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Bavaria Yachtbau vor dem Aus?

Die ehemals größte deutsche Werft hat Insolvenz beantragt – Geschäftsführer Lutz Henkel musste gehen – Aktualisierte Version!

Fridtjof Gunkel am 20.04.2018
Bavaria C45 boot Düsseldorf 2018 BSc_
YACHT/Ben Scheurer

Bange Wochen liegen vor den Beschäftigten der einstmals größten deutschen Sportbootwerft. Wie inzwischen mehrere zuverlässige Quellen bestätigt haben, hat die Geschäftsführung der Bavaria Yachtbau einen Insolvenzantrag gestellt.

Zu groß war zuletzt offenbar der Liquiditätsbedarf, um die auflaufenden Verluste zu kompensieren. Deshalb haben die Gesellschafter von Oaktree und Anchorage beschlossen, nicht mehr wie bisher sämtliche Verbindlichkeiten für die Aufrechterhaltung des Betriebs einzugehen.

Dessen Holding ist schon lange bilanziell überschuldet. Die Kredite belaufen sich auf mehrere Hundert Millionen Euro – ein Schuldenberg, der durch den einst überteuerten Kauf der Werft entstand, aber auch durch viele defizitäre Jahre seither.

Lutz Henkel

Kam von Salona: Der ehemalige Bavaria-CEO Lutz Henkel

Der Hauptverantwortliche für die aktuelle Schieflage, CEO Lutz Henkel, musste nach YACHT-Informationen bereits Anfang der Woche seinen Posten räumen. Zunächst hatte es geheißen, die Werft und ihr seit Anfang 2015 angestellter Sprecher der Geschäftsführung hätten sich "in beiderseitigem Einvernehmen" getrennt. Tatsächlich aber war es kein Abschied in Harmonie. Zu groß waren die Löcher in den Bilanzen.

Für die internationale Wassersportbranche kam die Nachricht überraschend. Denn nach mageren Jahren verzeichnen die meisten Werften seit 2016 eine sich stetig bessernde Nachfrage. So plagen fast alle großen Serienyachthersteller eher Produktionsengpässe als ein Mangel an Aufträgen.

Auch Bavaria hatte zuletzt mit Jubel-Meldungen die eigenen Messeerfolge gefeiert und einen "Verkaufsrekord" nach dem anderen verkündet. Das freilich, so zeigt sich jetzt, war lediglich Pfeifen im Wald. Auch der gewaltige Auftritt auf der boot Düsseldorf im Januar ("Bavaria World") sowie diverse Neuheiten sollten nach außen Stärke demonstrieren.

Die Produkt-Palette wurde durch die C 45 und C 50 ergänzt. Obendrein trumpfte Henkel mit einem neuen Flaggschiff auf, der C 65, welche die Marke nach oben erweitern sollte. Allerdings handelte es sich dabei lediglich um eine Neuauflage der schon seit längerer Zeit glücklosen Salona S 650, die durch ein anderes Deck und neues Interieur aufgewertet werden sollte.

Zuviel des Guten und Großen? Dafür spricht einiges.

Denn die Strategie Henkels bedeutete eine Neupositionierung Bavarias gegen die besser aufgestellte Konkurrenz – und die Preisgabe ihres eigentlichen Markenkerns, Fahrtenyachten mit unschlagbar günstigem Preis-/Leistungsverhältnis zu bauen.

Auch intern gab es erkennbar Probleme. Insider berichteten schon im Vorjahr von schwerwiegenden Produktions- und Lieferproblemen, nachdem die bewährte Fließbandmethode modifiziert worden war. So sollen es von der vor einem Jahr vorgestellten C 57 in einem Jahr nur vier Einheiten bis in die Auslieferung geschafft haben, bei einem deutlich höheren Auftragsbestand. Auch hat die Werft zu lange mit der Erneuerung der Flotte gewartet und stattdessen mit großen Rabattaktionen versucht, Bestandsmodelle zu verkaufen.

Die Übernahme der französischen Katamaran-Marke Nautitech im Jahr 2014, vorangetrieben noch unter Henkels Vorgänger Constantin von Bülow, wird dagegen als Erfolg bewertet. Dieses Filetstück der Firma könnte angesichts des weiterhin boomenden Kat-Marktes und der Lage der Werft in La Rochelle an der französischen Atlantikküste von dem Verfahren ausgenommen werden, weil der Betrieb hoch profitabel arbeitet. Er wäre auch ein gut zu veräußernder Firmenteil, sollte sich kein Käufer für das gesamte Unternehmenskonstrukt finden.

Wie es weitergeht, entscheidet voraussichtlich schon am Montag das Amtsgericht in Würzburg, bei dem der Insolvenzantrag gestellt wurde. Die Mitarbeiter am Standort in Giebelstadt wurden heute davon in Kenntnis gesetzt. Dabei blitzte ein Hoffnungsschimmer auf. Für sämtliche Beschäftigte soll es demnach zunächst unverändert weitergehen; zumindestens für die Dauer von drei Monaten sind ihre Jobs gesichert. Denn es liegen genug Aufräge vor.

Gelänge es, den Fortbestand des Unternehmens fürs Erste zu gewährleisten, könnten Verluste für Eigner und Händler, die Boote angezahlt haben, und für Zulieferer, die in Vorleistung gegangen sind, weitestgehend vermieden werden.

Dieser Artikel wurde nach Vorliegen neuer Informationen in seiner Ursprungsfassung ergänzt und überarbeitet. YACHT online wird über den Fortgang des Verfahrens weiterhin laufend berichten.

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Fridtjof Gunkel am 20.04.2018

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