Astro-Navigation

Bobby Schenk zum "Sterne-Schießen" in der YACHT-Redaktion

Am Wochenende fand in Hamburg das Astro-Seminar des Navigationsprofis statt. Der Clou: Alle Teilnehmer konnten Sextantübungen an virtuellen Gestirnen vornehmen

Jochen Rieker am 11.02.2020
Eindrücke vom YACHT Astro-Seminar mit Bobby Schenk
YACHT/J. Rieker

Premiere: Sextantübungen im Seminarraum dank Computer-Simulation

Es ist eine jahrhundertealte Kulturtechnik. Und obwohl die Positionsbestimmung mithilfe der Gestirne vielen antiquiert erscheinen mag, wo doch ein Blick auf GPS-Plotter oder Smartphone mehr Präzision bietet, ist sie auf Sportbooten nach wie vor sinnvoll.

Denn es ist, wie Bobby Schenk gleich zu Beginn seines Astro-Seminars bei der YACHT klarstellte, "die einzige Möglichkeit der Standort- und Kursbestimmung, die unabhängig von externen Systemen und ohne Stromversorgung an Bord funktioniert – weder abschalt- noch störbar". Auf Langfahrt könne der geübte Umgang mit dem Sextanten – etwa nach Ausfall der Bordelektronik infolge eines schweren Gewitters – das letzte verbleibende Mittel für die sichere Navigation sein.

Eindrücke vom YACHT Astro-Seminar mit Bobby Schenk

Lernen vom Altmeister

Diese Überzeugung teilen auch die 21 Teilnehmer, die zu dem Seminar nach Hamburg gekommen waren – ebenso wie 30 weitere Leser, die auf der Warteliste stehen für eine mögliche Nachfolge-Veranstaltung. Tatsächlich lässt sich allenthalben ein erstmals seit Langem wieder wachsendes Interesse am Astro-Thema erkennen. Ob das eine fast zwangsläufige Folge der zunehmenden Langfahrtbegeisterung ist oder allgemeiner auf dem Retro-Trend hin zu traditioneller Seemannschaft fußt, sei dahingestellt. Bobby Schenk jedenfalls zeigte sich angenehm überrascht über die starke Resonanz: "I find des klasse", sagte der Fürstenfeldbrucker gleich zur Begrüßung.   

Neu ist die Astronavigation natürlich nicht, auch nicht die "Methode Schenk", die weiland sogar das Bundesministerium für Verteidigung wegen ihrer Einfachheit und Praktikabilität testweise übernahm und adaptierte.

Astro-Simulation von Bobby Schenk

Knifflige Aufgabe: in fünf Minuten fünf Gestirne und ihren Lauf messen

Eine Premiere gab es im großen Besprechungsraum der YACHT gleichwohl doch: Eigens für das Seminar entwickelte der Altmeister ein Programm, mit dem er den Lauf mehrerer Gestirne originalgetreu simulierte und den Teilnehmern so die Möglichkeit eröffnete, Dutzende realitätsgetreue Messungen von der Projektionsfläche eines LED-Beamers zu nehmen – ein virtuelles "Sterne-Schießen" sozusagen. An dessen Ende stand ein durchaus selektives Quiz, bei dem es galt, für drei Sonnen, den Mond sowie einen Stern zu bestimmen, ob sie steigen, im Transit sind oder sinken.

Zehn von Cassens & Plath zur Verfügung gestellte Sextanten erlaubten dabei, Modelle aller Preislagen und Bauarten zu erproben – vom Halbsicht- bis zum Vollsicht-Sextanten, vom Mittel- bis zum Oberklasse-Gerät.     

Eindrücke vom YACHT Astro-Seminar mit Bobby Schenk

Eindrücke vom YACHT-Astro-Seminar mit Bobby Schenk

Insgesamt gelang es, in gerade mal anderthalb Tagen neben der Praxis auch die absolut nötigste Theorie und die Rechengänge zu vermitteln. Zwar rauchten am Ende des ersten Kurstages den meisten Seglern dann doch die Köpfe; mancher wünschte sich mehr Zeit für Wiederholungen. Doch überstrahlte die Faszination über das Erlernte bei Weitem die nötige Anstrengung.

Hans-Peter Howaldt befand später: "Der Kurs war wunderbar, der Referent überragend gut." Jochen Barop, der sich mit seinem Sohn Felix angemeldet hatte, zog folgende Bilanz: "Das kann keine amtliche Seefahrtsschule oder Marineschule, kein Buch und kein anderer Anbieter. Ein verständlicher und vor allem praktikabler Einstieg, den wir sicher nachverfolgen." 

Beat Zehnder, eigens aus der Schweiz angereist, sagte: "Die praktischen Übungen mit dem Sextanten waren genial. Die professionellen Erklärungen und Beispielsmöglichkeiten machten echt Spaß und gaben einem ein gutes Gefühl, das Handling verstanden zu haben. Die Berechnung der Mittagsbreite und Mittagslänge waren auch einfach, anschaulich und verständlich erklärt. Bei den Standlinienermittlungen mit den Planeten und Fixsternen tat ich mich eher schwer. Umso mehr werde ich schon bald mit großer Motivation diese Herausforderungen im stillen Kämmerlein nachbilden. Fazit: ein wunderbares Wochenende!"

Schon seit den siebziger Jahren zählt Bobby Schenk zu den Autoritäten der Yacht-Navigation. Sein erster Artikel über die Gestirnsmessungen erschien 1975 in der YACHT. Der damalige Chefredakteur Harald Schwarzlose hatte den Amtsrichter und Blauwassersegler eigens aus der Karibik nach Hamburg einfliegen lassen, um seine Methodik überprüfen und einem breiten Publikum vorstellen zu können. Seither hat Schenk mehrere anerkannte Fachbücher verfasst. Einer seiner Longseller "Astronavigation ohne Formeln – praxisnah" erscheint bereits in der 15. Auflage. 

Zum Abschied gab's neben reichlich Erlerntem auch noch ein Geschenk vom Schenk. Allen Teilnehmern gab er sein Astro-Classic-Programm auf DVD mit nach Hause – verbunden mit dem guten Rat, sich bei der Navigation nicht darauf zu verlassen. "Denn was machen's, wenn der Laptop sich aufhängt? Dann müssen's wieder navigieren wie unsere Vorväter." 

Jochen Rieker am 11.02.2020

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