Blauwasser-Blog

Atlantikrunde auf neun Metern: drei Monate Karibik-Segeln

Seit Wochen segelt die "Andiamo"-Crew von Insel zu Insel. Doch es wird Zeit, den Transatlantiktörn zurück nach Europa zu planen und die Zeit im Mini 6.50 danach

Kristina Müller am 31.03.2019
Sailing Andiamo
Burke/Ahlhaus

Momente wie dieser machen den Törn der jungen Crew unvergesslich: Das Boot hängt am Anker, die Sonne versinkt hinter der Insel im Meer

Im August 2018 sind Lennart Burke und Valentin "Vale" Ahlhaus, Freunde und Melges-24-Segler aus Stralsund, zu einer Atlantikrunde mit einer alten IW-31 aufgebrochen. Nach abenteuerlichen ersten Etappen bis Frankreich, einer Biskaya-Überquerung gegen die ZeitBuchtenbummeln auf den Kanaren und Kapverden haben sie ihr Schiff für den großen Sprung vorbereitet und schließlich in 18 Tagen den Atlantik überquert. Nach der Atlantikrunde im Fahrtenseglermodus will Lennart Burke am Mini-Transat 2021 teilnehmen. Auf YACHT online berichtet er vom Weg dahin.

Wenn ich nicht erst 20 wäre und noch mein ganzes Leben vor mir hätte, würde ich sagen: Hier, in der Karibik, möchte ich alt werden. Zeit spielt keine Rolle, das Leben wird meist einfach gehalten, die Menschen sind offen und herzlich, und zu guter Letzt können wir uns voll und ganz dem Segeln entlang der karibischen Küsten widmen.
Wir haben sie gefunden, die grenzenlose Freiheit.

Sailing Andiamo

Mit dem Dingi unterwegs

In den knapp zweieinhalb Monaten, die Vale und ich nun segelnd in der Ostkaribik verbracht haben, durften wir sie erleben und lieben lernen. Wir haben allerdings auch erkannt, was es heißt, wenig zu haben oder von dem zu leben, was das natürliche Umfeld einer Insel so bietet.

Inselhopping in der östlichen Karibik

Hier mit einem Segelboot unterwegs zu sein ist ein Privileg. Es bedeutet grenzenlose Freiheit. Entfernungen werden durch den konstant und kräftig wehenden Passat nahezu irrelevant. Die Temperaturen sinken so gut wie nie unter 25 Grad, und wenn es über 30 Grad geht, sorgt der Passatwind für eine wohltuende Klimatisierung. Sei es die Vegetation, die Kultur oder die unzähligen Ankerbuchten und Segelrouten – die Ostkaribik bietet eine unglaubliche Vielseitigkeit.

Sailing Andiamo

Perfekte Bedingungen. unter Schmetterling von Insel zu Insel 

So haben wir nun schon 15 Inseln anlaufen können: von Barbados über Grenada und Carriacou in die Grenadinen (Union Island, Tobago Cays, Bequia), von dort nach St. Vincent, anschließend drei kurze Aufenthalte auf St. Lucia, danach Martinique, Dominica, Guadeloupe, Antigua, Montserrat, Saint Martin und jetzt die Britischen Jungferninseln.

Auf allen Inseln erlebten wir Momente, die unvergesslich bleiben. Mal sind es Menschen, die wir getroffen haben, mal Wanderungen, die besonders herausfordernd waren, mal Ankerplätze, die nicht besser hätten sein können, mal Segelpassagen, die nervenaufreibend waren.

Im Blauwasser-Rhythmus: segeln, ankommen, ankern

Wenn ich drei Dinge nennen soll, die uns zur echten Gewohnheit geworden sind, dann sind es vor allem das Ankern, das Einklarieren und die Passagen zwischen den Inseln.

Sailing Andiamo

Einsam vor Anker. Eine gewisse Zeit lang ist die "Andiamo" autark, schon der Vorbesitzer hatte die betagte Yacht für große Reisen ausgerüstet

Ankern ist zwar schon Alltag, aber immer wieder spannend. Wir haben spürbar ein gutes Gefühl für die richtige Ankerstelle und die resultierenden Fragen entwickelt: Wo lassen wir den Anker auf Grund fallen? Wie viel Kette sollten wir geben, und in welchem Bereich bewegt sich anschließend das Schiff bzw. haben wir ausreichend Bewegungsfreiheit?

Das mit dem Schwoikreis ist manchmal so eine Sache. Denn wenn sie nicht gerade voll von Riffen, Felsen oder anderen Hindernissen sind, sind manche Ankerbuchten extrem überfüllt. Dann einen Platz mit "genügend" Freiraum, nicht zu großer Wassertiefe und möglichst in Landnähe zu finden ist manchmal wirklich schwierig oder mit Risiken verbunden.

Sailing Andiamo

Was die Bordküche hergibt...

Einklarieren wurde uns vor der Reise als sehr lästig, nervenaufreibend, zeitraubend und kostspielig beschrieben. Anfangs auf Barbados und Grenada war es das auch. Mit der Zeit ließen wir es aber zu einem Teil der Reise werden, und als wir das akzeptiert hatten, war es kaum noch lästig, sondern eher abenteuerlich. Zeit darf beim Einklarieren keine Rolle spielen und sich behaupten zu wollen oder Druck auf die Beamten ausüben ist ebenso fehl am Platz. Denn genau dann lassen sie sich extra viel Zeit. Oft vergnügen sie sich mit Witzen untereinander und wenn man dann im passenden Moment mitlacht – selbst wenn man gar nichts verstanden hat –, kommt das auch sehr gut an.

Sailing Andiamo

Selten fällt die Temperatur unter 25 Grad

Die Passagen zwischen den Inseln waren meistens sehr spannend. Von Grenada nach Carriacou rechneten wir beispielsweise für 20 Seemeilen mit zirka fünf Stunden Fahrt und etwa 20 bis 25 Knoten Wind aus östlicher Richtung. Doch am Ende wurden es 45 Seemeilen Kreuzkurs, zehn Stunden Segelzeit, ordentlich Strömung und bis zu 32 Knoten Wind.

Das war alles andere als gemütlich, eher nervig aufgrund der miserablen Wendewinkel und des schrecklich langsamen Speeds. Als es näher an die Insel ging und die Wellen kleiner wurden, waren wir dann auch noch die letzten, die sich draußen abmühten und versuchten, in die Tyrrel Bay von Carriacou zu kreuzen. Bei den letzten uns überholenden Schiffen erkannten wir aber, dass sie alle ihre Motoren mitlaufen ließen, und das sorgte natürlich für wesentlich mehr Geschwindigkeit und etwas mehr Höhe zum Wind.

Sailing Andiamo

Lennart Burke an der Pinne der IW-31 "Andiamo"

Von Bequia nach St. Vincent hatten wir ebenso eine heftige Strömung, vor der wir schon im Voraus gewarnt wurden. Durch den ansteigenden Meeresgrund und die herrschende Strömung entstand zudem eine konfuse Welle, sodass wir uns wie beim Rodeo-Ritt auf dem Wasser fühlten. Einem sehr nassen Rodeo-Ritt...

Es gab aber auch traumhaft schöne Passagen, wie von St. Vincent nach St Lucia. Raumer Wind, 5 bis 6 Beaufort, Wellen surfen und ein Topspeed von 14 Knoten. Und manche Etappen versetzten uns zurück in den Rhythmus der Atlantiküberquerung, wie die von Antigua nach Montserrat: Schmetterling (Fock nach Luv ausgeräumt) segeln, kräftiger Passat und ein leichtes Rollen des Schiffes. Ein äußerst schönes und vertrautes Gefühl.

Kriminalität war oft ein Thema vor Beginn der Reise. Viele warnten uns,  denn im Internet gab es eine Menge darüber zu lesen. Natürlich haben wir uns daraufhin auch Gedanken zum Thema Sicherheit gemacht, z.B. wie wir uns am besten im Boot bei Nacht einschließen können. Wir haben dafür sogar eine Vorrichtung gebaut, aber bis heute nie benutzt, denn wir fühlen uns hier einfach zu sicher, um uns freiwillig im Boot einzuschließen.

Sailing Andiamo

Landausflug

Einige Kleinigkeiten beachten wir dennoch. Wir schließen immer das Dingi an (inklusive Tank und Motor), wenn wir es nicht im Auge haben. Und immer, wenn wir das Boot verlassen – egal wie lange – verriegeln wir es. Sicherlich passiert hier und da mal etwas, man hört ja immer viel, aber das ist zuhause ja nicht anders. Zwei Meilen vor der Küste von St. Vincent ist einmal eine kleine Nussschale mit zwei Männern auf uns zugerast und da dachten wir, nun ist es soweit, jetzt werden wir überfallen, und das auch noch am helllichten Tag, während des Segelns.

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Kristina Müller am 31.03.2019

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