Nachruf

A&R-Chef Hermann Schaedla ist tot

Der Enkel von Henry Rasmussen, jahrzehntelang am Ruder der angesehensten deutschen Werft, verstarb am Montag im Alter von 76 Jahren

Jochen Rieker am 22.04.2011
A&R-Chef Hermann Schaedla ist tot

Hermann Schaedla

"Denk Dir ein Bild. Weites Meer. Eins Segelschiff setzt seine weißen Segel und gleitet hinaus auf die offene See. Du siehst, wie es kleiner und kleiner wird. Wo Wasser und Himmel sich treffen, verschwindet es. Da sagt jemand: nun ist es gegangen. Ein Anderer sagt: es kommt."

Mit diesen Zeilen von Peter Streiff verabschiedeten sich gestern die Angehörigen von Hermann H. Schaedla in großen Traueranzeigen. Ein treffendes Bild für einen Menschen, der den Bootsbau geprägt hat wie kaum ein Zweiter, und der bei allem Geschäftssinn immer Segler geblieben ist, leidenschaftlicher Wassersportler, Ship Lover.

Auch die Belegschaft von Abeking & Rasmussen nimmt Abschied: "Mit Mut, Pioniergeist und unternehmerischer Verantwortung hat er die Entwicklung der Werft mehr als 50 Jahre lang geprägt", heißt es in ihrer Traueranzeige. "Seine Menschlichkeit, seine Offenheit und Geradlinigkeit bleiben für uns ein Vorbild."

Das schwere Erbe von Großvater Jimmy
Sein Großvater, Henry "Jimmy" Rasmussen, hatte ihm einst große Schuhe hinterlassen, die nicht leicht auszufüllen waren. Der 1877 im dänischen Svendborg geborene Bootsbauer war schon zu Lebzeiten eine Institution. Bei der Bremer Vulkan Werft von Alfred Schöne sehr gefördert, perfektionierte er Wissen und Fertigkeiten, aber auch Verhandlungsgeschick und Trinkfestigkeit. Mit 30 Jahren gründete er in Lemwerder mit Freund Georg Abeking die "Bootswerft Abeking & Rasmussen", mitten hinein in die von Kaiser Wilhelm II. ausgelöste Segelsport-Euphorie. 

Rasmussen zeichnete und baute Yachten, ähnlich wie Nat Herreshoff, William Fife oder – um in der Heimat zu bleiben – Max Oertz in Hamburg. Im dritten Jahr waren es schon fast hundert Boote! Immer umfangreicher geriet das Baunummern-Buch, das akribisch geführt wurde: darin viele Meterklasse-Yachten, aber auch Küstenkreuzer, Nationale und Schärenkreuzer.

Legendär sind die Serienboote von A&R, darunter die Concordia Yawls. Elizabeth Meyer, die selbst eine hatte, aber bekannter wurde als Eignerin der J-Class "Endeavour", bezeichnete die A&R-Bauten einmal als "wunderbare Geschöpfe der Bootsbaukunst". 1959 starb "Jimmy" – ein Lebenswerk hinterlassend wie nur ganz wenige seiner Zeit.  

A&R-Chef Hermann Schaedla ist tot

Serienbau im US-Auftrag: Die legendäre "Concordia Yawl" war ein Exportschlager. Nur ein Boot segelt an deutschen Küsten

Fast unmöglich für den Enkel, in Fußstapfen dieses Formats zu treten. Und sicher war Hermann Schaedla ein anderer Typ. Kein Gründer, nicht unternehmerisch groß geworden wie der Großvater, sondern hineinkatapultiert in ein bestehendes Ganzes. Auch kam er in schwierigen Zeiten an Bord. Und als familiärer Quereinsteiger. Doch was er aus A&R schuf, wie er den Betrieb weiterentwickelte, war gleichsam ohne Beispiel.

Ihn einzuordnen, fällt allein schon verwandtschaftlich nicht ganz leicht. Der Bruder von Henry Rasmussens zweiter Frau, Hans Schädla, verliebte sich in die aus erster Ehe stammende Rasmussen-Tochter Anna-Ragnhild. Die beiden zogen in die USA und bekamen ein Kind – Hermann Schaedla.

Er wuchs in Californien auf, studierte in Stanford. Als junger Mann wollte er seinen Großvater besuchen, flog nach Deutschland, und nahm prompt eine Lehrstelle als Bootsbauer an. Ein Einberufungsbescheid aber zwang ihn zurück in die Staaten, wo er bei der Navy diente. Als Henry Rasmussen 1959 starb, übertrug er den damals stattlichen Betrieb seinem Enkel als Hauptgesellschafter – der wie aus allen Wolken fiel. 

Die Herausforderung für den "Junior"
Mit 25 Jahren stand er fast 700 Mitarbeitern vor. Alleine freilich war er nicht. Es gab ein gutes Führungsteam, darunter Werft-Direktor Horst Lehnert, ein erfahrener Mann.

Schaedla erlebte zunächst eine wechselvolle Phase. Die Nachkriegsjahre waren zwar überstanden, der Wiederaufbau bescherte Deutschland eine lang anhaltende Boomphase. Aber der Herrensport Segeln entwickelte sich ganz allmählich zum Breitensport. Und die Ära des Kunststoffbotsbaus stand bevor. 

A

Das legendäre Holzlager. Mit dem Ende des reinen Holzbootsbaus wurde es obsolet

Genug Umbrüche und Herausforderungen für einen Novizen, ein so großes Schiff wie A&R auf ein Flach zu steuern. Zumal 1962 ein Brand größere Teile der Werft vernichteten. Doch Hermann Schaedla, der Amerikaner, der stets seinen leichten US-Slang behielt, navigierte mit Geschick. 

Er baute die Werft nach und nach zum Spezialisten fürs schwere Fach um. Erweiterte das technologische Know-how, baute Kompetenz im Aluminiumbootsbau und in Faserverbundstoffen auf. So lieferte A&R unter seiner Leitung DGzRS-Rettungsboote, spezialisierte Marineschiffe, und mehr und mehr auch Superyachten. Damit entfernte sich A&R zwar von seinen Wurzeln, blieb sich aber treu als Lieferant bester Qualität und ausgefuchster Konstruktionen.

Die technologische Weiterentwicklung der Werft
Einzelne Boote aus dem ungemein breiten Katalog herauszugreifen, erscheint da fast widersinnig und wird stets unvollständig bleiben. Aber es lässt sich so zumindest erahnen, welche Entwicklung die Werft unter Hermann Schaedlas Führung nahm. So baute A&R von 1948 bis in die sechziger Jahre die Hansa-Jolle, erstes Serienboot der Nachkriegsjahre. Drei "Rubine" von Hans-Otto Schümann kamen von der Weser, mehrere "Germania" für Krupp, darunter die letzte, heute noch segelnde "Germania VI", später dann Maxis wie die "Extra-Beat" für Fiat-Chef Agnelli oder "Hetairos", ein Retro-Klassiker im XXL-Format.

A

Die Hansa-Jolle von 1948. Mit ihr fasst A&R nach dem Krieg wieder Tritt

Bis zu Letzt sah man Hermann Schaedla, der die Leitung der zwischenzeitlich zur Aktiengesellschaft umfirmierten Werft vor drei Jahren seinem Sohn Hans übertragen hatte, noch auf Regatta-Veranstaltungen, bei Seglertreffs. Vor allem klassische Yachten hatten es ihm angetan. "Stillstand mochte er nicht", schrieb der Weserkurier gestern in einem Nachruf und zitierte ein Motto des Unruhegeists: "Der liebe Gott hat uns einen Kopf auf die Schultern gesetzt, damit wir denken können".

  

Hermann Schaedla starb am Montag plötzlich und unerwartet, eine große Lücke hinterlassend. Wie sein Großvater "Jimmy" war er ein halbes Jahrhundert an der Spitze der angesehensten deutschen Yachtwerft gestanden. 

Zum A&R-Archiv des Freundeskreises Klassische Yachten

Jochen Rieker am 22.04.2011

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

    ANZEIGE

    Das könnte Sie auch interessieren

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online