluch geworden. Mit den Londoner Vermietern wird in belastenden Zeiten über eine Neuregelung des noch rund sieben Jahre laufenden Zehn-Jahres-Vertrags verhandelt. Schwerwiegend bleibt auch der Abgang des umstrittenen Generalmanagers Andy Hunt, der seine Tätigkeit für World Sailing 2016 aufgenommen hatte, aber bereits im Oktober 2019 seinen Abgang verkündete. Ein Nachfolger konnte bislang nicht gefunden werden – unter anderem, weil es an Geld für eine Top-Kraft fehlt und mutige wie geeignete potenzielle Skipper für das leckgeschlagene Schiff namens World Sailing nicht gerade Schlange stehen.

World Sailing Der ehemalige World-Sailing-Generalmanager Andy Hunt

World Sailing Kim Andersens Vorgänger war der Italiener Carlo Croce

Nicht alle Probleme, die Kritiker nun teilweise ungebremst und harsch Präsident Kim Andersen anlasten, hat der im November 2016 gewählte Däne tatsächlich zu verantworten. Bei seinem Amtsantritt saß der von seinem italienischen Vorgänger Carlo Croce geholte Andy Hunt beispielsweise schon im Sattel. Die Entscheidung für London als neuen Sitz des Welt-Seglerverbandes nach zwei Jahrzehnten mit der Zentrale in Southampton allerdings wurde vom neuen Vorstand unter Führung von Andersen im Januar 2017 gefällt, wenn auch von Hunt und dessen Team vorbereitet. Damals erschien London der Mehrheit der an der Entscheidung beteiligten World-Sailing-Steuerleute in Konkurrenz zu Bewerbungen aus Genf, Lausanne, Winchester, Madrid, Barcelona, Valencia und auch Southampton als "beste Wahl". Diese Perspektive hat sich in Krisenzeiten stark verändert.

Gegenwind erfährt World-Sailing-Päsident Kim Andersen auch im Kampf ums Amt: Mit dem Spanier Gerardo Seeliger hat schon im August 2019 ein Mann seinen Hut im Kampf um das Steuer im Verband in den Ring geworfen, der Kim Andersen einen "langjährigen Freund" nennt, sich aber dennoch für einen neuen Kurs einsetzt. Seeligers Kampagne hat ihren Ursprung in der Zeit der umstrittenen Streichung des Finn-Dingys aus dem olympischen Programm. Der aktive Finnsegler, ehemalige Finn-Klassenpräsident und international sehr erfahrene Unternehmer, Top-Manager und ehemalige IOC-Mitarbeiter hält seine Kandidatur auch in schwerer Zeit weiter aufrecht. Die nächste Präsidentschaftswahl soll im Rahmen der World-Sailing-Jahrestagung Ende 2020 stattfinden, vorausgesetzt, die Corona-Krise und die damit verbundenen Auflagen machen es möglich. Als potenzieller Finanzberater und World-Sailing-Helfer in der Not wurde in den vergangenen Tagen von externen Beobachtern der von 1995 bis 2007 amtierende World-Sailing-Generalsekretär Arve Sundheim ins Spiel gebracht. Der in Southampton lebende 79-jährige Norweger gilt als erfahren und integer.

Robert Deaves / Finn Class Gerardo Seeliger am Finn-Steuer


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Themen: IOCKim AndersenLondonOlympiaWorld Sailing

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