30 Jahre Deutsche Einheit

Als die Grenzen auf dem Wasser fielen

1990 vereinigten sich die beiden deutschen Staaten. Schon 1989, als die Mauer gefallen war, überwanden Segler die Grenze auf der Ostsee. Zeitzeugen berichten

Uwe Janßen am 03.10.2020
Mauerfall
U. Schaper

Rübergemacht: Die bundesdeutschen Yachten "Cooled only" und die "Unglaublich" kurz nach dem Mauerfall beim ersten Besuch in Wismar

Der erste Wassersportler der DDR, der über die Blaue Grenze in den Westen kam, war Siegfried Mitschard. Bald darauf brachen auch im Westen zwei Yachten auf und machten rüber. Mit an Bord: die Hamburgerin Undine Schaper. Die YACHT hat die beiden vor sechs Jahren anlässlich des damals 25. Jahrestages des Mauerfalls an einen Tisch gebracht.

Die seinerzeitige Aufzeichnung des Gesprächs ist auch ein Dokument seglerischer Zeitgeschichte: Die scharf bewachte Seegrenze, an der bei Fluchtversuchen mehr Menschen zu Tode kamen als an der Mauer, die „No-go-Area“, die vor Südschweden nur einen schmalen Korridor ließ und die Lübecker Bucht durchtrennte – alles war weg, mit einem Mal. Auch das Segeln auf der Ostsee änderte sich mit diesem Datum dramatisch, dem 9. November 1989.

Mauerfall

Mitschards „Latovia“: das erste DDR-Boot, das legal in den Westen rübermachte

Siegfried Mitschard war mit einer Gruppe von Anglern unterwegs, als er im Radio hörte, was in Deutschland los war und sich spontan entschied, den Grenzübertritt zu wagen, ohne Seekarten, ohne Navigationsmittel. Erst als die Männer am „Paradieswächter“ kontrolliert wurden, dem Kriegschiff, das auf das vermeintliche sozialistische Paradies aufpassen sollte, wurde ihnen mulmig: „Wenn hier jetzt einer durchdreht, dann versenken sie uns, und kein Mensch kriegt es mit.“ Immerhin: Es galt noch DDR-Recht, es galt der Schießbefehl. Aber auf wundersame Weise wurde der Crew die Ausreise gestattet, und gestandene Männer lagen sich in den Armen und weinten.

Ein paar Wochen später machten sich von Lübeck aus zwei West-Yachten auf den Weg in den Osten, die J 24 „Unglaublich“ und die Sprinta Sport „Cooled only“. „Mulmig war uns auch", sagte Undine Schaper, die als Crew auf der „Unglaublich“ fuhr. Auch sie wurden kontrolliert, aber sie erreichten Wismar und wurden von einer jubelnden Menge empfangen. „Es war in diesen Tagen überall das Gleiche“, berichtet Schaper, „auf allen Straßen, in allen Orten: Die Menschen haben gewunken, sich umarmt und wahnsinnig gefreut.“

Mauerfall

Die begehrte PM 18: Ohne diese Erlaubnis durfte man nicht einmal zum Angeln hinausfahren

In der YACHT-Ausgabe 23/2014 erinnerten sich die beiden an dramatische Tage und ihre Törns voller Risiken und Ungewissheit. An ihren eindrücklichen Schilderungen lässt sich erahnen, wie bewegend es damals zuging. Mitschard etwa hatte bald kapiert, dass es mit den Repressionen durch die DDR-Diktatur zu Ende war: „Wir dachten: Mensch, jetzt können wir überall hin, jetzt brauchen wir keinen mehr zu fragen! Als das klar war, habe ich mir sofort ein Segelboot gekauft.“ 

Auf der folgenden Seite das Gespräch der beiden über ihre Erlebnisse von vor nunmehr über 30 Jahren.

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Uwe Janßen am 03.10.2020

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