Blauwasser

Alle Mann und Frau auf Kurs

Lüchtenborg kämpft / Rövers feiern Bergfest / Engländerin will älteste Nonstop-Weltumseglerin werden

Pascal Schürmann am 15.10.2009

Bernt Lüchtenborg kämpft mit widrigen Bedingungen und technischen Problemen

Fotostrecke: Alle Mann und Frau auf Kurs

Die einen im Indischen Ozean, der andere nahe des Südmeers, die Dritte im Atlantik – spannende Weltumsegelungs-Vorhaben allerorten. Der aktuelle Positionsreport:

Bernt Lüchtenborg,

"109. Seetag — Sturm! Was sonst in den Roaring Fortys. Bin im Außendienst. Dazu passend der Ocean-Schwerwetteranzug von www.parasail.de. Warm, trocken, super. Danke, Alex. Über Wochen, Tagen und Nächten in solchen Bedingungen unterwegs zu sein macht mürbe. Um sich abzulenken, liest man am besten Geschichten, wo es den Protagonisten noch beschissener geht. Zum Beispiel "Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allan Poe. Den düsteren Klassiker vom Meister des Morbiden las ich im Schein der Kopfstirnlampe in einer seltsamen Art von Verlassenheit. Dieser Törn ist extrem. Hab zwar gewusst, das mach ich nicht mal eben so und hatte auch nicht die Illusion, hier nur die pure Meereslust anzutreffen, aber dass es so hart kommt, hätte ich nie für möglich gehalten. Damit meine ich nicht die Naturgewalten, den Respekt vor der See, sondern die ganzen technischen Probleme. Es gibt an Bord kaum noch etwas, was funktioniert. Aufgabe? Daran denk ich nicht. 80 ltr. Wasser in der Bilge, ein schwer gehendes Ruder, Motor und Autopilot defekt werden mich nicht davon abbringen, meinen Weg weiter zu gehen."

Deutlich besser ergeht es da dem Hamburger Weltumseglerpaar Judith und Sönke Roever. Die beiden überqueren den Indischen Ozean dieser Tage in umgekehrter Richtung wie Lüchtenborg — und freuen sich aktuell darüber, dass sie die Hälfte der gut 2.000 Seemeilen langen Passage hinter sich haben. Ihr Bericht:

"Gestern Abend ist es so weit: 1.001 Seemeilen haben wir im Kielwasser gelassen, und 1.001 Seemeilen liegen noch vor uns. Wir feiern Bergfest. Keine große Sache, aber schön. Die Luft ist noch tropisch warm, und so setzen wir uns zusammen ins Cockpit unter die Sterne und trinken jeder ein Bier. Prost Indik. Der eiskalte Hopfenblütentee läuft die Kehle runter, und wir sprechen noch einmal über die letzten sieben Tage. Über unser Erinnerungsschild an der Palme, über das Einschaukeln in der Achterbahn und das Geklapper und Geklöter in den Fächern. Aber auch über die nervigen Squalls sowie das Fußballspiel im Sturm und natürlich über die lästigen Tintenfische.

Und während wir so in Erinnerungen schwelgen und “The final countdown” von Europe aus den Boxen erklingt, dreht der Wind schleichend von Südost auf Ost. Da wir unter Windfahnensteuerung segeln, folgt "Hippopotamus" dem Wind. Eben fuhren wir noch nach 250 Grad, nun nach 210 Grad. Arbeit ruft. Also bauen wir die Segelstellung um. Das Groß bleibt auf Steuerbord, und die Fock baumen wir auf Backbord aus. Wir stellen die Windfahne auf einen Kurs mit Wind von hinten ein und lehnen uns wieder zurück. Das läuft. Und wie das läuft. Wieder und wieder klettert die Logge auf über acht Knoten! Ein märchenhafter Zustand. Wir fühlen uns wie Sindbad der Seefahrer bei Tausendundeiner Nacht auf seinen Reisen über den Indischen Ozean. Wobei der Titel des Buches sicher einen Schreibfehler enthält. Müsste es nicht vielmehr Tausendundeine Meile heißen?

Dritte im Bunde ist schließlich die Engländerin Jeanne Socrates. Sie ist 67 Jahre alt und seit Anfang der Woche unterwegs, die Welt ebenfalls zu umsegeln. Und zwar einhand und nonstop. Schafft sie es, wäre sie die älteste Weltumseglerin.

Sie kann auf viel Erfahrung zurückgreifen. Socrates ist bereits seit vielen Jahren passionierte Blauwasserseglerin, erst gemeinsam mit ihrem Ehemann, später, nach seinem Tod, als Einhandseglerin. Sogar das berüchtigte Transpac-Rennen von Kalifornien nach Hawaii hat sie einhand bestritten. Eine Strandung hat sie allerdings auch schon erlebt.

Am Montag ist Socrates nun von den Kanaren aufgebrochen. Ihr Boot ist eine brandneue Najad 380. Ihre ersten Berichte von Bord:

"Ich nehme das Boot nicht zu hart ran, teils, weil ich mich noch daran gewöhnen muss, wie es segelt, teils, weil mir klar ist, dass ich noch ein ganzes Stück vor mir habe und das Rigg nicht zu sehr beanspruchen will. Ich hole den bis jetzt unbenutzen Gennaker raus, um ein bisschen mehr Speed zu erzielen. Es könnte ein nützliches Experiment sein: neues Boot, neue Segel. Ich will sichergehen, nicht wieder den gleichen Fehler wie vor einer Woche zu begehen, als wir ihn vor Pto. Calero setzten.

Der Wind soll weiterhin aus Nordost bis Nordnordost kommen, vielleicht mit einer Drehung nach Nordwest für eine gewisse Zeit während der nächsten Tage, und nicht allzu stark wehen. Die Route östlich der Kapverden dürfte besser sein als die westlich herum wegen des Hochdruckgebiets dort.

Ich schreibe dies, während ich meine Lieblings-Startmenü heißmache: ein Ratatouille-Stew. (Noch mal ein Dankeschön an Sally fürs Kleinschneiden, sodass alles vor der Abfahrt gekocht werden konnte. Es reicht für drei Abendmahlzeiten, mindestens.) Gestern gab es Tintenfisch, gekocht in grünem Olivenöl mit viel Zitronensaft. Lecker!

Draußen ist es ruhig, aber sehr dunkel. Es ist bewölkt, und der abnehmende Mond geht noch lange nicht auf. Nichts und niemand ist da, nur ich, das Boot, das dunkle Meer und der dunkle Himmel. „Nereida“ ist wie ein kleiner Kokon inmitten des Ozeans, ich bin geborgen und fühle mich ihr vertraut. Heute scheint das aufgewühlte Wasser nicht zu phosphoreszieren, im Gegensatz zu der Strecke von Guernsey zu den Kanaren, als es den Anschein hatte, dass Hunderte von Diamanten im Wasser funkelten.

Amüsanterweise hatte ich nach dem nervigen Kapitän der „Jigawa“ jetzt die Nacht hindurch Kontakt mit den Wachleuten auf der „Rofos“, einem Tanker, der nach Cotonou im westlichen Afrika unterwegs ist. Typisch nette Phillipinos, die fasziniert waren von dem Gedanken, dass da eine Frau einhand neben ihnen hersegelt. Als sie meinen Kurs kreuzten, hatten sie den Kurs geändert, um hinter meinem Heck zu passieren, ohne dass ich sie nach ihren Absichten hatte fragen müssen.

Heute morgen frühstückte ich, nachdem ich mich an Deck umgeschaut hatte (diesmal kein Tintenfisch!). Als ich meinen Blick danach wieder schweifen ließ, entdeckte ich zu meiner Überraschung eine kleine Yacht ganz nah an Steuerbord von mir, die meinen Kurs kreuzte. In dem Augenblick ging die See hoch, der Wind hatte gerade zugenommen, sodass beide Schiffe ganz schön in Bewegung waren. Ich änderte meinen Kurs, um hinter dem anderen durchzugehen, und funkte es an. Der Skipper kam an Deck; er hatte nicht bemerkt, dass ich da war, bis er schließlich meinen Funkspruch mitbekam. Bob war mit seiner „Sylph VI“ ebenfalls einhand unterwegs und jetzt auf dem Rückweg, nachdem ein paar Jahre lang den Nordatlantik durchsegelt hatte. Er wollte sich Zeit lassen und jetzt auf dem Weg nach Adelaide über Brasilien und die Magellanstraße noch hier und da Stopps einlegen. Wir haben eine Weile geschwatzt und uns verabredet, später am Tag noch mal Kontakt aufzunehmen. Aber sein Boot war kleiner, ich war dann schon zu weit vor ihm. Als ich am Nachmittag ihn anrief, merkte ich, dass ich sein Schiff nicht mehr sehen konnte und wir den Funkkontakt verloren hatten.

Zeit fürs Essen ... Im Augenblick sind keine Schiffe in der Umgeburg, Wir befinden uns mehr als 100 Meilen von der westafrikanischen Küste entfernt. Hoffentlich weit genug, um keinen unbeleuchteten Fischerbooten zu begegnen. „Gute Nacht“ von der „Nereida“ ....

Ein großes Porträt über Jeanne Socrates erscheint übrigens am 18. November in YACHT 24/09.

Pascal Schürmann am 15.10.2009

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