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Bayerische Segler ringen um richtigen Kurs

Die Spitze des Bayerischen Seglerverbands wird neu gewählt. Eine erfolgreiche Seglerin fordert den jetzigen Präsidenten heraus. Hinter den Kulissen brodelt es

Sina Wolf am 22.11.2020
Reeh Merk BSV Ammersee
DSV; PRIVAT; BSV; YACHT/N. Krauss; Collage: YACHT

Segler auf dem Ammersee. Zur Wahl der bzw. des Vorsitzenden des Bayerischen Seglerbands stellen sich Sibylle Merk und Dietmar Reeh

Während auf dem Wasser mehr und mehr Frauen zeigen, dass und vor allem wie gut sie segeln können, wird auch die Verbandsarbeit Stück für Stück weiblicher: Zuerst war Mona Küppers die erste Frau im Präsidentenamt des Deutschen Segler-Verbands. Nun werden es immer mehr Landesverbände, die unter weiblicher Ägide stehen: drei von 16 Seglerverbänden werden von Frauen geführt.

In Bayern stellt sich nun Sibylle Merk als Alternative zum amtierenden Landesverbands-Vorsitzenden Dietmar Reeh zur Wahl. Und auch für die Ämter der Stellvertreter gibt es jeweils zwei Bewerber. Um den Vorstand ist ein Wahlkampf entbrannt, der offenbart, dass es in der bayerischen Segelszene brodelt.

Vorstandsmitglieder kündigten Reeh die Zusammenarbeit auf und legten ihre Ämter nieder 

Nachdem im Bayerischen Seglerverband (BSV) aus dem amtierenden Vorstand zwei Mitglieder zurückgetreten waren und seitdem nur noch als Sonderbeauftragte zur Verfügung stehen und zwei weitere als kommissarische Vertreter auch wieder ausgestiegen sind, suchte sich BSV-Vorsitzender Dietmar Reeh ein neues Team. Mit dem tritt er nun Ende November erneut zur Wahl an. Seine Mitstreiter sind nun Christian Spöhrer vom Bayerischen Yacht-Club und Jürgen Jentsch vom Segelclub Füssen-Forggensee.

Alternativ dazu wurden von mehreren Mitgliedsvereinen drei weitere Kandidaten ins Rennen geschickt: Sibylle Merk (Bayerischer Yacht-Club, Segelclub Füssen-Forggensee) für das Amt der Vorstandsvorsitzenden sowie für die Position der stellvertretenden Vorsitzenden Markus Reger (Chiemsee-Yacht Club) und Günther Schlegel (Yacht-Club Nürnberg).

Seitdem klar ist, dass eine Alternative für die Führung des BSV zur Wahl steht, offenbart sich in Bayern, dass viele Vereine unzufrieden sind mit der Arbeit ihres Landesverbands. Insbesondere dessen Präsident Dietmar Reeh werfen sie vor, sich ungenügend für ihre Belange einzusetzen.

Viele Vorwürfe gegen den Präsidenten, doch keine offene Opposition aus Angst vor Restriktionen

Offen sagen mag das zwar niemand, doch gegenüber der YACHT wurde der Unmut mehrfach deutlich formuliert.  So heißt es etwa, gute Konzepte müssten nicht nur entwickelt und kommuniziert, sondern auch umgesetzt werden. Das regionale Stützpunktkonzept beispielsweise sei sehr gut, aber die Umsetzung müsse besser werden. Oder im Bereich Training und Schulung dürfe man sich gerade wegen Corona nicht zurückziehen, sondern müsse die Möglichkeiten digitaler Formate viel stärker nutzen, wie bei der Aus- und Fortbildung von Mitgliedern des Wettfahrtkomitees.

Ein Kritiker, der aus Angst vor künftigen Restriktionen gegen seinen Verein gleichfalls nicht genannt werden wollte, äußerte gegenüber der YACHT: "Eine moderne Verbandsführung muss heute sehr von der seglerischen Praxis aus für die Praxis und Basis der Vereine agieren und braucht weniger die blauen Blazer mit goldenen Knöpfen." 

Während sich das Konzept von Dietmar Reeh vorwiegend zentral auf die großen Vereine am Starnberger See und zum Teil auch am Ammersee konzentriert, sehen sich viele der an über 60 Revieren verteilten etwa 200 bayerischen Segelvereine nicht vertreten in der derzeitigen Verbandsarbeit.

Das will das Trio um Sibylle Merk ändern. Räumlich verteilt über ganz Bayern und mit jeweils aktiven unterschiedlichen seglerischen Karrieren wollen die drei Vertreter aller bayerischen Segler und Seglerinnen und Vereine sein.

Merk will kleine und mittelgroße Vereine stärker in den Fokus rücken

Merk, ehemalige Kaderseglerin und Olympiateilnehmerin, hatte anfänglich kommissarisch für den BSV gearbeitet, dann aber wieder aufgehört, um nun selbst für das Amt als Vorsitzende zu kandidieren. Sie betont – neben dem Leistungsbereich, für den sie schon allein qua ihres seglerischen Lebenslaufs steht – die große Bandbreite, mit der die drei die Arbeit des BSV mit frischem Elan nach vorne bringen wollen: "Gemeinsam decken wir ein weites seglerisches Spektrum von den Bereichen Breitensport mit niedrigschwelligem Einstieg in den Segelsport über Inklusionssegeln und Regattasport mit Leistungssport bis hin zum Freizeitsegeln ab. Unsere gemeinsame Kompetenz bietet eine gute Basis, um für alle Segelvereine in Bayern gute Verbandsarbeit zu leisten. Die großen Vereine sind sehr wichtige Träger des Segelsports, aber auch in den mittleren und kleinen Vereinen wird mit viel persönlichem Engagement hervorragende Arbeit geleistet."

Dafür hat sie mit Markus Reger, auch ehemaliger Kadersegler und bereits in kommissarischer Funktion tätig, einen Partner an Bord, der vor allem der Jugend- und Nachwuchsförderung mit dem Ausbau und der Anpassung des DOSB-Stützpunktkonzeptes neuen Schwung geben möchte. Der Dritte im Bunde, Günther Schlegel, kommt aus Franken und aus dem Breitensport – was eine völlig andere Sichtweise in die Verbandsarbeit einbringen würde.

Diese neue Perspektive begrüßt Hermann Wimmer, Vorsitzender des Chiemsee-Yacht-Clubs, der unter anderen die neuen Kandidaten vorgeschlagen hat. Er sieht in der Person Merk eine "lifetime opportunity": "Sibylle Merk ist eine riesen Chance für die bayerischen Segler und den Bayerischen Seglerverband. Aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihrer seglerischen Erfolge und ihrer beruflichen Erfolge ist sie prädestiniert für dieses Amt. Mit einem frischen Geist wird sie neuen Schwung bringen. In Zeiten wie diesen geht es nicht darum, Altes zu bewahren, sondern Zukunft zu gestalten. Merk bringt neuen Wind mit und ist genau die Richtige, um einen Kurs für die Zukunft einzuschlagen", begründet Wimmer den Vorstoß des CYC, neue Wege für den BSV zu beschreiten.

Reeh betont seine Erfolge und dringt auf ein "Weiter so"

Dietmar Reeh wiederum möchte den BSV so weiterführen, wie er es in der abgelaufenen Legislaturperiode begonnen hat. "Meine bisherigen Arbeitsschwerpunkte Jugend, Breitensport, Gemeinnützigkeit und Nachhaltigkeit sollen die Vorstandsarbeit auch in Zukunft prägen", verspricht er den Delegierten. Im Interview betont er die positive Bilanz seiner ersten Legislaturperiode: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, was nicht unbedingt jede Seglerin oder jeder Segler sofort sieht, was aber nachhaltig für die Zukunft des Segelsports in Bayern ist. Mein Team und ich verstehen den Bayerischen Seglerverband als Serviceorganisation für die Vereine."

Noch bis 26. November haben die Vereine Zeit, ihre Stimmen per Briefwahl abzugeben, dann wird ausgezählt. Insgesamt müssen die Hälfte aller Stimmrechte der Vereine abgegeben werden, damit die Wahl gültig ist. Eine große Chance für die kleineren Klubs, die zu einer Präsenzveranstaltung vielleicht nicht eigens angereist wären.

Reeh macht sich Positionen der Konkurrentin zu eigen

Ob es bis zum Ende der Wahlfrist weitere Positionspapiere, Video-Live-Präsentationen oder Ähnliches gibt, bleibt abzuwarten. Zumindest erschien gleich zu Beginn des Wahlaufrufs, nachdem Sibylle Merk dem BSV ihr kurz gefasstes Positionspapier für eine Darstellung auf der Verbands-Webseite übersandt hatte, dort ein Interview mit dem BSV-Vorsitzenden Ditmar Reeh. Darin beschreibt er die von Merk angeführten Punkte nun auch als die seinen.

Ein Fragezeichen ergibt sich vor allem aber aus der Team-Konstellation der beiden Trios. Denn gewählt werden bei Vorstandswahlen keine Gruppen, sondern Einzelpersonen, Posten für Posten. Im Wahlanschreiben haben nun aber Reeh, Spörer und Jentsch angekündigt, ausschließlich in dieser Konstellation die Wahl anzunehmen. Merk und Reger hingegen versichern, für ihre Ämter auch dann zur Verfügung zu stehen, wenn der jeweils andere nicht gewählt werden sollte.

Reeh und seine Mitstreiter wollen nur gemeinsam gewählt werden

Ergibt das Ergebnis tatsächlich eine solche Vermischung und würden dann Reeh, Spörer und Jentsch ihre Ankündigung wahr machen und die Annahme der ihnen angetragenen Ämter ablehnen, würde das eine Wiederholung der Wahl zur Folge haben. Eine Nachfrage der YACHT bei Reeh, ob er im Fall des Falles tatsächlich auf seiner Ankündigung beharren würde, ließ er von Presseobmann des BSV Torsten Fricke beantworten. Doch der war zu einer klaren Aussage nicht bereit. Da es sich "um eine spekulative Frage handele, würde man diese per se nicht beantworten", so Fricke.

Mit Spannung dürften die bayerischen Segler daher nun der virtuellen Mitgliederversammlung am 27. November entgegensehen. Dann wird sich zeigen, ob sich die Mehrheit für den vom Trio um Sibylle Merk versprochenen "frischen Wind" entschieden hat oder lieber den vom bisherigen Amtsinhaber Dietmar Reeh und seinem Team eingeschlagenen Kurs beibehalten will.
 

Sina Wolf am 22.11.2020

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