Insolvenz

Bavaria bleibt fürs Erste voll handlungsfähig

Betrieb ist bis zum Sommer gesichert – Produktion und Auslieferung können nahtlos fortgesetzt werden – Neuer Investor für langfristigen Erhalt der Werft gesucht

Jochen Rieker am 23.04.2018
Bavaria Werftgelände 2011
YACHT/M. Amme

Für die Sportbootwerft im fränkischen Giebelstadt kann morgen der Betrieb weitergehen wie bisher. Das ist für die mehr als 600 Beschäftigten, die Händler, Zulieferer und viele Dutzend Kunden, die seit Freitag bange Momente durchlebt haben, ein denkbar positiver Ausblick.

Das Amtsgericht Würzburg, bei dem die Geschäftsführung Mitte voriger Woche Insolvenz beantragt hatte, ordnete heute die vorläufige Eigenverwaltung an – ein sanftes Restrukturierungsverfahren, bei dem die Erfahrung und das Know-how des bestehenden Managements für die Fortführung des Betriebs genutzt werden. Anstelle eines Verwalters treffen die Führungskräfte intern einen Großteil der Entscheidungen, was die Kontinuität der Abläufe gewährleisten soll.

Tobias Brinkmann

Tobias Brinkmann

Sie werden unterstützt von Tobias Brinkmann von Brinkmann & Partner, einer in Hamburg ansässigen, bundesweit tätigen und überaus versierten Kanzlei von Rechtsanwälten, Steuerexperten und Insolvenzverwaltern. Tobias Brinkmann, selbst passionierter Hochseesegler, ergänzt und leitet bis auf Weiteres die Bavaria-Geschäftsführung. Er war schon im Vorfeld als Berater hinzugezogen worden, verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der Werftensanierung und ersetzt CEO Lutz Henkel. Dieser war am vergangenen Dienstag entlassen worden, nachdem die Gesellschafter Kenntnis von einer erheblichen finanziellen Schieflage erlangt hatten.

Hohe Priorität hat zunächst, die Kontinuität zu sichern und bestehende Aufträge abzuarbeiten. Nur wenn das gelingt und die Marke nicht weiteres Vertrauen bei Auftragnehmern und Kunden verspielt, wird sich der zweite Teil der bevorstehenden Aufgabe erfüllen lassen: einen neuen Investor zu finden, der das Unternehmen langfristig stabilisiert.

Obwohl bereits am Freitag alle Mitarbeiter informiert worden waren, dass ihre Stellen für die kommenden drei Monate garantiert sind, kam der Betrieb heute früh kurzzeitig aus dem Tritt. Da das Amtsgericht sich Zeit ließ mit seiner Entscheidung, wurden die Auslieferungen auch vollständig bezahlter und fertig produzierter Yachten blockiert – ein juristisch korrekter, für die wartenden Spediteure und Eigner jedoch höchst irritierender Schritt.

Solche Erfahrungen sollten sich künftig nicht mehr wiederholen. Erik Appel, Mitglied der Geschäftsführung und für Produktion und Prozesse verantwortlich, beteuerte in einer Stellungnahme: "Wir wollen die Kunden auch in der aktuellen Situation in der gewohnt hohen Qualität beliefern.“

Bavaria verfüge "über langjährige Erfahrung" im Yachtbau und zähle "in vielen Bereichen zu den Technologieführern in der Branche", so Appel. Vor diesem Hintergrund wolle man sowohl strategische Investoren wie auch Finanzinvestoren ansprechen. Ziel des Verfahrens ist es, den Betrieb nachhaltig auf eine solide Basis zu stellen. Erste operative Restrukturierungsschritte wurden bereits umgesetzt, wie die Einführung klarer Organisationsstrukturen im Produktionsprozess. Diese Aktivitäten sollen konsequent fortgesetzt werden.

Ein Vertreter der Gesellschafter von Anchorage und Oaktree bestätigte unterdessen auf Nachfrage von BOOTE, einer Schwesterzeitschrift der YACHT, dass einer der Hauptgründe für die finanzielle Misere mangelnde Effizienz in der Fertigung sei.

Der Anlauf mehrerer neuer, teils sehr komplexer Modelle sowie die Umstellung auf ein modifiziertes Produktionsverfahren, bei dem große Yachten nicht quer, sondern längs am Band komplettiert werden, habe die Prozesse erheblich belastet. Der ausgeschiedene Bavaria-Chef Lutz Henkel hatte dieses Verfahren unlängst noch gerühmt. Tatsächlich hat es der Werft jedoch viele Millionen Euro an Verlusten gebracht. Warum dies erst jetzt bekannt und nicht viel früher korrigiert wurde, zählt zu den noch offenen Fragen des Falls. 

Nautitech Open 46 Fly

Nicht betroffen: Kat-Fertigung bei Nautitech

Positiv dabei: Der Insolvenzantrag bezieht sich ausschließlich auf die Bavaria Yachtbau GmbH, wie Brinkmann & Partner in einer Mitteilung von heute abend hervorhob. Die französische Tochtergesellschaft Bavaria Catamarans in Rochefort – besser bekannt unter dem Markennamen Nautitech – kann ihren Geschäftsbetrieb zunächst ungeachtet der Insolvenz in Giebelstadt normal weiterführen. 

Jochen Rieker am 23.04.2018

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