Weltumseglerin

Alter schützt vor Reise nicht

Jeanne Socrates, 74, brach Donnerstag von Kanada aus neuerlich zu einer Solo-Nonstop-Weltumsegelung auf, mit Blick auf einen weiteren Rekord

Dieter Loibner am 22.10.2016
Jeanne Socrates

Verfolgt von Kameras: Jeanne Socrates beim Start in Victoria

Donnerstagmorgen um 10:20 Uhr Ortszeit an der kanadischen Westküste war es wieder so weit: Jeanne Socrates und ihre vertraute Najad 380 "Nereida” gingen über die Startlinie bei Ogden Point, der die Hafeneinfahrt von Victoria markiert, der Provinzhauptstadt von Britisch-Kolumbien. Es war flau und grau, mit einem Hauch aus Südost, und es war ein kleines Volksfest mit Fotobooten und Kameraleuten. Denn dieser Moment könnte vielleicht mal in die Annalen eingehen, nämlich wenn Socrates hierher zurückkehrt, nach etwa 27.000 Seemeilen, die so eine Nonstop-Tour um die Welt nun mal an Länge hat und in deren Verlauf alle fünf große Kaps zu runden sein werden.

Jeanne Socrates

Leinen los: Am Steiger vor dem berühmten "Empress"-Hotel ging die Reise los, und hier soll sie im Sommer 2017 auch enden

Dabei fing es gar nicht gut an. Der Start wurde zweimal durch technische Probleme verzögert, ausgerechnet mit dem Iridium-System, das sie diesmal an Bord hat und auf das sie mächtig stolz ist, weil sie damit unterwegs "leichter erreichbar” sein soll – sie, die am liebsten über Kurzwelle mit befreundeten Funkern auf der ganzen Welt tratscht. Die Satellitenkommunikation versagte schon bei einem Testschlag am Tag zuvor, der durch die naheliegende, aber ungemütlich raue Haro Strait führte. Ein Ersatzteil wurde in Windeseile vom Hersteller geschickt, das danach noch eingebaut und getestet werden musste. Aber Ende gut, alles gut: Ein Techniker bügelte alles aus, und so konnte es am Donnerstag losgehen, nachdem Offizielle des Ocean Cruising Club die Antriebswelle ihrer Hilfsmaschine plombierten.  

Soloweltumseglerin

„Nereida" und Jeanne Socrates beim Zieleinlauf von 2013

Im Sommer 2013 beendete die rührige und unverwüstliche Britin, die früher an der Uni Mathematik unterrichtete und erst mit 52 Jahren zum Fahrtensegeln gekommen war, ihre dritte Einhandweltumsegelung. Und weil sie unterwegs nie Land betrat, galt dies auch als Nonstop-Reise, womit sie zur ältesten Frau wurde, die diese Leistung je erbrachte, was ihr einen Erwähnung bei "Guinness" und zahlreiche Auszeichnungen einbrachte, u. a. auch die begehrte Bluewater Medal des Cruising Club of America. Dabei waren ihre Segelambitionen anfangs eher noch auf herkömmliches Fahrtensegeln mit ihrem Ehemann George beschränkt, doch nach dessen Tod verlegte Socrates sich auf Einhandabenteuer. Sie erlitt dabei kapitalen Schiffbruch an der mexikanischen Küste und scheiterte bei zwei anderen Nonstop-Versuchen mit Sturmschäden, zu deren Behebung sie 2009 Kapstadt in Südafrika beziehungsweise 2011 Ushuaia in Feuerland anlaufen musste. 

Jeanne Socrates

Die aufgefrischte „Nereida" nimmt die 27.000 Meilen in Angriff, die vor dem Bug liegen

Nun also die vierte und es soll die zweite Nonstop-Fahrt werden, und ohne Hilfe von außen, auf dass sie nicht nur älteste Frau, sondern auch ältester Mensch werde, dem dies gelingt. "Ich habe für acht bis neun Monate proviantiert”, sagte Socrates YACHT online vor dem Start. Heißt, sie rechnet mit einer Rückkehr im Sommer 2017, kurz vor ihrem 75. Geburtstag. Das ist mehr als eine bloße Randnotiz, denn im Augenblick heißt der Methusalem der Soloweltumsegler Minoru Saito, der dieses Kunststück 2005 zuwege brachte, bei seiner damals siebten (!) Weltumsegelung, die er im zarten Alter von 71 Jahren und 150 Tagen beendete. 

Lesen Sie dazu unser Exklusivinterview mit Jeanne Socrates in YACHT 22/16.

 

Dieter Loibner am 22.10.2016

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