IMOCA
Boris Herrmanns neuer Open 60 fast fertig

Die YACHT hatte Gelegenheit, den Baufortschritt der dritten "Malizia" vor Ort in Frankreich in Augenschein zu nehmen. Das Boot wird extrem – in vielerlei Hinsicht

  • Andreas Fritsch
 • Publiziert am 14.06.2022
Bilder vom Rumpf der neuen "Seaexplorer" Bilder vom Rumpf der neuen "Seaexplorer" Bilder vom Rumpf der neuen "Seaexplorer"

Team Malizia/Antoine Auriol Bilder vom Rumpf der neuen "Seaexplorer"

Allmählich ist die Spannung spürbar: Am 19. Juli wird Boris Herrmanns neue "Seaexplorer" offiziell vorgestellt, wenige Tage danach soll das Boot dann schon zu ersten Testfahrten starten. In rekordverdächtiger Bauzeit von nicht einmal einem Jahr wird der Deutsche mit dem neuen Foiler dann im November bei der Transatlantik-Regatta Route du Rhum in St.-Malo starten.

Die YACHT hatte Gelegenheit, letzte Woche für einen Besuch in die Multiplast-Werft nach Vannes zu fahren, um einen Eindruck vom Baufortschritt zu bekommen. Rumpf und Deck sind mittlerweile verbunden, alle Schotten und Strukturen verklebt, das Deckshaus des komplett geschlossenen Cockpits zur Hälfte montiert. Bei der Ankunft noch in mattschwarzem, rauem Carbon-Finish, wurde das Boot dann am zweiten Tag mit Primer schon weiß beschichtet. Das endgültige Farb-Design ist aber ein gut gehütetes Geheimnis bis zum Launch.

Team Malizia/Antoine Auriol Das Cockpit noch ohne das Deckshaus

Wer die Bauhalle betritt, findet sich in einer ameisenhaufenartigen Geschäftigkeit vor. 30 Bootsbauer, zehn vom Team und 20 von der Multiplast-Werft, laminieren, sägen, schrauben, schleifen an allen Ecken und Enden der Imoca. Baupläne hängen an den Schotten, LED-Lichterketten winden sich lindwurmartig durch sie hindurch, beleuchten die schwarze Kohlefaser-Höhle. Schläuche zur Staubabsaugung ragen wie Schlagadern aus dem Schiff. Alles sieht noch roh aus, es ist noch keinerlei Beschlag, Winsch, Elektrik oder Sonstiges innen montiert. Ruder, Foils, die zweite Hälfte des Cockpit-Dachs – all das fehlt noch. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Arbeiten in knapp drei Wochen erledigt sein sollen. Und doch sind alle im Team zuversichtlich. Wen man auch fragt: "Den Launch-Termin schaffen wir!" Muss ja. Die Überstunden und durchgemachten Nächte zählt hier niemand.

Wer vor dem Boot steht, dem fällt sofort auf, dass es anders wird als alle andere Open 60s, die zurzeit segeln oder im Bau sind – soweit bekannt zumindest. Der stumpfe Bug, der, wenn man direkt vor dem Boot steht, enorm rund und voluminös, geradezu brachial wirkt, weist die Richtung. Schon im großen YACHT-Interview (Ausgabe 2/2022) hatte Herrmann angekündigt, sein Boot werde extrem. "Der Bug hat sehr viel Rocker (Kielsprung, d. Red.), wir wollen bei den schnellen Reach-Bedingungen im Southern Ocean die Nase aus dem Seegang haben." Der Bug soll möglichst hoch über die Wellen gehen und viel Auftriebsreserve haben. "Unser Boot hat bei 18, 23 Meter Rumpflänge nur eine Wasserlinie von etwa 14 Metern." Tatsächlich muss man sich vorn tief bücken, um zu sehen, wo die Wasserlinie am Bug beginnt, sie ist sehr, sehr, seeehr weit achtern. Wer alte Regeln wie maximale Linie der Wasserlinie im Kopf hat, wundert sich hier. Aber für Foiler gelten eben andere Regeln.

Als Nächstes fällt das Cockpit-Dach auf. Es ist weit vorn, praktisch direkt hinterm Mast, wirkt fast wie ein Mittelcockpit. Zwei runde Plexiglaskuppeln außen an den Enden schauen einen wie lustige Froschaugen an, überhaupt fallen viele Fenster auf. Herrmann will nicht wie die Konkurrenz auf Kameras setzen, der Blick in die Segel und aufs Meer muss für den kurzen Überblick und schnelle Reaktion gegeben sein. Das Cockpit ist in der Mitte komplett geschlossen, ein bisschen wie Alex Thomsons letzte "Hugo Boss", nur daneben gibt es zwei schmale Laufdecks, die zum Heck führen. "Das geschlossene Cockpit war nötig, weil wir die kleinste Kielbombe wollten", erklärt Boris später. Damit das aufrichtende Moment für den vorgeschriebenen 90-Grad-Krängungstest noch reicht, brauchen sie das Volumen des Deckshauses. Das sparte mehrere Hundert Kilo Gewicht in der Bombe. Ein guter Tausch. Ein Leichtgewicht ist das Boot trotzdem nicht, eher am schweren Ende des Spektrums. Boris wollte auf keinen Fall strukturelle Probleme riskieren, wie sie zuletzt viele Teams ereilt haben, die dann in die Werft zurück und aufwändig nachrüsten müssen. Ein logistischer und finanzieller Albtraum während der Segel-Kampagnen Zeit.

Die ausführliche Reportage vom Werftbesuch in Vannes gibt es in der YACHT, Ausgabe 15/2022, die am 13. Juli erscheint.


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Themen: Boris HerrmannMaliziaNeubauOpen 60

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