Refit-Blog Woche 89

Dehlya-Refit: von der Schwierigkeit des Schieren

Nach dem Füllen von unzähligen Löchern, Haarrissen und Fehlstellen ist das Deck unserer Dehlya fast fertig für die Spritzpistole. Es war ein langer, harter Weg

Jochen Rieker am 30.07.2018
Refit Dehlya 25 Decklackierung Vorbereitung Wrede 2018 BSc_IMG_6080
YACHT/B. Scheurer

Wer in den vergangenen Wochen nicht gerade im Straßenbau oder am Hochofen malocht hat, sondern wie unsereins mit den Unterarmen vor der PC-Tastatur festgeklebt ist, weiß nicht wirklich, was Hitze ist. Ja, auch in den Redaktionsbüros war es schier unerträglich. Und wir haben auch gemurrt und geklagt. Aber diese Art von sommerlichen Beschwernissen ist nichts im Vergleich zu dem, was die Lackierer bei Wrede in Kappeln zur gleichen Zeit geleistet haben. Und noch leisten!

Denn auch am Beginn der dritten Woche des Projektabschnitts Deckslackierung sind sie noch dabei, die Krater-ähnliche Oberfläche unseres betagten Kleinkreuzers einzuebenen und in einen Besser-als-neu-Zustand zu versetzen. Man muss sich das wie ein Geduldsspiel vorstellen, nur dass es nicht mit Geduld und guten Nerven getan ist, sondern auch knüppelharte Arbeit und jede Menge Fingerspitzengefühl erfordert.

Fotostrecke: Vorbereitungen für die Deckslackierung der Refit-Dehlya

Florian Brix, Vertriebsleiter bei Peter Wrede Yacht Refits, hat den Rohzustand unsere Patientin nach gründlicher Inaugenscheinnahme so beschrieben: "Das Gelcoat der Dehlya ist ausgekreidet ist, aber es weist darüber hinaus unzählbare Poren und Fehlstellen auf, hat zahlreiche Haarrisse und verdeckt mehr recht als schlecht strukturelle GFK-Schäden und Delaminationen. Auch sind durch die Umbaumaßnahmen diverse Löcher und Ausschnitte übrig geblieben, für die es künftig keine Verwendung mehr gibt und die verschlossen werden müssen."

So sind, zum Beispiel, die Aufnahmen für die Streichwanten, die als Buckel aus dem Kajütdach standen, rigoros entfernt und eingeebnet worden. Denn zum Setzen und Stellen des Mastes denken wir uns eine andere, elegantere Lösung aus. Dazu in einem späteren Blog mehr.

Auch die meisten Beschläge passen nicht mehr zum neuen Seldén-Rigg. Die Genuaschiene etwa verläuft weiter innen und nicht ganz so weit nach achtern wie früher. Wieso dann die alte Erhöhung stehen lassen, die ohnehin zu lang wäre? Weg damit! Ebenso verhielt es sich bei dem von Querstegen durchbrochenen Laufdeck der Dehlya. Diese Erhöhungen waren mal nötig, weil es weiland keine Kunststoff-Decksbeläge in voller Länge gab. Gibt es heute aber. Also: Weg auch damit! 

Es galt mithin, einige größere Veränderungen vorzunehmen – und zwar möglichst unsichtbar. Denn das Ganze soll ja später stimmig aussehen, so als wäre es immer schon beabsichtigt gewesen und nicht etwa ein erkennbar korrigierender Eingriff. 

Was das heißt? Drei Mannwochen an Extraarbeit, nur um Höcker, Buckel, Stege und Sicken, die keiner mehr braucht, verschwinden zu lassen. Dabei ist nebenbei so manche Aluplatte, die im Laminat eingelegt war, um darin Beschläge zu verbolzen, zum Vorschein getreten. Und weil die sich nach der Lackierung unweigerlich "durchgepaust" hätte, haben sie die Wrede-Experten in archäologischer Feinstarbeit extrahiert, die Löcher mit Spachtel verschlossen und wieder – geschliffen. 

"Die Fehler-Toleranz ist dabei null", sagt Florian Brix. "Das Auge erkennt später Unstimmigkeiten in der Oberfläche im Mikrometer-Bereich. Deshalb soll die Dehlya perfekt werden – und zwar in jeder Ecke, Kante, Sicke und Rundung, wovon sie Tausende hat." 

Bevor es losgehen konnte, musste das Deck zunächst von allen Beschlägen befreit werden. "Wir brauchen das nackte Kasko, sonst kleben und schleifen wir uns an jedem nicht demontierten Beschlag die Finger blutig", sagt einer der Yachtlackierer. Danach wurde alles, was nicht lackiert werden soll, staubdicht verpackt. Diese Aufgabe nimmt schon einmal richtig Zeit in Anspruch, aber einmal gründlich durchgeführt, verringert sich der Aufwand bei den nächsten Arbeitsschritten.

Dann wurde das Deck chemisch gereinigt und mit 150er-Schleifpapier saubergeschliffen. Da die Motivation am Anfang noch größer ist, ging es zunächst an die besonders zeitaufwändigen Ecken und Kanten. Alles von Hand – ein mühevoller, aber unerlässlicher Arbeitsschritt. Die glatten Flächen gehen anschließend verhältnismäßig zügig und mit kraftsparender Unterstützung von Schleifmaschinen.

Weil das Auge dabei schon so dicht am Werkstück ist, wird jede Fehlstelle gleich markiert und in dem anschließenden Arbeitsschritt konisch bis zum intakten Untergrund ausgeschliffen, verspachtelt und geglättet.

Na ja, ist ja nur ein Kleinkreuzer, 7,60 Meter mal 2,50 Meter, mögen Sie denken. Schon richtig. Doch der Aufwand ist immens. So groß, dass die Jungs bei Wrede in Woche drei des Unterfangens immer noch zu Gange sind, bevor dann in Kürze im Spritzverfahren mit Epoxid-Primer schichtstark grundiert und hernach getempert werden kann.  

Wer also ein Boot in ähnlichem Zustand sein eigen nennt und über eine Deckssanierung nachdenkt: Sprechen Sie vorher nochmal mit Ihrer Familie, falls Sie ans Selbermachen denken und in ein langes Exil gehen wollen. Oder wahlweise mit ihrem Bankberater, wenn Sie den Auftrag lieber vergeben. Es kostet wirklich alles: Kraft, Schweiß, Nerven, Geduld – oder ein kleines Vermögen.

Andererseits: Ohne diesen Teil des Refits wäre das ganze Projekt unvollständig geblieben. Wie heißt es an der Küste so schön: Wat mutt, dat mutt. Was auch eine Antwort auf die Frage von YACHT-Leser Reinhard Hofmann liefert. Der schrieb neulich per Mail durchaus nachvollziehbar: "Wie viele Jahre wollen Sie denn die Dehlya noch sanieren?" Nun, bis sie fertig ist! Geplant war mal ein Jahr. Aber dann war es wie mit der Deckslackierung: Fängste mal an, kannste nicht auf halbem Weg Halt machen.

Wir denken, um mal eine Hausnummer zu nennen, dass wir zur boot Düsseldorf im kommenden Januar fertig sein sollten. Das wäre dann ein gutes Jahr über Plan. Aber immer noch weit schneller als Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und dieser Flughafen, der mal in Berlin geplant war. 

Jochen Rieker am 30.07.2018

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