Blauwasser

Der weite Weg nach Süden

Longue-Route-Segler Georg Schimmelpfennig kämpft sich durch schwache Winde weiter südwärts. Sein Zeitplan gerät unter Druck. Der aktuelle Bericht von Bord

Georg Schimmelpfennig am 25.10.2018
Hekla
Georg Schimmelpfennig

Schimmelpfennig an Bord seiner "Hekla"

Gerade habe ich den Wetterbericht abgeholt: Keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, es bleibt schwachwindig für mich, hier auf ca. 17° Süd und 26° West. Weiter in Richtung Südwest liegt Rio de Janeiro.

"Hekla" und ich kämpfen um 100 Meilen am Tag. Das Etmal bei den schwachen Windbedingungen zu halten erfordert stundenlanges akribisches Rudergehen von mir.  Dabei ist nach wie vor Sonnenschutzkleidung erforderlich, sonst werde ich gegrillt. 

Wir versuchen zurzeit, zwischen Kurs Ost und Kurs Süd den für die Geschwindigkeit optimalen Kurs zu steuern.  Einfach dahin zu fahren, wo der Wind ist, geht mit meinem Schiff ohnehin nicht. Und da, wo jetzt im Süden Wind ist, bin ich noch lange nicht.

Zu Hause würde man sich über Sonne und 10 Knoten Wind bestimmt freuen, wenn man einen geruhsamen Tagestörn angehen will. Da nimmt man sogar gern Gäste mit. Mit so vielen Meilen vor dem Bug wie jetzt bei mir ist das aber etwas anderes.

Dazu meine Ungeduld – schrecklich! Bete mir immer wieder vor, dass ich noch 40 Segeltage bis Höhe Kapstadt habe und trotzdem noch im Limit bin: drei Monate für den Atlantik.

Zum Trost habe ich mir heute mal wieder die Haare geschnitten. Inzwischen habe ich einige Übung mit dem Maschinchen. Und rasiert habe ich mich auch.  Versuche damit und mit den Mails nach Hause und zu den Kindern mein seelisches Gleichgewicht zu halten.

Dabei weiß ich ganz genau: Wenn es erstmal saukalt ist und ich nachts zwei-, dreimal raus muss, Segel wechseln, werde ich mich nach Tagen wie diesen sehnen.

Vor ein paar Tagen habe ich einen ersten vom Jäger aufgebrochenen Fliegenden Fisch an Deck gehabt. Es muss nachts gewesen sein. Und der Jäger war bestimmt eine Seemöwe. Habe mir das Opfer genau angeschaut: kunstvolle Hiebe mit dem Schnabel in die linke Kiemenseite. Einmal nach vorn in den Schädel – ich denke, dort war das Gehirn lecker –, dann nach hinten in die Rumpfweichteile, und schon war der Jäger satt.

Der Rest wäre eigentlich etwas für den Skipper gewesen, der Mensch bevorzugt das Muskelfleisch. Habe auch kurz überlegt: Die Rückenfilets in Zitronensaft marinieren, leicht salzen und pfeffern, in etwas Mehl wälzen und dann ins heiße ÖL. Zutaten hätte ich alle, aber der Fisch war zu klein für die Mühe. Na ja, habe die Kameraden ja in Konserve an Bord.

Langsam habe ich den Verdacht, dass mein Wal bei Kap Finisterre der einzige bleibt. Keine Flipper, keine Wale weit und breit, zumindest sehe ich sie nicht. Einzig ein paar Portugiesische Galeeren tanzten sehr schön bläulich schimmernd auf dem nur wenig bewegten Wasser.

Ansonsten ist der Skipper gesund, versucht, nicht zu wenig zu trinken. Und die Ungeduld muss im Zaum gehalten werden, sonst leidet die Stimmung an Bord. Und das will eigentlich keiner der Anwesenden. 

Georg Schimmelpfennig am 25.10.2018

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